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Hinter Pflug und Schraubstock – Max Eyth

Es war kein Hotel erster Klasse, auch keins der zweiten. Für beides hatte ich meine Gründe. Ein erfahrenerer Weltreisender, als ich es damals war, hätte behaupten können, der Schwarze Anker« zu Antwerpen grenze bedenklich nahe an eine anständige Matrosenkneipe. Aber seine Lage behagte mir, seine Preislage hatte selbst für mich nichts Erschreckendes, wenigstens im zweiten und letzten Stock. Seit zwei Tagen bewohnte ich dort ein Stübchen von holländischer Größe und Sauberkeit. So lange blieben die Gäste im »Schwarzen Anker« selten; die runde flämische Kellnerin zeigte bereits die ersten Spuren mütterlicher Zuneigung, wenn sie mir ein frisches, schneeweißes Handtuch brachte, fast so groß wie ein Taschentuch. Alles schien für die niedlichste Zwergwirtschaft eingerichtet zu sein, in der gute, pausbackige Menschen hausten, groß wie Riesen, namentlich in der Breitenrichtung. Man konnte kaum begreifen, wie sie ein und aus gingen. Mein Fensterchen sah nach der Schelde auf eins der großen Wassertore des Kontinents, die in die weite Welt hinausführen. Als ich vorgestern zum erstenmal die glänzende Fläche im Licht der untergehenden Sonne schimmern sah, mit ihren Masten und Segeln, ihren behaglich rauchenden Dampfschiffen, den plätschernden, hin und her schießenden Schleppbooten, die in der größten Eile schienen, heute noch fortzukommen, und immer wieder da waren, klopfte mir das Herz fühlbar. Ich selbst – soll ich oder soll ich nicht? Etwas müde und nicht so hoffnungsfroh wie gestern und vorgestern war ich nach Hause zurückgekehrt. Das Wetter hatte sich geändert. Ein schwerer Aprilhimmel hing in schwarzen Wolkenfetzen über der Stadt. Bleigrau starrte die Schelde zu ihm empor. Von Zeit zu Zeit fegte ein Windstoß über den Strom und kräuselte ein silbernes Band in die tote Fläche. Die Masten der Schiffe wackelten nachdenklich hin und her, scheinbar ohne Ursache: doch schien es ihnen mit jeder Viertelstunde unbehaglicher zu werden. Jetzt, als ich eintrat, klatschten sogar schwere Regentropf en an die Fensterscheiben. In einer solchen Nacht hinaus in die weite, nasse, fremde Welt? Keines der Schiffe entlang dem dämmerigen Staden, das nicht den Kopf schüttelte! Ein höflicher, unermüdlich schwatzhafter kleiner Zeichner aus Lüttich hatte mir den ganzen Nachmittag lang die Werften gezeigt, welche die große Fabrik von Seraing hier im Betrieb hält. Es war die erste Schiffswerft, die ich als rassenreine schwäbische Landratte zu sehen bekam. Sie war im Jahre 1861 nicht sehr groß; aber für den Maßstab, mit dem ich mich auf die Wanderschaft gemacht hatte, doch gewaltig genug. Ein halbes Dutzend großer Schleppkähne für die Wolga und ein kleiner Küstendampfer waren im Bau begriffen. Vor einer Woche hatte man angefangen, den Kiel für ein Dampfschiff von 800 Pferdekraft zu legen. Alles rohe Arbeit, wie mir schien. Und niederdrückend war es, daß es so viel rohe Arbeit in der Welt gab, von der man nichts verstand, trotz eines Bildungsganges, an dem die alten Griechen und Römer nicht ohne Anstrengung mitgeholfen hatten. Diese Werft zu sehen, war der eine, unwesentlichere Zweck meines Hierherkommens gewesen, auf einen Brief zu warten der andere.


Der Brief sollte mein Schicksal für die nächste Zeit entscheiden. Ich hatte in den letzten Wochen mehrmals ähnlichen Schreiben entgegengesehen, in Köln, in Essen, in Brüssel, und fing an, mich an die Spannung zu gewöhnen, die einer milden Neugier – wie es wohl weitergehen werde? – Platz gemacht hatte. Doch heute handelte es sich um das letzte Wort aus Belgien. Klang es wie alle andern, so stand ich ziemlich ratlos vor einer ernsten Lebensfrage. In der Mauer von Schiffen, die dem Staden entlang lagen, war die helle Lücke, die quer über der Straße gestern einen herrlichen Blick auf den munteren Strom gestattet hatte, plötzlich verschwunden. Ein schwarzes Ungetüm von Dampfer füllte sie aus, stieß träge Wolken Rauchs in die tiefhängenden Regenwolken und rasselte an vier Stellen zugleich mit Ketten und Dampfwinden, von denen jede ihre eigne schnarrende Tonart aufdringlich zur Geltung brachte. Unten im feuchten Halbdunkel verwirrte sich ein Dutzend Wagen und Karren, die Waren aller Art herbeischleppten. Fässer, Kisten und Ballen flogen zuckend in die Luft, um mit einem behaglichen Grunzen im Bauch des Schiffs zu versinken. Peitschenknallen und Fluchen kam stoßweise zu mir herüber. Immer neue Karren kamen angerumpelt. Das Ungeheuer fraß mit Appetit, schwarz und schweigend. Frißt es wohl auch Menschen? Ich fragte die runde Kellnerin, die in diesem Augenblick eintrat. »Erst morgen nachmittag, gegen vier Uhr«, antwortete sie in ihrem pausbackigen Flämisch und hielt mir Briefe entgegen, die ich ihr mit befremdender Lebhaftigkeit entriß. Nicht bloß den einen, den ich erwartete; es waren drei. Mein zwei Wochen altes Flämisch sprudelte stürmisch über meine Lippen. Kein Sprachlehrer der besten deutschen Gymnasien hat je ähnliche Erfolge erzielt. In zwei Minuten stand ein Petroleumlämpchen auf dem runden Tisch, ein Stühlchen war unter mir zusammengebrochen, ich saß auf dem krachenden Sofa und riß meine Brief e auf. Der erste war in der Tat von Seraing, im höflichsten Französisch. »Mein Herr! Wir bedauern aufs lebhafteste, daß die gegenwärtige Besetzung unseres Zeichenbureaus uns der Möglichkeit beraubt, von Ihren Talenten Gebrauch zu machen, für die uns ebensosehr Ihre vortrefflichen Zeugnisse (die wir dankend beilegen) als die Empfehlung unsers sehr verehrten Mitglieds des Verwaltungsrats, Dr. Orban, bürgen. Wir sind überzeugt, daß andre Etablissements, namentlich in Ihrem eignen Vaterlande, mit Ungeduld den Augenblick erwarten, in dem sie von Ihren vielseitigen Fähigkeiten Gebrauch zu machen Gelegenheit finden werden, und wünschen denselben Glück zu den ihnen hieraus erwachsenden außerordentlichen Vorteilen. Genehmigen Sie den Ausdruck unsrer sehr distinguierten Hochachtung. Die Administration der Societé anonyme de Seraing«, würdig vertreten von zwei unlesbaren Namen, von denen der eine in Keilschrift ausgeführt war, der andre die Anfänge der später beliebt gewordenen Spritzmalerei andeutete. Es bleibt etwas Schönes um Stil und Höflichkeit. Ich faltete das Schreiben liebevoll zusammen und legte es auf ein Häuflein zumeist minder liebevoll stilisierter Briefe, die sich in den letzten Wochen angesammelt hatten und fast als Tagebuch einer Forschungsreise von Mainz bis Antwerpen dienen konnten, mit Kreuz- und Querzügen in allen Seitentälern des Rheins und der Maas, in denen Gott Eisen wachsen ließ.

Vorgestern noch hatte mich ein Schreiben aus dem Ruhrgebiet erreicht, das mir von Stadt zu Stadt, von Gasthof zu Gasthof nachgelaufen war. Ein alter Spartaner schien es mit Streichhölzchen, mit denen er noch nicht umzugehen wußte, angefertigt zu haben. Mühsam entziffert lautete es: »Unser Bureau ist besetzt. Wir können Sie nicht brauchen. Hochachtend R. R.« – Selbst nützlich kann Stil und Höflichkeit manchmal sein. Dieser Brief mußte sich eine geringschätzige, ja grobe Behandlung gefallen lassen.

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