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Essays – Hugo von Hofmannsthal

Paul Bourgets künstlerische Entwickelung ist kein Weitergehen von Problem zu Problem, sondern ein Tieferwerden im Erfassen eines Phänomens: des doppelten Willens im Menschen. Fassen wir jedes menschliche Wissen als Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge, so ist auch jeder beliebige Angriffspunkt der Analyse ein Knotenpunkt aller Fäden; man kann nicht eine Saite berühren, ohne daß alle mitklingen, jede einzelne Willensäußerung des Individuums steht in geheimnisvoll-unlöslicher Verbindung mit allen Willensäußerungen desselben. Das ist die moderne Vertiefung des alten Künstlerworts: ex ungue leonem. Die kaum merkliche gleichartige Atmosphäre, in welcher sich alle Figuren eines Romanes bewegen, die ätherfeinen geistigen Schwingungen, welche sich aus demAuge des Schauenden, des Autors, in das Geschaute, die dargestellten Seelenzustände, hinüberziehen und die auch das vollkommenste, naturalistisch vollendetste Kunstwerk vom wirklichen Leben unterscheiden müssen, an dem wir diese Schwingungen, eben weil sie aus unserem eigenen Auge kommen, nicht wahrnehmen: das nennen wir die Seele des Buches, und diese Individualität, die des Autors, können wir auch allein daraus erkennen, die der dargestellten Personen nur insofern, als der Dichter ein mehr oder minder unwahrscheinlich losgerissenes Werk seiner Individualität in sie gelegt hat. Dies ist der Grund (neben den von Hermann Bahr in seiner Abhandlung über die »neue Psychologie«2 angerührten technischen Vorteilen), weshalb die modernen, analytischen Novellisten sich mit Vorliebe in ihren Romanen der Ichform bedienen. Mit dieser einen Silbe sagen sie uns, daß wir einen handelnden, leidenden, werdenden, räsonierenden oder verfaulenden Mikrokosmos vor uns haben, der für uns ein paar Stunden lang den Mittelpunkt des Makrokosmos vorstellt, dem zu Gefallen andere Menschen – die Statisten – nach Bedürfnis auf die Welt kommen, schwatzen, fluchen, sterben oder gemein sein werden, während die Staffage – Sonne, Sterne, Milieu, Religion, Liebe, soziale Frage – die Ehre haben wird, ihm als Thema für Gespräche, Gefühle oder Nerveneindrücke zu dienen. Von den »Confessiones« des heiligen Augustinus zu denen Rousseaus und vom »Werther« zur »Kreutzersonate« waren das die Bücher, die am meisten von sich reden und über sich denken machten. Die Seele ist unerschöpflich, weil sie zugleich Beobachter und Objekt ist; das ist ein Thema, das man nicht ausschreiben und nicht aussprechen, weil nicht ausdenken kann. Die »Physiologie« ist, wie »Werthers Leiden«, eine Auflösungsgeschichte, ihr Held, Claude Larcher aus den »Mensonges«, wie Werther eine Halbnatur mit Dilettantenkräften und überkünstlerischer Sensibilität, die Form die denkbar vernünftigste für den Ichroman, keine Korrespondenz mit dem »Freund« qui tient le crachoir des sentiments, kein Tagebuch in der linken Lade eines kleinen Rokokoschreibtisches, einfach ein Buch für den Druck bestimmt, Todeskampf im Dreiviertelprofil, der stille Lebenswunsch des Hamlet journaliste. Claude Larcher schreibt mit der Hamletseele, der geistfunkelnden, zynischen, schillernden, sentimentalen, »oberen« Seele; und stirbt an der »unteren«, der Tierseele, dem kranken Willen des Körpers, der seine eigene Angst und Eifersucht, seine eigene Eitelkeit und Erinnerung hat: nur der Tod ist beiden gemeinsam. Das ist die grauenhafte Allegorie des Mittelalters von dem Königssohn, der blutleer dahinfriert, bis ihm die Ärzte Blut aus dem Leib eines starken Knechts in die Adern leiten; und wie er dann weiterlebt und das Bauernblut ihm die Königsgedanken mit Tierinstinkten durchtränkt; und wie er endlich stirbt an der Wunde, die zur selben Stunde eine Dirne dem Knecht in den Hals gebissen – – – Fühlen, wie die eine Hälfte unseres Ich die andere mitleidlos niederzerrt, den ganzen Haß zweier Individuen, die sich nicht verstehen, in sich tragen, das führt bei der krankhaften Hellsichtigkeit des Neuropathen schließlich zur Erkenntnis eines Kampfes aller gegen alle: keine Verständigung möglich zwischen Menschen, kein Gespräch, kein Zusammenhang zwischen heute und gestern: Worte lügen, Gefühle lügen, auch das Selbstbewußtsein lügt. Dieser Kampf des Willens endigt jenseits von Gut und Böse, von Genuß und Qual: denn sind Genuß und Qual nicht sinnlose Worte, wenn das heißeste, wahnsinnige Begehren zugleich wütender Haß, wollüstiger Zerstörungstrieb und die sublimste Pose der Eitelkeit die der ekelhaften Selbstzerfleischung ist? Man erkennt solche Dinge, und man stirbt nicht daran. Die Ärzte beruhigen uns damit, daß wir nur nervenleidend sind, und vergleichen unser Gefühl mit dem Alpdruck, den ja auch eine lächerlich geringfügige Ursache hervorbringt; als ob es besonders angenehm wäre, jahrelang mit der Empfindung spazierenzugehen, daß wir mit dem Kopf nach abwärts aus einem Luftballon hängen, an den uns nur ein dünner Faden bindet. Sie raten uns auch, »jede Aufregung zu meiden« und »über unseren Zustand nicht nachzudenken«. Nun, Claude Larcher hat sich die letztere so zu Herzen genommen, que – croyant, en effet, devoir à ses désillusions de se livrer à l’alcool –, il ne sortit plus de deux ou trois bars anglais où il s’intoxicait de cocktails. – – – Und bei alledem der seltsame Hochmut, sich nicht gestehen zu wollen, daß es der Körper ist, an dem die Seele leidet; diese Scheu vor dem »Materialismus«! Welche Welle atavistischer Christlichkeit schlägt da durch die blaguierende Zynik, durch die dekadente Koketterie dieser »confessions de souffrance«? »L’âme seule agit sur l’âme«! Das ist eine Lüge, schlimmer als das: es ist eine Plattheit. Wenn wir am Körper sterben können, so danken wir auch dem Körper, den Sinnen, die Grundlage aller Poesie, von der ersten Ahnung, den Spuren des Frühlings in unserer Lyrik, bis zum bebenden Ahnen der Verwesung im Grab. Es zittert viel freies Christentum mit Klostersehnsucht durch Paul Bourgets letzte Bücher. Mir ist Tolstois demütig-proletarische Christlichkeit lieber. Sie ist überzeugender. Es gibt vielleicht noch einen anderen Heilsweg aus der »mourance« heraus als den hinter die Klostermauern: die Reflexion vernichtet, Naivetät erhält, selbst Naivetät des Lasters; Naivetät, ingénuité, simplicitas, die Einfachheit, Einheit der Seele im Gegensatz zur Zweiseelenkrankheit, also Selbsterziehung zum ganzen Menschen, zum Individuum Nietzsches. Das sagt der Moralist Bourget nicht, obwohl in seinen Aphorismen viel Nietzsche steckt – wohl unbewußt, weils eben in der Luft liegt –, aber der Künstler Bourget sagt es um so deutlicher. Drei ganzen Menschen begegnet Claude auf seiner Leidensfahrt: Die erste Geschichte ist rührend gewöhnlich: Ein Mann, der am Krebs leidet und den Doktor bittet, ihm die Wahrheit zu sagen, damit er seine Angelegenheiten in Ordnung bringen könne. »Sie haben einen Monat Zeit; ich habe es ihm gesagt«, erzählt der Arzt, »das ist das härteste in unserem Beruf. Er drückte die Hände vors Gesicht und weinte stumm große Tränen, die auf das Tischtuch niederfielen.


Dann dankte er mir und bat mich, es seiner Frau zu verheimlichen… Als sie eintrat, plauderte er lächelnd mit mir. – Es ist doch etwas Schönes, ein Charakter.«

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