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ER-Maurice Renard

Elisabeth, Gräfin vonl Prase, saß vor einem großen Empireschreibtisch und prüfte einen Kontoauszug. Da schnarrte ein paarmal leise der Telephonsummer. Die Gräfin ergriff den Hörer ihres Tischapparates. Genau zu derselben Sekunde beginnt das Abenteuer. »Tante, bist du’s?« Der Hörer vibrierte unter den Schallwellen einer jungen frischen Stimme. »Gewiß, liebes Kind!« Die Pendeluhr schlug die achte Frühstunde. »Gut geschlafen, Tante? Schon bei der Arbeit? … Kann ich dich sprechen?« Das junge Mädchen telephonierte so temperamentvoll, daß die Gräfin deutlich den Klang der Worte vernahm, die in dem Zimmer, das über ihrem Arbeitskabinette lag, gesprochen wurden. »Du willst mich sprechen?« erwiderte sie. »Soll ich zu dir hinaufkommen?« »Nein, Tante, nein! Das würde sich doch wohl nicht schicken. Ich werde vielmehr zu dir kommen, wenn du erlaubst?« »Bitte!« – Etwas beunruhigt hängte die Gräfin wieder den Hörer ein. Sie war ganz im Schwarz gekleidet und eine kleine dürre Frau. Bei ihren Augen schien der Schöpfer die Farbe gespart zu haben. Die nahenden Fünfziger bleichten bereits ihr mattblondes Haar, das sie nach der Mode ihrer Jugendjahre zu einem Knoten aufgesteckt trug. Ihrem Profile fehlte die markante Linie. Aber auf den an und für sich nichtssagenden Zügen lagerte ein Hauch düsterer Schwermut, den nicht einmal ihre besten Photographien richtig wiedergaben. In Gedanken versunken, stützte sich die Gräfin auf der Klappe des Klappschreibtisches auf. Sorgenvoll kniff sie die blutleeren Lippen zusammen, die noch um eine Nuance bleicher wurden. Gedämpft durch die Gobelinportiere erscholl jetzt der Lärm rasch die Stiege herabeilender Schritte, und gleich darauf wurde die Tür aufgerissen, und ein ebenso entzückendes wie übermütiges junges Mädchen stürmte herein. An den Füßen seidene Pantöffelchen, war sie in einen duftigen Morgenschlafrock wie in eine rosa Wolke eingehüllt. Dieses reizende »Déshabillé« paßte allerdings eher zu einer jungen Frau als für dieses lachende, kaum zur Jungfrau erblühte Kind. »Guten Morgen, kleine Gilberte«, sagte die Gräfin, und ein Lächeln umflog ihre Mundwinkel. »Guten Morgen, Tantchen!« echote die junge Dame. Und ohne viel Geschichten zu machen, fiel sie ihrer Tante um den Hals und gab ihr zwei schallende Küsse auf die herben Wangen. Die Gräfin wußte gar nicht, wie ihr geschah. Sie erstickte fast unter dieser stürmischen Umarmung.


»Kind, du erwürgst mich!« keuchte sie. »Macht nichts, Tantchen!« lachte der Wildfang. »Das spielt gar keine Rolle!« Mit rosigen Wangen und lachendem Munde schmiegte Gilberte Laval ihre braunen Locken an das fahle Antlitz der alten Frau an, die das Haupt ein wenig zur Seite wandte, und blickte, fröhlichen Gedanken nachträumend, zu dem lichtdurchfluteten Fenster hin. Gar seltsam stach gegen die schönen, schelmischen Augen des jungen Mädchens und ihr glückverklärtes Wesen der trauerumflorte Blick und das alternde Gesicht der Gräfin ab. »Tante, Tante!« rief Fräulein Laval. »Nun, was denn? Drück‘ mich nicht so stark! Was ist denn los, daß du gar so freudenärrisch bist?« »Ich bin so glücklich, Tantchen, so glücklich!« »Zunächst laß mich mal los, kleine Teufelin!« »Nein, nein, du darfst mich noch nicht anschauen, noch nicht!« Die Kirschenlippen Gilbertes näherten sich dem wächsernen Ohre der Gräfin, als wollte sie ihr etwas heimlich zuflüstern. Dann erklärte sie jedoch mit Stentorstimme: »Ich heirate! … Es ist dir doch recht, nicht wahr?« War es Rührung? … Die Gräfin preßte jäh ihre Wange gegen die ihrer Nichte. »Du willst heiraten? … wen? …« Diesmal hauchte ihr Gilberte in das Ohr: »Jean Mareuil.« »Wer ist das? Kenne ihn nicht.« »Freilich kennst du ihn, Tante. Er wurde dir ja bei den Paullacs vorgestellt! … was hast du, Tante? …« Die Gräfin hatte sich aus den Armen ihrer Nichte gelöst. Ihre Miene verriet äußerste Bestürzung. Sprachlos starrte Gilberte ihre Tante betroffen an. »Mir ist nichts, mein Kind«, lächelte die Gräfin gezwungen. »Daß mich die Sache etwas bewegt, ist wohl nur höchst natürlich?« Gilberte erschrak. Sie fühlte, wie sich zwischen ihr und ihrer Tante jäh eine frostige Kluft auftat. Die Gräfin nahm es wahr. Sie trat auf das junge Mädchen zu und ergriff es bei der Hand.

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