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Heeresbericht – Edlef Köppen

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen usw. verordnen auf Grund des Artikels 68 der Verfassung des Deutschen Reiches, was folgt: Das Reichsgebiet, ausschließlich der Königlich bayrischen Gebietsteile, wird hierdurch in Kriegszustand erklärt. Diese Verordnung tritt am Tage ihrer Verkündigung in Kraft. Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrücktem Kaiserlichen Insiegel. Gegeben Potsdam, Neues Palais, den 31. Juli 1914 Wilhelm I. R. von Bethmann Hollweg Mobilmachung Ich bestimme hiermit: Das Deutsche Heer und die Kaiserliche Marine sind nach Maßgabe des Mobilmachungsplans für das deutsche Heer und die kaiserliche Marine kriegsbereit aufzustellen. Der 2. August 1914 wird als erster Mobilmachungstag festgesetzt. Berlin, den 1. August 1914 Wilhelm I. R. von Bethmann Hollweg Deutsche Kriegsfreiwillige Auf Grund des § 98 der Heer- und Wehrordnung kann sich jede Persönlichkeit, die ihrer Dienstpflicht noch nicht genügt hat, bei Ausbruch der Mobilmachung einen Truppenteil (Ersatzbataillon usw.) nach Belieben wählen. Wenn er dies nicht tut, wird bei der bald einsetzenden Aushebung über ihn verfügt. Als Kriegsfreiwillige können sich solche Leute bei einem Ersatztruppenteil melden, die keine gesetzliche Verpflichtung zum Dienen haben, ferner jugendliche Personen zwischen 17 und 20 Jahren, soweit sie sich nicht in solchen Bezirken aufhalten, in denen der Landsturm aufgeboten wird. (1. August 1914.) 2 Der Student Adolf Reisiger, geb. am 1. April 1893 zu Henthen, ist heute militärisch auf seine Militärdiensttauglichkeit untersucht worden. Befund: Größe 1,72 Brustumfang: 78/87 Fehler: H B 85 1 A 55 links 1 A 75 Plattfüße H = 1 S = mit – 66/6 Tauglich. Dr. Jakowski, 16.


Aug. 14 Kgl. Preuß. Feldartill.-Reg. 96/Ersatz-Abtg. 3 Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches Wir Lehrer an Deutschlands Universitäten und Hochschulen dienen der Wissenschaft und treiben ein Werk des Friedens. Aber es erfüllt uns mit Entrüstung, daß die Feinde Deutschlands, England an der Spitze, angeblich zu unsern Gunsten einen Gegensatz machen wollen zwischen dem Geiste der deutschen Wissenschaft und dem, was sie den preußischen Militarismus nennen. In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke, denn beide sind eins, und wir gehören auch dazu. Unser Heer pflegt auch die Wissenschaft und dankt ihr nicht zum wenigsten seine Leistungen. Der Dienst im Heere macht unsere Jugend tüchtig auch für alle Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft. Denn er erzieht sie zu selbstentsagender Pflichttreue und verleiht ihr das Selbstbewußtsein und das Ehrgefühl des wahrhaft freien Mannes, der sich willig dem Ganzen unterordnet. Dieser Geist lebt nicht nur in Preußen, sondern ist derselbe in allen Landen des Deutschen Reiches. Er ist der gleiche in Krieg und Frieden. Jetzt steht unser Heer im Kampfe für Deutschlands Freiheit und damit für alle Güter des Friedens und der Gesittung nicht nur in Deutschland. Unser Glaube ist, daß für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Siege hängt, den der deutsche »Militarismus« erkämpfen wird, die Manneszucht, die Treue, der Opfermut des einträchtigen freien deutschen Volkes. – Berlin, den 16. Oktober 1914. 4 An den Kriegsfreiwilligen Adolf Reisiger F.A.R. 96 Regimentsstab Feldpost 23. Oktober 1914. Mein lieber Junge! Nun bist Du schon eine Nacht und einen Tag von uns fort. Und wenn diese Zeilen Dich erreichen, wirst Du vermutlich längst am Feinde sein.

Wir wissen ja nicht, wie lange der Krieg dauert, und ich hätte es ja am liebsten gesehen, wenn ich Dich nicht mehr hätte herauslassen müssen, aber ich muß ja andererseits verstehen, daß es für Euch junge Menschen keine Ruhe gibt, und ich kann nur wünschen und hof en, daß Du gesund zurückkehrst. Mir ist der Abschied gestern doch sehr schwer geworden. Natürlich ist das alles anders, wenn man wie gestern auf dem Bahnhof von dem Gedanken getröstet wird, daß ich ja nicht die einzige Mutter bin, die ihr Kind jetzt an den Feind schicken muß. Und dann hatte ich den Eindruck, daß Du mit Deinen Kameraden auch sehr vergnügt im Zug gesessen hast. Wir sind, als der Zug fort war, auch gleich nach Hause gefahren, weil Vater noch zu tun hatte. Ich habe aber fast gar nicht schlafen können. Du weißt ja, daß von unserer Wohnung aus der Lärm, der vom Bahnhof kommt, nachts sehr laut zu hören ist, und das war in der vorigen Nacht besonders schlimm. Ein Transportzug nach dem anderen rollte nach dem Westen. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, wo diese großen Massen von Soldaten, die Deutschland jetzt auf die Beine bringt, alle herkommen, und wie dieser ganze Betrieb funktioniert. In der Zeitung stand gestern Abend von besonders heftigen Kämpfen nordwestlich und westlich von Lille. Du wirst verstehen, daß ich mit großer Sorge daran denke, ob Euer Transport am Ende nicht gerade dort ausgeladen wird. Vater habe ich heute morgen nur kurz gesprochen, aber er läßt Dir sagen, daß er sehr stolz darauf ist, seinen Jungen nun auch im Feld zu wissen. (Ich hätte lieber, Du könntest weiter studieren.) Ich sprach übrigens heute Mittag den Bürgermeister. Alle meinen, daß der Krieg bestimmt noch vor Weihnachten zu Ende ist. Bitte schreib, sowie Du diese Zeilen bekommen hast, und vergiß nicht, daß Du mir versprachst, jeden Tag ein Lebenszeichen zu schicken. In Liebe Deine Mutter 5 Der Brief wurde dem Kriegsfreiwilligen Reisiger ausgehändigt, als er mit einem Ersatztransport das Stabsquartier des aktiven Regiments Feldartillerie 96 erreicht hatte. Nachmittags kam man dort an. Hundemüde wurde das Kommando in einen Garten getrieben und in zwei Gliedern aufgestellt, die Front zu einer großen weißen Villa; auf der Veranda saßen Offiziere beim Kaffee. Wo ist denn nun der Krieg, dachte Reisiger. – Sind wir jetzt an der Front? Vor zwei Tagen mußten wir unsere Waggons verlassen, weil die Züge nicht weiter fahren durften. Dann: Fußmarsch, durch zertrümmerte Dörfer. Dann: des nachts, in der Scheune, dumpfes Zittern in den Ohren: Hört ihr, da wird geschossen. – Und nun? Die Offiziere in Litewka, ohne Waffen? Und wo sind die Geschütze? Wo ist der Feind? »Stillgestanden! Augen – rechts!« Ein älterer Offizier kommt die Treppe der Veranda herab, jüngere folgen ihm. Aha, der Regimentskommandeur.

Hinter ihm, ein dickes Notizbuch vor der Brust, die Wachtmeister der Batterien. Jetzt wird man uns begrüßen, denkt Reisiger. Als Nachschub, als Kameraden, die den Kämpfenden zu Hilfe kommen. Nein. – Der Kommandeur läßt rühren, steckt sich eine Zigarette an, besieht sich die Neulinge prüfend. Aber er sagt nichts. Kein Wort. Er winkt schließlich mit der Hand. »Also los, die Batteriewachtmeister!« Was jetzt geschieht, gleicht einer Auktion überflüssiger und lästiger Waren. Die Wachtmeister gehen die Front ab, durchmustern die Reihe, tippen dem einen und anderen vor die Brust: »Sie kommen zur Ersten Batterie.« – »Sie kommen zur Vierten.« – »Sie kommen zur Leichten Kolonne.« So geht das hin und her, unfreundlich, uninteressiert. Reisiger sieht, daß alle Kriegsfreiwilligen bereits beschlagnahmt sind. Einer nach dem andern tritt aus der Reihe und stellt sich seitwärts auf, Nur er steht noch. Steht schließlich ganz allein. Hat man mich vergessen? Ich habe mich doch freiwillig hierher gemeldet. Das ist doch nicht möglich, daß alle Wachtmeister einfach an mir vorüber gehen. Und die andern marschieren schon ab . Der dickste der Wachtmeister steckt ihm den dicken Zeigefinger erst in den Rockkragen und dann in das Koppel: »Kriegsfreiwilliger, was? Man merkt’s.« Reisiger schießt Blut in den Kopf. Bin ich denn ein Museumsstück? Alle grinsen mich an. – Er blickt in lauter fett lachende Gesichter. Muß schlucken, um seine Erregung zu verbergen. Der dicke Wachtmeister gibt ihm einen Stoß vor die Brust: »Also gut, ich nehme dich.

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