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Erinnerungen eines Weltreisenden – Georg Wegener

Wundervoll und ganz eigen ist die Fahrt von San Francisco nach Apia über den Stillen Ozean, den Pacific. Über dies größte aller Weltmeere, neben dessen unermeßlichen Weiten das Atlantische fast wie ein Binnenmeer erscheint. Wenn Amerikas Küsten am »Goldenen Tor« hinter uns verdämmert sind und nur Meer und Himmel in geschlossenem Rund uns umgeben, dann sind wir für lange Zeit losgelöst von dem gemeinsamen Leben der Kulturmenschheit. Außer den Sandwichinseln kommt bis Samoa keinerlei Land in unsern Gesichtskreis, und auch Schiffe begegnen uns in den spärlich befahrenen Weiten nicht. Eine tiefe, vollkommene Einsamkeit umgibt uns: eine Einsamkeit, die auf die Dauer um so zauberischer wirkt, als sie aus strahlendem Licht und Glanz gewoben ist. Das »Stille« Meer verdient zwischen den Wendekreisen und in der Jahreszeit, in der wir fahren, dem Mai, auch noch in den Breiten nördlich davon, seinen Namen. Glatt wie eine blanke Metallscheibe oder mit leichtester Kräuselung dehnt sich die Meeresfläche um uns her, in wunderbarem, mit Worten gar nicht wiederzugebendem Farbenschimmer die Strahlen des Äthers, die Schatten und Lichter der schwebenden Wolken widerspiegelnd. Als seien Ströme von Diamanten über die Meeresfläche ausgegossen, so blitzen und funkeln überall die kleinen Glanzlichter auf dem Wasser. Haben wir aber das Gebiet des Passats erreicht mit seinem kräftigen und wunderbar stetigen Wehen, dann bedecken weißleuchtende Schaumkämme die See und dazwischen schimmert eine so wundervolle, berauschende Bläue, daß man sie auf jedem Gemälde für unwahr erklären würde. Es ist etwas Seliges, Götterhaftes, durch diesen Sonnenglanz und dies leuchtende Blau dahinzugleiten. Die Seele wird freudig davon bis in ihre Tiefen wie von einem köstlichen Wein: die Kämpfe und Sorgen des Lebens daheim erscheinen versunken hinter dem schimmernden Rund des Horizonts; die Wünsche und Pläne der Zukunft schweben wie Nebelbilder in Weiten, die uns nicht mehr berühren; still atmend genießen wir in der milden, reinen Luft nichts als die Wonne des Seins. Stundenlang folgt der Blick dem Spiel der großen Seevögel, die unser Schiff begleiten. Dunkle, seltsame Vögel mit mächtigen schmalen Sichelflügeln, die ich sonst nie zuvor auf irgendeinem Meere gesehen. Aber sie sind unbegreiflich wundervolle Flieger; mühelos, ohne sichtbaren Flügelschlag schweben sie ganz nach Gefallen neben uns, vor uns, hinter uns, als sei die Bewegung des Schiffes für sie nicht vorhanden. Sie heben und senken sich mit den Kämmen der Wogen, über die sie so hart hinstreichen, daß ihre Füße das Wasser zu berühren scheinen, oder sie hängen über unserm Haupt wie unbewegliche Schattenbilder am Himmel. So folgen sie uns viele Tagereisen weit unermüdet. Endlich aber werden auch sie weniger und weniger, und schließlich verschwinden sie ganz; in völliger Lichteinsamkeit zieht nunmehr das Schiff seinen Pfad. Wie hypnotisierend wirkt diese sonnige Traumhaftigkeit des Daseins. Die Passagiere verdämmern, in ihren Deckstühlen den Tag. Die Leute sind auch halb träumend mit kleinen müßigen Arbeiten beschäftigt: sie streichen die Relings, schleifen Messer, ordnen Stricke und dergleichen. Schweigend schreitet der Wachtoffizier auf der Kommandobrücke hin und wider. Kein lautes Wort ertönt an Bord: es ist, als geböte die große Stille selbst, nur zu flüstern. Und die Nächte, die zaubervollen Nächte! Wenn das Tageslicht nach kurzer Dämmerung verglommen ist, dann glüht ein Sternenhimmel von unsagbarer Hoheit über uns auf. So groß ist die Fülle der Sterne, die in der klaren Luft bis zu viel geringeren Größen als bei uns sichtbar werden, daß es schwer ist, die altbekannten Sternbilder in dem Gewimmel wiederzuerkennen. Ein Stern aber unter ihnen leuchtet mit einer alles andere weit überstrahlenden Herrlichkeit: die Venus.


Ich weiß nicht, ob es an der Klarheit der Tropennacht oder an der augenblicklichen Erdnähe dieses Sterns liegt, aber nie habe ich ihn oder irgendeinen andern Stern in einer ähnlichen Lichtfülle gesehen wie diesen jetzt. Er leuchtet selbst durch Wolkenschleier hindurch, und steht er klar über dem Horizont, dann wirft sein Abglanz eine feine Lichtstraße über die See. fast wie der Mond. Zu beiden Seiten dieser Straße breitet sich die Meeresfläche zu unsern Füßen wie ein dunkler, matter, nur hier und da geheimnisvoll leuchtender Sammet aus. Wie schön ist es, in der weichen Nachtluft am Vordersteven zu stehen, wo der schlanke Bug dies dunkle Wasser mit schwach phosphorischem Schein auf beiden Seiten von sich wirft, unablässig. Wie schön auch, schweigend im Faltstuhl auf dem Verdeck zu liegen und über sich die Lichter des Himmels zwischen den dunklen Linien des langsam hin- und herpendelnden Takelwerks einherwandern zu sehen und dabei mit seinen stillsten Gedanken Zwiesprache zu halten. Wohl habe ich manch ähnliche Nächte auf andern Meeren erlebt, allein es war doch etwas anderes. Dieses Meer hier ist nicht nur das gewaltigste, es ist auch – wenn wir von den Eismeeren absehen – unserer Kultur bisher das fremdeste geblieben. Keine altvertraute Sage umkleidet für uns seine Wasser mit poetischem Schimmer, keine Sindbad-Märchen, keine Odyssee, keine Kraken- und Malstrom-Geschichten werden uns hier lebendig. Auch keine der alten historischen Erinnerungen hat hier ihren Schauplatz, keine Phönizierflotten schwammen hier, keine Wikingsschiffe und keine Armada. Einzig die Fahrten der großen Entdecker und Forscher, eines Magalhães, eines Cook, bilden die europäische Heroengeschichte dieser Gegenden. Im Vergleich zu dem dichtmaschigen Netz der regelmäßigen Verkehrswege, die heute die Ufer des Atlantischen Meeres verknüpfen, spinnen sich erst einige wenige solche Linien über die fast die halbe Erdkugel bedeckende Riesenfläche hinüber. Mächtiger, erhabener als anderswo redet daher hier in stiller Sternennacht allein die fremde Größe der Natur zu uns, in fast mystischer Feierlichkeit. – Der Zufall fügt es, daß wir den Äquator gerade unter 166 ½ Grad westl. L. überschreiten, d. h. genau im Gegenmeridian von Berlin, und während hier, es ist kurz nach Mittag, die Sonne fast senkrecht auf uns herniederglüht, ist daheim die Mitternachtsstunde. Hier grenzenlose Einsamkeit ringsum; in Berlin auf der Friedrichstraße das übliche brausende, ruhelose Großstadtnachtleben! Es ist schwer, sich das vorzustellen. – Der Gürtel des Nordostpassats ist durchmessen; veränderliche, leichte Winde umspielen das Schiff im Gürtel der Kalmen. Oder es ist ganz windstill. Feuchtwarm und drückend ist die Atmosphäre; dichte Haufenwolken ballen sich am Himmel zu immer breiterer Decke zusammen, und zeitweilig löst sich die Gewitterspannung in einem Regenguß, der mit wütender Gewalt, aber in kurzer Dauer herniederprasselt. Dann spannt sich ein Regenbogen funkelnd über die See, die fast bewegungslos, glatt wie eine ungeheure spiegelnde, heiße Stahlplatte daliegt. Welch ein Triumph des Menschen, daß die Dampfkraft uns heute spielend diese Zone der Stille durchschneiden und auch sie uns, trotz ihrer lastenden Glut, nur schön erscheinen läßt! Wie fürchterlich war sie in früheren Zeiten, wenn der des Gewebes der Luftströmungen nicht wie heute kundige Segler in sie hineingeriet und nun dort mit schlaffen Fittichen, regungslos Wochen, Monate hindurch in diesem schauerlichen Strahlengefängnis liegen mußte, bis die Nahrung in der Hitze verdarb, das Trinkwasser verfaulte, der Skorbut und das Nichtstun die Besatzung langsam zugrunde richtete! Nach abermals zwei Tagen Fahrt in schwerer, äquatorialer Schwüle wird gegen Mittag deutlich in der glatten See unter unserm Schiffe eine breite, vom Südosten herlaufende Dünung merkbar, der Ausläufer des Seegangs im südlichen Passatgürtel. Alles atmet auf in angenehmer Erwartung.

Um 6 Uhr, zur Zeit des Abendessens, beginnt ein fühlbares Wehen aus derselben Richtung durch die Räume des erhitzten Schiffes zu ziehen, genossen wie ein kühles Bad. Eine Stunde später ist der Südostpassat in voller Schönheit entwickelt! Morgen noch, noch einen lichten, seligen Tag lang, werden wir durch eine ganz wie im Passatgebiet des Nordens wundervoll blaue, mit leichten silbernen Schaumkämmen geschmückte See dahingleiten. Beim Aufdämmern des nächsten Tages sollen wir in Samoa sein! 2. Talofa Samoa! Ein erster, matter Dämmerungsschein brach durch mein Kabinenfenster, als ich plötzlich erwachte. Dieses Schweigen war an die Stelle des wochenlang unablässigen Dröhnens der Schraube und des gleichmäßigen Brausens der durchschnittenen See getreten; das Schiff lag still. Ich eilte auf Deck. Noch lagerte fast Nachtdunkel über dem Meere. Außer der üblichen Wache war dort nur noch eine Person anwesend, eine in der Morgenkühle verhüllte Gestalt, die über die Reling lehnend hinausschaute. Ich erkannte die junge Samoanerin Bella B., ein Halbblutmädchen aus Apia, von englischem Vater und samoanischer Mutter, die in San Francisco gewesen war und auf der »Alameda« die Rückreise machte. Die merkwürdige Erscheinung, das Rassemischungen oft besonders gutaussehende Menschen erzeugen, bestätigte sich auch an ihr; sie war eine auffallende Schönheit, schlank und doch üppig von Gestalt und das braune Gesicht mit der geraden Nase und den vollen Lippen von einem fremdartig stolzen Schnitt, der an römische Kaiserinnen erinnerte. Da sie gut englisch sprach, so hatte ich die Woche der gemeinsamen Meerfahrt von Honolulu aus benutzt, um von ihr in einer Art regelmäßiger Unterrichtsstunden – mit denen sie allerdings in der lässigen, weichen Trägheit ihrer Art ziemlich willkürlich umging – soviel Samoanisch wie möglich aufzuraffen. Als sie meinen Schritt jetzt hörte, wandte sie sich um und sagte zu mir, auf das Meer hinausweisend: » Taëlëële!« (»Das Heimatland!«) » Na ou fíafía. Talófa Samóa!« (»Ich freue mich sehr. Sei gegrüßt, Samoa!«) antwortete ich. » Faafetái teleláwa« (»Ich danke vielmals«), erwiderte sie lächelnd. Wir hielten auf der offenen See, ein paar Seemeilen vor der Nordküste Upolus, nicht der größten Insel des mit dem gemeinsamen Namen Samoa belegten Archipels, aber der wichtigsten. Von den übrigen Eilanden war nur das benachbarte Sawaii, als ein ferner bläulicher Schattenriß von unbestimmten Formen, am Horizont sichtbar. Von Apia war noch nichts zu erblicken. Jetzt setzte sich die »Alameda«, der stattliche Dampfer der Union Steamship Company, wieder in Bewegung, und langsam, wie eine Wandeldekoration, glitt die reizende Küste vorüber, bis sich vor uns die halbkreisförmige Bucht von Apia entrollte. Auf den spielenden Wassern der Bucht schwammen nur vier größere Schiffe: ein dunkelfarbiges amerikanisches Kriegsschiff, die »Abaranda«, die von der Insel Tutuila herübergekommen war, um die von uns mitgebrachte Post zu holen, ein kleineres dänisches Schiff aus Fanö, und – welch ein erfreulicher Anblick – die schmucken, blendend weißen Körper zweier deutscher Kreuzer. Außer dem »Cormoran« traf ich durch einen glücklichen Zufall auch den »Seeadler« an, der gerade drei Tage zuvor von den Karolinen hier eingelaufen war. Vorsichtig war unsere »Alameda« durch die auch bei ruhigem Wetter Aufmerksamkeit erheischende Öffnung zwischen den Korallenbänken hineingesteuert. Die Ankerkette rasselte nieder, noch weit vom Ufer. Eine größere Landungsbrücke zum Anlegen gab es in Apia nicht.

Boote vermittelten den Verkehr. Die Ankunft des Postdampfers von San Francisco, der die monatlich einmalige Verbindung mit der Heimat bringt – die Postzeit ist ungefähr 27 Tage von Berlin –, bildet eins der Hauptereignisse im Leben der hiesigen Europäer und ist die große Sensation auch für die Eingeborenen Apias. Alles aber spielte sich überraschend ruhig ab. Pünktlich und stramm, wie man es von deutschen Beamten gewohnt ist, erschienen die drei offiziellen Persönlichkeiten, der Arzt, der Postmeister, der Zollinspektor, an Bord, sonst zunächst niemand. Rings um das Schiff nichts von jenem bunten Gewühl und Geschrei, wie man es in asiatischen Häfen gewohnt ist. Nur ein paar mit bescheiden wartenden braunen Ruderern besetzte Überfahrtsboote europäischer Bauart lagen unten, die am Heck eine Tafelaufschrift trugen, daß sie »obrigkeitlich zugelassen« seien: alles höchst korrekt, ordentlich und – ein bißchen nüchtern! Ich bestieg eines der Fährboote, die braunen Jungen legten sich kräftig in die Riemen, rasch schwebten die Kokospalmenwipfel des Strandes zu mir heran, und einige Minuten später sprang ich ans Land – mitten in der Weite des Großen Ozeans auf deutschen Boden!

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