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Eine Reise um die Welt – Georg Heinrich von Langsdorff

Manchen, denen es gewagt zu sein scheint, meine auf einer der interessantesten Reisen um die Welt gesammelten Beobachtungen dem Publikum zu einer Zeit zu übergeben, wo es schon die von dem verdienstvollen Chef dieser Expedition gelieferte Beschreibung zum Teil in den Händen hat, bemerke ich nur: der Hauptgrund meiner Unternehmung bestand darin, daß ich mein Augenmerk als Arzt und Naturforscher auf andere Gegenstände zu richten verpflichtet war als dieser gelehrte und wissenschaftliche Nautiker, und daß ich dessen Expedition im Jahre 1805 in Kamtschatka verließ, und folglich der Ausgang meiner Reise eine ganz verschiedene Wendung nahm, indem ich in der Folge die Aleutischen Inseln und die Nordwestküste von Amerika besuchte und endlich zu Lande durch Sibirien nach Rußland zurückkehrte. Jeder Beobachter hat seinen eigenen Gesichtspunkt, von dem aus er die neuen Gegenstände ansieht und beurteilt, seine eigene Sphäre, in die er dasjenige zu ziehen sucht, was mit seiner Neugierde, seinem Wissen und seinem Interesse überhaupt in näherem Bezug steht. Daher wird man auch in meinem Werke vielleicht manches berührt sehen, was man in dem von Krusenstern herausgegebenen vermißt, manches aber gar nicht oder anders dargestellt finden als in jenem allgemein als vortrefflich anerkannten Werke. Meine Absicht konnte es nicht sein, eine nautische Beschreibung dieser Reise zu liefern oder mich mit dem politischen oder merkantilischen Zweck der Expedition, mit dem Plan der Reise, der Anordnung und Ausrüstung der Schiffe zu beschäftigen. Alles dies würde nach dem erschienenen Werke unseres würdigen Chefs überflüssig sein und am unrechten Platze stehen. Ich habe mich bemüht, die mir allgemein interessant scheinenden Gegenstände, die Sitten und Gebräuche verschiedener Völker, ihre Lebensart, die Produkte der Länder im allgemeinen und den historischen Verlauf unserer Reise aufzuzeichnen und in einem populären Vortrag nur solche Begebenheiten mitzuteilen, von denen ich voraussetzen konnte, daß sie der Leserwelt aller Stände neu, unterrichtend und willkommen sein möchten. Inwiefern ich meine Absicht erreicht habe, das muß ich der Beurteilung anderer überlassen. St. Petersburg, den 12. Juni 1811. G. H. v. Langsdorff. 1. Ausreise und Abschied von Europa Ungünstige Windverhältnisse erlaubten uns erst am 15.September 1803, Kopenhagen zu verlassen. Im Skagerrak empfing uns ein starker Sturm, dafür wurden wir amAbend des 19. durch ein prachtvolles Nordlicht entschädigt. Am nordwestlichen Horizont stiegen Feuersäulen empor, die einzeln abwechselnd und gleichsam schußweise bald heller, bald blasser wurden. Die Dünste dieser Säulen bildeten um sich einen hellen bogenförmigen Schein, der sich allmählich weiter ausdehnte und bis zum Zenit stieg, wo er sich endlich immer blasser und blasser werdend in der Atmosphäre verlor. Bei wechselvoller Witterung liefen wir am 28. früh im Hafen von Falmouth ein. Diese kleine und unbedeutende Stadt an der südwestlichen Spitze Englands hat einen sehr guten Hafen und wird von allen Paketbooten für Portugal und Ost- und Westindien angelaufen. Neben der Schiffahrt ist das Fischereigewerbe dank des Reichtums an Fischen, Krebsen und Austern sehr entwickelt.


In besonders großer Menge wird hier eine Heringsart (Clupea Pilchardus) gefangen, die von reich und arm geschätzt und in großen Mengen eingesalzen nach Gibraltar und dem Mittelmeer ausgeführt wird. Ebenso ist das Hinterland von Falmouth, das die Grafschaft Cornwall ausmacht, von wirtschaftlicher Bedeutung, wenn es sich auch durch sein ödes, trockenes und unfruchtbares Ansehen von allen anderen englischen Provinzen unvorteilhaft unterscheidet. In seinem Schoß birgt es reiche Schätze an bestem Zinn, Kupfer, Silber und Steinkohle. Falmouth am nächsten liegen die ergiebigen Kupferminen von Redruth. Schächte und Gänge der Minen von Penzance und anderen Orten in Cornwall gehören zu den merkwürdigsten unseres Erdballs, da sie in beträchtlicher Tiefe unter dem Meeresboden abgebaut werden. Am 5.Oktober verließen wir schließlich die europäische Küste. Der große Atlantische Ozean lag vor uns. Viele Menschen meinen, daß eine lange Seereise äußerst langweilig sein müßte, weil man täglich nichts als Wasser und Himmel sieht. Das ist aber wohl selten oder niemals der Fall und trifft wohl nur die Personen, die auch auf dem Festland überall Langeweile haben, wenn sie nicht durch Theater, Ball, Konzert oder Kartenspiel unterhalten werden. Bei einer Expedition wie der unsrigen, in Gesellschaft wißbegieriger Männer, war es beinahe unmöglich, Langeweile zu empfinden. Die Kanarischen Inseln, die wir in wenigen Tagen zu erreichen hofften, beschäftigten natürlich einen jeden von uns. Alle Beschreibungen früherer Reisender, die jene Inseln untersucht hatten, wurden studiert. Die einzelnen Quellen wurden miteinander verglichen, und alles dies gab Stoff zu wissenschaftlichen Erörterungen, zur angenehmen und lehrreichen Unterhaltung und zu Witz und Scherz. Hatte man sich indessen in Gesprächen etwas erhitzt, so ging man einige Zeit auf das Verdeck und schöpfte frische Luft. Die Scharen von Delphinen, fliegenden Fischen, das auf dem Ozean schwimmende Seegras (Fucus), ein das Schiff verfolgender Haifisch, viele von uns bisher noch nicht gesehene Seevögel, Walfische – ein armes Landvögelchen, das durch starken Wind vom Land verschlagen das Schiff zu seiner Rettung fand – die Erwartung des nahen Landes, alles das und tausend andere Gegenstände beschäftigten und zerstreuten uns. Die Witterung war ziemlich günstig. So bekamen wir bei heiterem Wetter am 19.Oktober das silberne Schneehaupt des weltberühmten Pik von Tenerifia zu sehen und konnten tags darauf vor Santa Cruz ankern. 2. Auf dem vulkanischen Boden von Teneriffa Das Städtchen Santa Cruz bietet den Seeleuten mit wohlfeilen Landesprodukten, wie Weintrauben, Pfirsichen, Birnen, Zitronen, Apfelsinen, Bananen, Mandeln, Kastanien, Feigen, Melonen, Kartoffeln, Zwiebeln und anderen Küchenkräutern, einen willkommenen Aufenthalt. Eines der wichtigsten Handelsgüter ist der Wein. Der Ort ist außerordentlich malerisch gelegen. Die Häuser haben vor den Fenstern Holzgitter, wie es in Spanien und Portugal üblich ist. Auch Tracht, Sitten und Gewohnheiten des Landes sind von den spanischen wenig verschieden.

Unter der niedrigen Volksklasse scheint sehr große Armut zu herrschen; viele essen nicht einmal gebackenes Brot, sondern reiben das Korn zwischen zwei Steinen zu Mehl und verzehren es, nachdem sie es mit Wasser oder Milch in der Hand geknetet haben. Zuweilen nähren sie sich auch nur von geröstetem Korn. Der Fischmarkt war reichlich beschickt. Die Fische werden meistens mit Angeln gefangen, statt der Schnüre bedient man sich des Messingdrahtes. Um Makrelen zu angeln, setzen sich 6-8 Personen abends in einen Kahn, auf dem sie, sobald es dunkelt, zu beiden Seiten ein großes Teerfeuer anmachen. Die Angeln gehen nicht tief in das Wasser, und fast jeden Augenblick wird ein Fisch von diesen gelöst. Diese Fangart dauert oft die ganze Nacht hindurch. Die zahlreichen Feuer auf dem Wasser bieten einen äußerst malerischen Anblick. Die Insel besteht aus steilen, beinahe unzugänglichen Bergen und Felsen vulkanischer Herkunft. Wo man auch hinblickt, überall sieht man Lava verschiedener Art; alle Häuser und Festungswerke sind daraus erbaut, alle Straßen damit gepflastert. An den steilen Berghängen findet man verschiedentlich Grotten oder unterirdische Höhlen, die in den ältesten Zeiten von den Ureinwohnern der Insel, den Guantschen, bewohnt gewesen sein sollen. In vielen dieser Höhlen liegen Menschenknochen und zuweilen auch ganze, in Leder eingenähte und zusammengetrocknete Leichen. Man versicherte uns, daß hin und wieder Familien auf der Insel angetroffen würden, die noch als Nachkommen der Guantschen zu betrachten seien. Wir haben auch manche Männer gesehen, die ganz und gar nicht zivilisierten Menschen ähnlich waren. Die schmutzige gelbbraune Hautfarbe, die Armut und schlechte Kleidung, die unsaubere Lebensart, alles das trug dazu bei, den größten Teil der hiesigen Einwohner eher für Guantschen als für zivilisierte Spanier zu halten. In dem Handelshaus des Herrn Armstrong fanden wir gastliche Aufnahme und machten in Begleitung dieses freundlichen Mannes auch einen Ausflug in das Innere nach Porto de L’Orotava im nordwestlichen Teil der Insel. Auf Mauleseln und kleinen Pferden ging es über Lavaschichten bergauf nach La Laguna, der Hauptstadt der Insel, die zwar weniger reinlich und schön wie Santa Cruz ist, aber in einer fruchtbaren Umgebung liegt. Die Gegend wurde dann wieder steinig und bergig, und je mehr wir uns dem Orte Santa Ursula näherten, um so mehr nahm die Zahl der Weinberge zu. Nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir im Dorf an. Groß und klein feierte den Geburtstag der heiligen Ursula. Dicht an der Kirche war eine Menge Buden aufgeschlagen, in denen Erfrischungen und Kleinigkeiten verkauft wurden. Hin und wieder sah man Gruppen von Tänzern und Tänzerinnen, aus deren Mitte rauher Gesang und Gitarrenbegleitung ertönte. Der Menschenauflauf in der Dunkelheit glich mehr einem Jahrmarkt als einem Kirchenfest.

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