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Hazard – Nataly von Eschstruth

Ein köstlicher Septembertag! — Der Himmel spannt sich weit und fleckenlos über die Ebene in einem wunderlichen Farbengemisch von Grau und Blau, welches trotz seiner Klarheit aussieht, als zittere ein ganz feiner Dunstschleier darüber hin. Nach dem Horizonte zu färbt sich derselbe gelblich. — Ueber den Stoppelfeldern schwirren die Lerchen und Staare, schwankt hie und da noch eine nachgewachsene Kornblume wie ein treues Sternchen, welches über dem Grab des Sommers Wache hält. — Ein paar gelbe Lupinenäcker ziehen sich wie ein Teppich mit grell abstechendem Rand noch an dem flachen Hügel empor, und seitwärts liegen in graubraunen Schwaden die gemähten Erbsen, in deren starrem Stroh es geheimnißvoll raschelt, wenn ein eiliges Feldmäuslein hindurch huscht. — Der Wald, welcher sich jenseits der Chaussee mit kurzen Unterbrechungen hinzieht, hat sich nur wenig gefärbt. Ein paar Eichenwipfel schauen wie gebräunte Gesichter über die junge Tannenschonung, und die Linden an der Fahrstraße streuen vereinzelte gelbe Blätter; zeitweise ragt wohl auch ein Birkenbäumchen mit falbem Laub aus dem unverändert tiefschattigen Buchengrün. Eine unbeschreibliche, sonntäglich feierliche Ruhe liegt über dem Land, über den kleinen morastigen Teichen, welche in häufiger Wiederkehr die Eintönigkeit der Waldlisiére unterbrechen, über dem Dörfchen, welches sich fernab mit rothen Dächern und glockenförmigem Kirchthurm im Grünen versteckt, und über der Schafheerde, welche wie aufgestelltes Puppenspielzeug auf bräunlicher Hude weidet. — Die Chaussee hebt sich mehr und mehr einem Vorwerk entgegen, welches auf mäßiger Anhöhe, wie ein freundlicher Wächter sein Gebiet überschaut. Hufschlag erklingt, — wie ferner Donner rollt es in flottestem Tempo die Fahrstraße entlang. Ein Spitzreiter in keckem Jockeykostüm, mit der Cocarde in den Farben des Großherzogthums an der Mütze und der kurzstieligen Phantasie-Peitsche in der Hand, jagt auf schlankem Goldfuchs drei Hofequipagen voran, welche in knappen Distanzen, nur wenige leichte Staubwolken hinter sich zurücklassend, dem Vorwerk entgegen sausen. Vier überaus reich geschirrte Rosse, vom Sattel aus gelenkt, schnaufen vor dem ersten der Wagen, welcher Ihre Königlichen Hoheiten die Großherzogin Rudolphine Alexandrowna und die Erbgroßherzogin Margarethe in lichtgrauen Seidenplüschpolstern aufgenommen hat. Auf dem Rücksitz ist der Ehrendame der Großherzogin, Gräfin Molay, der vielersehnte Platz angewiesen worden, dieweil ihr Gemahl, der Kammerherr, die nachfolgende Equipage der beiden Hofdamen bestiegen hat. Zuletzt fährt die Hofdame der Erbprinzessin, Fräulein Fides Wolff von Speyern in Begleitung des Baron Olivier von Nennderscheidt und des Reisemarschalls, Excellenz von Wolter. Hier ist die Unterhaltung am animirtesten. Excellenz ist etwas schwerhörig und beständig in zitternder Angst, ein Wort des Gespräches zu verlieren; mit halboffenem Mund und dem stieren Ausdruck »geistiger« Gier, sitzt er vornübergebeugt, um dem »tollen Junker« die Worte von den Lippen zu lesen. Und Olivier trägt fast allein die Kosten der Unterhaltung, obwohl Fräulein von Speyern voll seltener Lebhaftigkeit die Fäden des Themas lenkt und ausspinnt. Ihr stolzes, regelmäßiges Antlitz verschmäht es, einen Schleier zu tragen und der Windzug, welcher sich vergeblich bemüht, die schweren, schlicht in die Stirn gelegten Haarwellen zu zerzausen, begnügt sich damit, das sonst etwas bleiche Antlitz mit warmem Roth zu überhauchen. Es fällt Nennderscheidt auf, wie trefflich es ihr steht, wie die grauen Augen plötzlich einen Glanz haben, den er zuvor nicht an ihnen gekannt. Er hat just von seiner Passion für solche Fahrten durch herbstlich Land gesprochen, von feinem Vorsatz, stets den Aufenthalt auf seinem Schloß zu nehmen, sobald der Wind über die ersten Stoppeln weht, — natürlich, wenn er erst verheirathet sei. — eine Solopartie auf dem Lande sei entsetzlich. Und dabei hatte er Fräulein von Speyern so lachend in die Augen geschaut, daß sie ihren Sonnenschirm jäh gesenkt hatte, als blende sie urplötzlich die Sonne, deren Strahlen doch die Lindenbäume mit dichtem Laubdach abwehrten. — »Bis Sie einmal heirathen, Herr von Nennderscheidt, haben Ihre Passionen längst die Farbe gewechselt; man sagt ja, der Geschmack ändere sich alle sieben Jahre.« Olivier strich amüsirt den blonden Schnurrbart. »Und zu einer etwas früheren Heirath bekomme ich nicht Ihren Consens?« Fides schüttelte lächelnd den Kopf; ein wunderlicher Ausdruck beherrschte ihre Züge, halb Regen und halb Sonnenschein. »Die Ehe ist ein Hazardspiel, Herr von Nennderscheidt, bei welchem sämmtliche Karten blind gezogen werden, denn wenn Sie selbst im günstigsten Fall wissen, ob Sie Herz oder Schellen in der Hand haben, der feine glitzernde Schleier der »Politur« liegt doch darüber ausgebreitet, welcher Ihnen verbirgt, ob sie die Hoffnungen erfüllt, welche darauf gesetzt sind.


Sie sind nun ein ungestümer und wagehalsiger Spieler. Baron; wenn Sie verloren haben, werfen Sie die Karten ungestüm auf den Tisch, zahlen Ihr »Reugeld« und Sie sind frei wie zuvor. In dem Hazard der Ehe aber heißt es »ausgehalten!« — Die Parthie, welche Sie darin begonnen haben, hat kein Ende, und die Karte, welche Sie gezogen, gleich viel, ob sie Glück oder Unglück bringt, ist mit tausend unsichtbaren Ketten an Ihr Schicksal geschmiedet. Würden Sie jemals die Geduld haben, Ihr Leben lang Bank zu halten, selbst wenn Ihnen jede neue Enttäuschung sagte, daß Sie rettungslos — verspielt haben?« — Excellenz Wolter nickte mit offenem Munde Beifall, die junge Dame aber dabei anstarrend, als dächte er im tiefsten Herzen: »Eine, die nicht angelt?! O ewiges miraculum!!« Olivier drückte das Kinn auf den kostbaren Knopf seines kleinen Spazierstockes und blickte Fräulein von Speyern lächelnd, mit leicht zusammen gekniffenen Augen an. »Wie kann ein Mann verspielen, der auf Cœurdame setzt!« »Der welcher thatsächlich die Cœurdame gewinnt, hat ein seltenes Glück!« — Die klare Stimme der Hofdame klang etwas verschleiert, und die Sonne, welche durch die jetzt weiter stehenden Linden schien, malte das Muster der niederhängenden Schirmguipure wie zitternde Schatten auf das ernste Antlitz. — »Bin ich ein Pechvogel? Vor der Schwelle meines Ahnenschlosses liegt ein Stein eingemauert, auf welchem unsere Vorväter der Siona opferten; Niemand ist erkenntlicher für zarte Rücksichten als gestürzte Größen, und ich denke mir, auch vertriebene Gottheiten führen ein Tagebuch, darin die Namen einzelner Sterblicher roth unterstrichen sind. Ist Siona aber meine Freundin, wie könnte die Cœurdame meine Feindin sein?« »Ein Schmetterling taumelt glückberauscht an den Kelch der Rose und liebt sie, weil er weiß, daß er jeden Augenblick wieder davon flattern kann; nähme sie ihm aber die Freiheit und wollte sie ihn festhalten, er würde ihrer überdrüssig werden und um der Dornen willen auch die Blüthe hassen!« »Aber Gnädigste, welche ein Pessimismus!! Ein Schmetterling. Ja … aber zwischen ihm und mir läßt sich doch wohl keine Parallele ziehen?« Fides mußte lachen. »Die sichtbaren Flügel gehen Ihnen ab, Herr von Nennderscheidt, sonst würden Sie sich gleichen wie ein Ei dem andern!« »Das nehme ich übel, — das ist geradezu eine Injurie!« »In wie fern? Können Sie ableugnen, daß es gleich wie bei dem Schmetterlinge Ihre Natur ist, im Sonnenglanz von Blume zu Blume zu flattern, voll liebenswürdigsten Leichtsinnes nicht einen Augenblick bedenkend, ob Netze und Fallen lauern, ob Sie sich bei übermüthigem Spiel den Hals brechen oder nicht?« »Aha — unser Thema!« — Olivier seufzte voll Humor auf: »Was habe ich denn schon wieder pexirt, gestrenge Herrin, daß ich Vorwürfe verdiene?! Uebermüthig! … Du lieber Gott, wann war ich zuletzt im Leben mal übermüthig!!« »In diesem Augenblick!« »Ah?« … »Was ist diese Fahrt von Ihnen anderes als tollster, veritabelster Uebermuth?«

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