| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Ein Rufer in der Wüste – Jakob Boßhart

Dichter Rauch strich durch den kleinen Saal und durchwob ihn mit bläulichem Licht. An drei langen Tischen, die zu einem Hufeisen zusammengerückt waren, saßen etwa vierzig junge Leute mit geröteten Gesichtern vor Biergläsern. Sie tranken sich geräuschvoll zu und klappten nach vollbrachtem Zug knallend mit den Deckeln der Gläser. Fast alle hatten Zigaretten im Mund und bliesen die Rauchballen selbstbewußt gegen die Decke oder dem Nachbar ins Gesicht. Die Jünglinge feierten ihren Abgang vom Gymnasium. Die Professoren hatten sich entfernt, als der Uhrzeiger über die Zwölf hinausgeglitten war, und nachdem sie mit weiser Rücksichtnahme auf den Magen und den folgenden Tag die übliche Mehlsuppe in sich hineingelöffelt hatten. Eben war der ›Mops‹, der Spaßhafteste von ihnen, durch die Türe verschwunden. Er hatte trotz seiner sechzig Jahre d i e Biergemeinde mit etwas übertriebenem Jugendfeuer geleitet und vor dem Weggehen die Präsidialwürde dem Primus der Klasse, Karl Simmler, überbunden. In einer Ecke fing man an zu summen: »Wir wünschen eine Antrittsrede …« und bald gröhlte das ganze Hufeisen die paar dürftigen Worte und Noten durcheinander. Karl Simmler rutschte hilflos auf seinem Stuhl hin und her. Was war zu machen? Er hatte sich ja nicht vorbereitet. Sein Maturitätsaufsatz fuhr ihm wie eine Erlösung durch den Sinn, der konnte helfen. Er schoß von seinem Stuhle auf und posaunte: »Das Leben ist der Güter höchstes nicht …« »So geh‘ hin und kauf‘ einen Strick!« rief ihm eine näselnde Stimme zu. Allgemeines Gelächter. Der Primus wurde schon fassungslos. Wut erfaßte ihn gegen die Lacher, denen er sich weit überlegen fühlte. Er setzte wieder an: »Das Leben ist der Güter höchstes nicht …« »Verkauft man’s beim Meter oder Liter?« näselte es ihm wieder entgegen. »Schiller will sagen…« »Wir wollen dich hören, nicht Schiller!« Nun gab er es auf: »Ich mache den Unsinn nicht mit,« schrie er und suchte mit den Augen den, der ihn lächerlich gemacht hatte. Er warf einen verächtlichen Blick auf sein Opfer oder seinen Richter und schleuderte ihm kurz zu: »Ich trete das Präsidium an Oswald Wäspi, vulgo Immergrün, ab.« Auf der innern Seite des Hufeisens regte sich etwas Spatzenartiges, flatterte nach vorn und setzte in leichtem Flug über den Tisch an den Präsidialsitz. Karl Simmler hatte kaum Zeit, auf die Seite zu hüpfen. Immergrün sperrte nun seinen Spatzenschnabel weit auf: »Kommilitonen, ich werde euch die Ehre erweisen, über euch zu reden. Ihr erwartet von mir gewiß keine Verbindlichkeiten, ich will euch Aufrichtigkeiten auftischen! Wer seid ihr? Der Rektor hat in seiner Abschiedsrede gesagt, ihr seiet die Zukunft unseres Volkes. Das ging euch natürlich wie Süßöl ein, was? Armes Land, wenn ihr wirklich seine Zukunft seid …« Man unterbrach ihn. Er griff nach dem Schläger, der vor ihm lag, und hieb dröhnend und drohend auf den Tisch.


»Silentium!« Die Vierzig fügten sich der Wucht dieses Hiebes und dem Biergesetz, und Immergrün fuhr fort: »Ihr seid eine possierliche Gesellschaft! Ihr kommt euch unbändig gescheidt vor, aber ich wette, es wird auch nicht einer von euch je einen eigenen Gedanken in die Welt sprechen. Ihr seid jetzt Idealisten oder meint es zu sein, aber in zehn Jahren werdet ihr euch soviel Philistertum angemästet oder angeheiratet haben, daß man mit euch die größte Lederhandlung errichten könnte. Nur still gehalten! Ihr seid jetzt Individualisten oder gar Persönlichkeiten! hm, hm! In zehn Jahren werdet ihr aussehen, als hätte euch der Spengler aus dem ihm eigenen Edelmetall herausgestanzt.« Entrüstungsrufe und Beifallsgelächter wogten durcheinander. Immergrün schwamm nun in seinem Wortstrom: »Versteht mich recht! Ein paar Schablonen müßte der wackere Klempner schon aufbringen. Ich will euch einteilen! Ihr wißt oder wißt es auch nicht, wie es in einem Weinfaß aussieht. Zu oberst liegt eine ganz dünne Decke oder Schicht, ich glaube, man nennt sie Blume, Vortrefflich! Ha! Sieht man näher zu, so sind es Pilze, Schmarotzer, die natürlich nur deshalb zuoberst schwimmen, weil sie – so gewichtig sind. Darunter liegt die Hauptmasse, das wirklich Brauchbare und Geschätzte, das, was einen Preis hat, aber es soll, wie böse Zungen behaupten, gepanscht sein und zuweilen sogar faulig werden. Zu unterst endlich liegt die Hefe, ein ganz unedler, gemeiner Bodensatz. Doch halt! Man treibt daraus einen Geist, der feuert, wo er hinkommt, wird der Bodensatz aufgewühlt oder wühlt er sich selber auf, was vorkommen soll, so geht alles, was darüber ist, in die Wirrnis und Trübe. Und nun die Anwendung! Die Oberschicht wird unter euch am blauesten und blumigsten durch Georg von Homberg dargestellt. Seine Vorfahren waren wahrscheinlich Besitzer von niedlichen Raubritterburgen oder haben bei irgendeiner Gelegenheit dem Vaterland einen Strick gedreht und dafür von einem Krönchen den Freibrief erhalten …« In das Gelächter, das losbrach, knirschte das Wort »Schuft!« Immergrün achtete nicht darauf und näselte vergnüglich weiter: »was haben wir von unserem Ritter Georg zu erhoffen? Der Höhepunkt seiner Entwicklung – dieses Wort in Anführungszeichen – wird sein, daß er eine reiche und wenn möglich auch eine vornehme Heirat macht, vorher wird er ein wenig auf den Universitäten herumlottern und im Winter in Pontresina einen englischen Sportanzug an seinem höchstpersönlichen Kleiderständer zur Schau tragen. Ihr liebt diesen Ton nicht? wohlan, so lassen wir unsere Weinblume und wenden wir uns der Mittelschicht zu. Da ist noch größere Vorsicht geboten! Denn bei ihr thrönelt die Macht und das Ansehen, sie verleiht unserem Landesfaß wert und Gewicht. Fabrikanten, Kaufleute, Professoren, Ärzte, Juristen, Juristen schockweise, schwimmen darin, wahre Idealgestalten gibt’s in dieser Flüssigkeit. Ich kenne ein echt schweizerisches Exemplar dieser Art, der Mann ist von Be r uf Fabrikant, daneben Stadtrat, Kantonsrat, Nationalrat, eidgenössischer Oberst, sitzt im Verwaltungsrat von soundso viel Bahnen und Banken, könnte jeden Augenblick Regierungsrat werden, wenn er nur wollte, er ist eine Zierde der Klopffechterzunft zum ›Weberbaum‹, Ehrenmitglied des kantonalen Turnvereins, des städtischen Leierbundes, vielleicht auch Ehrenpräsident des Hebammenvereins …« Während Immergrün so sprach, wendeten sich alle Blicke auf einen dunkelhaarigen Jüngling, dessen etwas blasses Gesicht immer röter wurde, bis es ganz mit Purpur übergossen war. Der Primus Karl Simmler, der froh war, daß sich die freche Zunge Immergrüns an einem andern wetzte, rief, was durchaus überflüssig war: »Das geht auf dich, Reinhart Stapfer!« Der Angeredete erhob sich langsam und stemmte die vor Erregung leicht zitternden Hände auf den Tisch: »Der Mond wird nicht kleiner und bleicher, wenn ihn ein gewisses Tier ankläfft.« Immergrün war nicht empfindlich. »So tragisch nimmst du den Scherz?« lachte er zu Reinhart hinüber. »Ich schone mich selber ja auch nicht. Ich versetze mich in die Hefe. Mein Vater ist Schulabwart, ihr wißt’s! Damit kann man sich keinen Pfauenschwanz anhängen. Er gehört zum arbeitenden Volk, zu denen, die das Joch auf dem Nacken tragen. Aber ich geb‘ euch mein Ehrenwort, daß ich, sein Sohn, nicht in der Hefe verfaulen werde! Ihr habt mich sieben Jahre lang über die Achsel angesehen, hättet ihr meine Zunge nicht wie ein Schwert gefürchtet, ihr hättet mir die Haut über die Ohren gezogen. Einmal wird die Stunde schlagen, da ich euch aufs Haupt spucke.

Ich bin fürs alte Testament!« Er stieß das drohend durch die Nase und reckte seine kleine Gestalt, als gelte es jetzt schon den Kameraden den versprochenen Segen zu spenden. Man fühlte, daß er seinen geheimsten Gedanken ausgesprochen hatte. Gleich besann er sich und fuhr lachend fort: »Fast hätte ich mich vermessen, mich als vornehmste Karte auszuspielen. Ich übersah aber unsere beiden Bauernsprossen. Sie würde ich heute auf den Ehrenplatz verweisen, wenn sie in ihren verfluchten Holzpfeifen etwas besseren Knaster verbrennten und nicht dasäßen, als wären sie aus Holz geschnitzt. Aber das ist es gerade. Die Bauern sind die Dauben an unserem Landesfaß, sie sind zu unterst und zu oberst und man muß sie gelten lassen, wie sie sind. Und nun will ich zum Schluß meine Gedanken etwas in die Höhe richten. Unser lieber Primus wollte vom Wert des Lebens reden. Wollte! Man merkte, wo er mit seinen ureigensten Gedanken – hm! hm! – hinauswollte. Das Leben sollte um irgendeines Götzen willen heruntergezerrt werden. Ich aber sage: das ist entweder Unverstand oder Heuchelei. Wer nicht auf beiden Augen blind ist, sieht ein, daß das Leben der Güter höchstes ist, fraglos. Es erhält freilich seinen Preis erst durch den Zweck, und dieser Zweck ist die Herrschaft. Ja, ja, glotzt nur! Zum Herrschen ist der Mensch in die Natur, in die Welt gestellt. Überlegt’s euch. Andere Gedanken werden euch ja in nächster Zeit, der schönen Mauleselzeit, nicht quälen. Damit habe ich mein Programm aufgedeckt. Wir wollen in zwanzig Jahren wieder darüber reden. Jetzt aber soll uns Stapfer enthüllen, was er vom Leben hält, Stapfer, unser Philoso-o-oph!«

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |