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Empfindsame Reise – Laurence Sterne

»In Frankreich stellen sie das besser an.« – – »Sie waren in Frankreich?« fragte der Herr, indem er sich mit der höflichsten, aber siegfrohesten Miene von der Welt gegen mich wandte. – »Seltsam!« sagte ich, als ich die Sache bei mir überlegte, »daß einundzwanzig Meilen zu Schiffe – denn weiter ist es nicht einen Schritt von Dover bis Calais – einem Menschen solche Zuversicht geben soll! – Ich will mich doch selbst überzeugen.« – Damit gab ich die Behauptung auf, ging stracks in meine Wohnung, packte ein halb Dutzend Hemden und ein Paar schwarzseidne Beinkleider ein –»der Rock, den ich anhabe«, sagte ich, indem ich den Aermel betrachtete, »ist noch ganz erträglich« – nahm einen Platz in der Postkutsche nach Dover, und da das Packetboot um neun Uhr des Morgens abging: so saß ich um drei Uhr an der Mittagstafel bei einem fricassirten Huhn so unzweifelhaft in Frankreich, daß, wäre ich in der Nacht an einer Indigestion gestorben, die ganze Welt nicht die Vollziehung des droit d’aubaine [In Kraft dieses »Heimfallrechtes« wird auf alle Ef ecten der Reisenden (die von Schweizern und Schotten ausgenommen), welche in Frankreich sterben, Beschlag gelegt, und wenn der Erbe selbst zur Stelle wäre; und Herausgabe findet um so weniger statt, da diese zufälligen Einkünfte verpachtet sind.] hätte verhindern können – Meine Hemden und schwarzseidenen Beinkleider – mein Mantelsack und Alles darin wäre dem Könige von Frankreich anheimgefallen – sogar das kleine Bild, das ich so lange mit mir herumgetragen habe, und das ich, wie ich Dir, Elisa, so oft gesagt, mit mir ins Grab nehmen wollte, würde mir vom Halse genommen worden sein. – Wie ungroßmüthig! – sich der Trümmer eines arglosen Reisenden zu bemächtigen, den Ihre Unterthanen an ihre Küsten hingelockt haben. – Beim Himmel, Sire, das ist nicht wohlgethan! Und es thut mir sehr leid, daß es der Beherrscher eines so gebildeten und höflichen und wegen seiner feinen Beurtheilung und Empfindung so berühmten Volkes ist, mit dem ich rechten muß – Doch ich habe ja kaum den Fuß in Ihr Gebiet gesetzt. – Calais. Als ich meine Mahlzeit beendet und auf die Gesundheit des Königs von Frankreich getrunken hatte, um meiner Empfindung zu genügen, daß ich keinen Groll gegen ihn hegte, sondern im Gegentheil ihn wegen seines menschenliebenden Sinnes hoch schätzte – fühlte ich mich infolge dieser Mäßigung beim Aufstehen um einen Zoll höher. »Nein«, sagte ich, »die Bourbons sind durchaus kein grausames Geschlecht. Sie können, gleich andern Menschen, mißleitet werden; aber es liegt eine gewisse Sanftheit in ihrem Blute.« – Indem ich dies anerkannte, fühlte ich ein Erröthen auf meiner Wange, das von edlerer Art – wärmer und menschenfreundlicher war, als daß der Burgunder (wenigstens der nicht, die Flasche zu zwei Livres, den ich soeben getrunken) die Ursache davon hätte sein können. »Gerechter Gott!« rief ich aus, indem ich meinen Mantelsack mit der Fußspitze beiseite stieß, – »was liegt denn an den Gütern dieser Welt, daß sie unser Gemüth verbittern und so manchen Gutherzigen von uns Menschenbrüdern zu so grausamen Beschwerden reizen sollten, wie wohl zu Zeiten geschieht?« Wenn der Mensch mit den Menschen in Frieden lebt, wie viel leichter als eine Feder ist dann das schwerste der Metalle in seiner Hand! Er zieht seine Börse, hält sie leicht und unbekümmert empor und blickt umher, als wenn er sich nach jemandem umsähe, mit dem er sie theilen könnte. – Indem ich dies that, fühlte ich, wie jede Ader meines Leibes sich schwellte – die Arterien pulsirten alle freudig und harmonisch, und jede Kraft, die das Leben fördert, vollzog dies mit so geringer Reibung, daß es die physikalisch gelehrteste Zierpuppe in Frankreich in Verwirrung gebracht hätte: bei all ihrem Materialismus hätte sie mich schwerlich eine Maschine nennen können. – »Ich bin fest überzeugt«, sagte ich bei mir selbst, »ich würde ihre Zuversicht erschüttert haben.« Das Verfolgen dieses Gedankens führte im Augenblick meine Natur auf eine solche Höhe, als sie irgend erreichen konnte. Mit der Welt war ich schon vorher in Frieden – und dies brachte die Unterhandlung mit mir selbst zum Schluß. – »Wäre ich jetzt König von Frankreich«, rief ich aus – »welch ein Augenblick für eine Waise, die mich um ihres Vaters Mantelsack anspräche!« Der Mönch. Calais. Ich hatte kaum diese Worte vor mich hin gesagt, als ein armer Mönch vom Orden des heiligen Franciscus, mit der Bitte um eine kleine Gabe für sein Kloster, in das Zimmer trat. Niemand hat gern, daß seine Tugenden dem Zufalle zum Spiele dienen – es sei nun, daß ein Mensch großmüthig ist, wie ein anderer mächtig – sed non quoad hanc – oder es sei, wie es wolle – denn es giebt noch keine begründete Theorie über Ebbe und Flut unserer Launen; vielleicht hängen sie – was weiß ich! – von denselben Ursachen ab, welche die Flutzeiten des Meeres bewirken – die Voraussetzung, daß sich dies so verhalte, könnte gar oft unsern Credit verbessern; ich meinerseits bin wenigstens überzeugt, daß ich in vielen Fällen es weit lieber hören würde, wenn die Welt sagte, ich hätte einen Handel mit dem Monde gehabt, worin weder Sünde noch Schande liegt, als daß etwas ganz und gar als meine That aus eigenem Beweggrunde gälte, worin so viel von beiden läge. – Doch sei dem, wie ihm wolle. In demAugenblick, daß ich meinen Blick auf ihn richtete, faßte ich den Entschluß, ihm nicht einen einzigen Sous zu geben. Demzufolge steckte ich meine Börse in die Tasche, knöpfte diese zu, setzte mich selbst etwas mehr in Positur und schritt gravitätisch auf ihn zu. Es war, fürchte ich, etwas Abweisendes in meinem Blicke.


Noch diesen Augenblick schwebt mir seine Gestalt vor Augen, und ich glaube, es lag etwas darin, das eine bessere Behandlung verdiente. Wie ich aus den Resten seiner Tonsur urtheilte – denn alles, was davon übrig geblieben war, bestand in wenigen zerstreuten weißen Haaren oberhalb seiner Schläfe – mochte der Mönch so um die Siebenzig sein; doch nach seinen Augen zu schließen, und nach der Art von Feuer, das darin schimmerte, und welches mehr durch Höflichkeit als durch die Jahre gedämpft schien, konnte er nicht mehr als sechzig haben – die Wahrheit mochte wohl in der Mitte liegen. Gewiß war er fünfundsechzig; und das Aussehen seiner Gesichtszüge stimmte im Allgemeinen, ungeachtet Etwas vor der Zeit Furchen darein gezogen zu haben schien, mit dieser Rechnung überein. Es war einer von jenen Köpfen, welche Guido oft gemalt hat – sanft, blaß, eindringend, frei von allen Gemeinplatzgedanken fetter, selbstzufriedener, zur Erde niederblickender Unwissenheit. Er blickte gradaus, doch so, als ob er nach etwas jenseits dieser Welt schaute. Wie Einer seines Ordens zu diesem Kopfe kam, weiß der Himmel droben, der ihn auf eines Mönches Schultern gerathen ließ, am besten; aber er würde einem Brahminen gut gestanden haben, und wäre ich ihm auf den Ebenen Hindostans begegnet, ich hätte ihm Ehrerbietung bezeigen müssen. Das Uebrige seiner äußern Gestalt läßt sich mit wenigen Strichen angeben – man könnte es der Hand eines jeden Zeichners vorlegen; denn es war weder zierlich noch sonst etwas, als nur wozu Charakter und Ausdruck ihn grade machten. Es war eine dünne, hagere Gestalt, etwas über gewöhnliche Größe, nur daß das Ungewöhnliche derselben durch eine geringe Neigung nach vorn gemildert wurde – Doch es war die Stellung eines Bittenden; und wie er jetzt gegenwärtig vor meiner Einbildungskraft steht, gewann er dadurch mehr, als er verlor. Als er drei Schritte in das Zimmer gethan hatte, stand er still, und indem er die linke Hand auf seine Brust legte, während seine Rechte einen dünnen, weißen Reisestab umfaßte, führte er sich, nachdem ich ihm näher getreten war, mit der kleinen Historie von der Bedürftigkeit seines Klosters und der Armuth seines Ordens ein – und that dies mit einer so kunstlosen Anmuth – und aus dem Wesen seines Blickes und seiner ganzen Haltung sprach eine so beredte Entschuldigung –: ich mußte behext sein, daß ich davon nicht gerührt wurde. – – Ein besserer Grund war aber, daß ich mir einmal in den Kopf gesetzt hatte, ihm nicht einen Sous zu geben. Der Mönch. Calais. »Es ist sehr wahr«, sagte ich, auf einen Blick seiner Augen nach oben antwortend, womit er seine Anrede geschlossen hatte – »es ist sehr wahr – und der Himmel sei deren Stütze, welche keine andere Hülfe haben, als die Mildthätigkeit der Welt, deren Vermögen, wie ich fürchte, keinesweges hinreicht, die vielen und großen Ansprüche zu befriedigen, welche allstündlich an sie gemacht werden –« Als ich die Worte »große Ansprüche« betonte, ließ er einen flüchtigen Blick auf den Aermel seines Gewandes fallen – ich fühlte die ganze Stärke dieser Appellation. »Ich gestehe«, sagte ich: »ein rauhes Kleid, und nur dies eine während dreier Jahre, bei dürftiger Kost – will allerdings wenig genug sagen. Und der Hauptpunct der Bemitleidung ist, daß Ihr Orden beides, das doch mit so geringem Aufwande von Fleiß in der Welt zu erlangen ist, sich dadurch zu verschaffen wünscht, daß er einem Kapital Abbruch thut, das dem Lahmen, dem Blinden, dem Altersschwachen und dem Kranken gehört – ja der Gefangene, welcher daliegt und die Tage seines düstern Daseins zählt, schmachtet auch nach seinem Antheile daran. Und wären Sie noch von dem Orden der barmherzigen Brüder, anstatt von dem des heiligen Franciscus: so arm ich auch bin«, – fuhr ich fort, indem ich auf meinen Mantelsack hinzeigte, – »mit Freuden würde ich Ihnen diesen geöffnet haben für die Loskaufung eines Unglücklichen« – Der Mönch machte hier eine Verbeugung –»Aber vor allen Andern«, setzte ich meine Rede weiter fort, »haben unzweifelhaft die Unglücklichen unseres eigenen Landes das erste Anrecht darauf – und ich habe Tausende im Elend an dem heimischen Strande zurückgelassen« – Der Mönch machte eine treuherzig zustimmende Bewegung mit dem Haupte, als wollte er sagen: »Leider giebt es Elend in jedem Winkel der Welt genug, so gut als in unserem Kloster.« – »Aber wir machen einen Unterschied«, sagte ich, indem ich meine Hand zur Beantwortung seiner Appellation auf den Aermel seines Gewandes legte –»wir machen einen Unterschied, mein guter Pater, zwischen denen, welche nur das Brot ihres eignen Schweißes zu essen verlangen, und denen, die anderer Leute Brot essen und keinen andern Zweck im Leben haben, als es in Müßiggang und Unwissenheit hinzubringen – um Gottes willen.« Der arme Franciscaner erwiederte nichts. Eine hektische Röthe überflog einen Augenblick seine Wangen, doch sie vermochte nicht darauf zu verweilen – Die Aufwallungen der Natur schienen in ihm ihre Macht verloren zu haben; er zeigte keine – sondern ließ den Stab in seinen Arm fallen, drückte seine Hände mit Entsagung gegen seine Brust und begab sich hinweg. Der Mönch. Calais. Mein Herz begann in dem Augenblick, als er die Thür hinter sich zuzog, unruhig zu schlagen. –»Pah!« sagte ich mit einer angenommenen Miene von Sorglosigkeit dreimal hintereinander; aber es wollte nicht wirken. Jede unfreundliche Sylbe, die ich hatte verlauten lassen, drängte sich meinem Gedächtniß wieder auf. Es fiel mir ein, wie mir gegen den armen Franciscaner kein anderes Recht zustand, als ihm eine Gabe zu verweigern, und daß dies für den in seiner Erwartung Getäuschten auch ohne die Zugabe unfreundlicher Worte schon Strafe genug war – Ich bedachte seine grauen Haare; seine höfliche Gestalt schien wieder einzutreten und mich bescheiden zu fragen, womit er mich denn beleidigt hätte? und weshalb ich ihm auf solche Art begegnete? – Ich hätte in diesem Augenblicke zwanzig Livres für einen Vertheidiger gegeben.

–»Ich habe mich«, sagte ich bei mir selbst, »sehr übel benommen; doch ich habe ja eben erst meine Tour begonnen, und werde wohl auf der Weiterreise mich besser betragen lernen.« Die Désobligeante. Calais. Wenn ein Mensch mit sich unzufrieden ist, so hat das für ihn wenigstens den Vortheil, daß es ihn in eine vortreffliche Gemüthsstimmung versetzt, um einen Handel abzuschließen. Da man nun eine Reise durch Frankreich und Italien ohne eine Chaise nicht unternehmen kann, und die Natur uns gemeiniglich zu dem antreibt, wozu wir am meisten Geschick haben: so ging ich hinaus nach dem Wagenraum, um mir etwas zu meinem Zwecke Dienliches zu kaufen oder zu miethen. Eine alte Désobligeante [Ein französischer Reisewagen damaliger Zeit für nur eine Person.] im äußersten Winkel des Hofes reizte meine Phantasie beim ersten Anblick so, daß ich auf der Stelle hineinstieg; und da ich fand, daß sie mit meinen Empfindungen ganz leidlich harmonirte: so befahl ich dem Aufwärter, mir Monsieur Dessein, den Herrn des Hôtels, zu rufen. Monsieur Dessein war aber in die Vesper gegangen, und da ich keine Neigung verspürte, mit dem Franciscaner zusammenzutreffen, den ich auf der andern Seite des Hofes im Gespräch mit einer Dame sah, die soeben im Gasthofe angelangt war: so schob ich den taftenen Vorhang zwischen uns, und weil ich doch einmal entschlossen war, meine Reise zu beschreiben, so zog ich Feder und Dinte hervor und schrieb die Vorrede dazu in der Désobligeante. Vorrede in der Désobligeante. Schon mancher peripatetische Philosoph muß die Bemerkung gemacht haben: daß die Natur, aus eigener, unbestreitbarer Macht und Gewalt, um das Mißvergnügen des Menschen einzuschränken, gewisse Grenzen und Schranken errichtet hat. Sie hat ihren Zweck auf die ruhigste und bequeme Weise dadurch erreicht, daß sie ihm die fast unabweisliche Verpflichtung auferlegte, in der Heimath sowohl sein Behagen zu befördern, als seine Leiden zu erdulden. Nur da hat sie ihn mit den passendsten Umgebungen versehen, die Antheil an seinem Glücke nehmen und ihm einen Theil von jener Bürde tragen helfen, welche überall und zu allen Zeiten noch stets für Ein Paar Schultern zu schwer gewesen ist. Allerdings sind wir mit einem unvollkommenen Vermögen begabt, unser Glück bisweilen jenseits dieser Grenzen auszudehnen; doch ist es so angeordnet, daß wir aus Mangel an Sprachkenntnissen, Verbindungen und Bekanntschaften und in Folge der Verschiedenheit der Erziehung, der Sitten und Gewohnheiten auf so viele Hindernisse stoßen, wenn wir unsre Empfindungen außerhalb unsrer eignen Sphäre mittheilen wollen, daß unsere Absichten oftmals zur völligen Unmöglichkeit werden. Hieraus wird immer folgen, daß die Bilanz im Gefühlsverkehr stets gegen den in der Fremde herumreisenden Abenteurer ist. Er muß kaufen, was er kaum brauchen kann, zu einem festgesetzten Preise; seine Conversation wird er selten ohne hohen Discont gegen die der Fremden auswechseln, und da ihn dies im Laufe der Dinge fortwährend in die Hände billigerer Mäkler treibt, um nur eine Unterhaltung zu finden, wie sie eben zu haben ist: so gehört kein besonderer Geist der Weissagung dazu, um zu vermuthen, was für ihn dabei herausspringt. Dies bringt mich auf meinen eigentlichen Punct, und führt mich naturgemäß (wenn das Schaukeln dieser Désobligeante mich nur fortfahren läßt) sowohl zu den wirkenden als den End-Ursachen des Reisens – – Das Reisen eurer müßigen Leute, die ihr Geburtsland verlassen und aus irgend einem oder mehreren Gründen auf Reisen gehen, läßt sich aus einer der folgenden allgemeinen Ursachen herleiten: Gebrechlichkeit des Körpers, Schwäche des Geistes, oder Unvermeidliche Nothwendigkeit.

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