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Hölderlin – Hans Bethge

Wenn ich an Dich denke, o Hölderlin, sehe ich den Frühling. Ich sehe den Frühling in einem welligen Land, ein kleiner Fluss strömt durch die dämmernden Auen, und durch die laue, müdemachende Luft klingt das schwermütige Lied einer Flöte. Sonst ist es still. Am westlichen Himmel blüht ein lockendes Abendrot. Einen einsamen Wanderer aber sehe ich schreiten: den Flötenspieler. Er schreitet langsam den Fluss entlang, spielt seinen Schmerz und all seine dumpfe Lust in das bräunliche Rohr, und das umschattete Aug geht suchend über das sanfte Gefild, als müssten sich in der Ferne die ragenden Bäume eines Landes zeigen, in dem der Frieden wohnt und jene stille, gütige Schönheit, die das holdeste Geschenk der Götter an die Griechen war. Hölderlin! Wenn ich an Dein Geschick und den vertrauten Rhythmus Deiner gedichteten Worte denke, so ziehen Glück und die Schatten der Wehmut zu gleicher Zeit in meine Brust. Dir danke ich für Stunden einer von irdischem Staub entrückten Schönheit, wie sie der Anblick des abendlichen Meeres spendet. Dir will ich meine Treue bewahren, die durch das Feuer der Jugend gehärtet ist, wie der Stahl in der Flamme. Und wenn ich einige Worte über Dich niederschreibe, so tue ich es als ein Freund, der Dich kennt, als ein Nachkomme, der glücklicher ist als Du, der Dich begreift und betrauert. Holder heisst Holunder, und Hölderlin bedeutet zarter, kleiner Holunder. Wie könnte ein Dichter, der den Frühling und das Schluchzen der Nachtigall liebt, einen schöneren Namen tragen als diesen! Die Hölderlins sind Schwaben, und ihr Geschlecht, in dem eine erbliche Belastung nicht zu erkennen ist, kann man nur wenige Generationen hinauf verfolgen. Hölderlin kam in jenem Jahre zur Welt, als für den jungen Goethe eine entscheidende Wendung in seinem Leben und Dichten eintrat: dadurch, dass er nach Strassburg ging. Winckelmanns „Geschichte der Kunst des Altertums“ und Lessings „Laokoon“ waren schon geschrieben. Ein Jahr nach Hölderlins Geburt erschienen Klopstocks „Oden“, und drei Jahre später kam der „Werther“ heraus. Und an dem Tage, da Friedrich Hölderlin dem Dasein geschenkt wurde, besuchte der elfjährige Schiller, ein Landsmann und später ein Leitstern des jungen Poeten, die Lateinschule in Ludwigsburg. An einem der landschaftlich reizvollsten Punkte des Neckar, dort, wo der Zaber sich in den grösseren Fluss ergiesst, liegt das Örtchen Lauffen. Hier wurde das Kind Johann Christian Friedrich am 29. März 1770 geboren. Sein Vater, von dem wir wissen, dass er sich in Gelegenheitsdichtungen versucht hat, bekleidete das Amt eines Klosterhofmeisters und geistigen Verwalters in Lauffen und starb am Schlagfluss, als sein Söhnchen zwei Jahre alt war. Die Mutter vermählt sich wieder. Aber auch die neue Ehe, die sich in Nürtingen abspielt, währt allzukurz: 1779 stirbt auch dieser Gatte, und Hölderlins Mutter, noch nicht 31 Jahre alt, ist zum zweitenmal Witwe. Mit ihrer Mutter zusammen übernimmt sie die Erziehung ihres Kindes. Hier ist ein Punkt, der für die Entwickelung des Dichters von Bedeutung ist: die Mutter, der er immer eine innige Liebe bewahrt hat, und die Grossmutter, in der wir eine Frau von edlem Geist erkennen zu dürfen glauben, leiten die Jahre dieses Knaben — und vermögen ihm den Vater, den seine weiche, verschwommene Natur so not hat, nicht zu ersetzen. In Nürtingen verlebt Hölderlin die Knabenzeit — bis zum 15.


Lebensjahre. Das Tal von Nürtingen, mit dem Ausblick auf die Kuppen der schwäbischen Alp, hat er immer als seine eigentliche Heimat empfunden. Hier tritt er das erstemal in nahe Beziehungen zur Natur. Er ist kein heiterer Knabe. Er ist in hohem Masse empfindlich und leicht zu reizen. Allzufrühzeitig entwickelt sich sein drängendes Innenleben, und in bedenklich jungen Jahren macht sich ein Hang zur Einsamkeit geltend. Der Natur naht er sich mit träumerischer Liebe. Ihr gibt er sich mit all seinen zartesten Gefühlen, mit all seiner unklaren Sehnsucht hin, wie ein Bräutigam dem Gedanken an die Geliebte. Wir stellen uns den Frühreifen vor, wie er unter Bäumen wandelt, Klopstocks Gedichte in der Hand. Er lugt von waldigen Höhen nieder auf das ruhende Tal, tanzt über Wiesenpfade, während der Tag versinkt, und lehnt im Abendrot, voll schwermütiger Gedanken, an einer jener alten, dunkeln Pappeln, die den heimatlichen Fluss umsäumen und ihm gewiss wie vielgeliebte Freunde waren. Mit einer erschreckenden Innigkeit, ein seliges Lächeln um die Lippen, versenkt er sich in die tausend Schönheiten der Natur, der „wandellosen, stillen und schönen“, die er auch später das „Paradies der Kindheit“ nennt und in die es ihn immer und immer mit Sehnen verlangt hat. Die dämmernden Gefühle seiner Kindheit, die mit der heimatlichen Landschaft so auf das engste verknüpft sind, muten uns an wie verwaist. Wir betrauern, dass diesem erstaunlich schnell entwickelten Knaben eine gesunde, vom schweifenden Gefühl auf den konzentrierenden Gedanken verweisende männliche Erziehung versagt geblieben ist. Aber vielleicht hätte ihm auch ein Vater nichts genützt. Denn ihm fehlte das Gleichgewicht von Anbeginn. Er gehörte zu jenen Naturen, die, nach der einen Seite, nämlich der des Gefühls, allzumächtig angelegt, nichts besitzen, was sie diesem Triebe dämmend und beschwichtigend entgegensetzen können. Goethe hatte dieses Gleichgewicht in wundersamer Weise. Darum vermochte er auch sein Leben zu jenem Kunstwerk zu gestalten, das wir nicht minder bestaunen als jene holden Dinge, die er schrieb. Kleist, Hölderlin, Lenau besassen jene selige Einheit, die sie über das irdische Wirrsal hätte hinausheben können, nicht. Darum zerflossen sie, müd, unendlich traurig, wie die sehnsüchtige Welle, vom Meer ans Ufer geworfen, im haltlosen Sande zerfliesst. Etwas höchst Bedeutsames in dem Verkehr mit der Natur macht schon bei dem Knaben sich geltend: Hölderlins Naturanschauung ist, im Gegensatz zu der des jungen Goethe, Heine, Mörike — und überhaupt fast aller jugendlichen Dichter — von Anfang an nicht von bestimmten einzelnen Bildern getragen, sondern eine allgemeine, kosmische; nicht so durch ein spezielles Betrachten, als vielmehr durch eine grosse, umfassende, überschwellende Empfindung hervorgerufen. Es lockt ihn nicht so die einsame Birke, durch die der Mond flirrt, oder ein plastisch umrissener Winkel der Natur, sondern die Natur als Ganzheit überwältigt ihn, die Fülle der Erscheinungen dringt auf ihn ein und wird ihm zu einer dunkel gefühlten Einheit, zu einer grossen Mystik: er möchte aufgehen im All. Er möchte Eins werden mit Sonne, Äther, Mond und Erde, — denn diese grossen, umfassenden Begriffe sind ihm viel teurer als rote Rosen oder die silberne Welle im Bach. Hätte das Geschick es dem Knaben verliehen, die konkrete rote Rose und silberne Welle mehr zu lieben als die abstrakte, überwältigende Gesamtheit um ihn her, die er nicht begriff, — es ist zu denken, dass seine Entwickelung ihn nicht in Wahnsinn, sondern in heitere Tage abendlicher Ruhe geleitet hätte. Aber diese Gedanken sind müssig.

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