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Dt. Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen – Edmund Hoefer

Die Geschichte der deutschen Literatur ist seit den ersten Versuchen auf diesem Gebiet bis auf den heutigen Tag ein Lieblingsstoff unserer Schriftsteller geblieben, und, allerdings gemäß der unausgesetzt wachsenden Neigung und Theilnahme des Publikums, fast häufiger als irgend eine andere Materie behandelt worden – im Großen und Ganzen so gut wie in den Unterabtheilungen, in ausführlichen Werken und kurzen Uebersichten, für jede Bildungsstufe endlich, für Erwachsene und für die Jugend. Auch unter unseren gründlichsten Forschern und Kennern dürfte es nicht viele geben, welche noch im Stande sind, diese Literatur der Literaturgeschichte zu übersehen, und wer alles hieher Gehörende zu sammeln vermöchte, würde sich im Besitz einer ansehnlichen Bibliothek finden. Es ist in ihr, um mich so auszudrücken, für alles und jedes gesorgt, jede Frage behandelt und allen denkbaren Ansprüchen nach Kräften genügt. Die Flut des Mittelmäßigen, des Schwachen und sogar des Leichtfertigen ist begreiflicherweise freilich groß, aber es ist auch kein Mangel am Guten, ja am Besten. Wer sich heutzutage mit einem weitern Werk dieser Art hervorwagt, muß es stets schwieriger finden, dem Publikum etwas Neues oder auch nur Selbständiges zu bieten und für seine Arbeit in dieser Literatur einen ehrenwerthen Platz zu gewinnen. Des allen bin ich mir wohl bewußt gewesen und habe es mir oft und ernst genug wiederholt, als die Aufgabe an mich herantrat, eine kurzgefaßte und dennoch möglichst vollständige und übersichtliche Geschichte unserer schönen Literatur, hauptsächlich für die deutschen Frauen zu schreiben. Unvorbereitet ging ich an diese Arbeit nicht. Ich habe mich mit dieser Literatur und ihrer Geschichte schon seit mancher Zeit ernstlich beschäftigt und von jeher danach gestrebt, in der ersteren ein selbständiges und unbefangenes Urtheil und in der letzteren eine möglichst klare Uebersicht zu erlangen. Endlich bot mir auch eine vieljährige kritische Thätigkeit Gelegenheit, mit einer großen Zahl von nicht bloß modernen Schriftstellern und Schriften bekannter zu werden, als es auch der aufmerksamste – sage ich einmal: Vergnügensleser zu erreichen pflegt, und zwang mich zu einem vorsichtigeren und ernsteren Urtheil, als man es für sich oder in seinem Kreise zu fällen gewohnt ist. Aber freilich, als ich nun an die Ausführung ging, wurde es mir nur allzubald und auf das empfindlichste klar, wie viel mir zur Bewältigung der Aufgabe fehlte, wie beschränkt noch die Uebersicht, wie schwankend oft mein Urtheil, wie lückenhaft selbst meine Kenntnisse waren. Wer sich mit diesem Stoffe nur als Liebhaber oder immerhin auch als wirklicher Bildungslustiger beschäftigt, gelangt nur ausnahmsweise über, gleichviel wie zahlreiche, Einzelheiten hinaus und erfährt nur selten etwas von dem richtigen Zusammenhange, von der Ausdehnung, der Mannichfaltigkeit, dem Reichthum, von all den Schwierigkeiten und Hindernissen, mit denen der Darsteller aus diesem Gebiete allerwärts und stets von neuem zu kämpfen hat. Ich habe mich im Fortgange meiner Arbeit häufig nicht wenig gedemüthigt, ja zuweilen fast muthlos gefühlt und bin vor allem unendlich viel milder und nachsichtiger in meinem Urtheil über die Arbeiten und Versuche selbst derjenigen von meinen Vorgängern geworden, denen man, Gott weiß was alles für Schwächen und Fehler nachzusagen pflegt. Weiß und fühle ich doch gut gering, wie sehr mein eigenes Buch einer solchen Nachsicht bedarf. Wie ich meine Aufgabe erfaßte, handelte es sich um eine Schrift, welche etwa die Mitte hielt zwischen Werken, wie zum Beispiel dem bekannten und beliebten Vilmar’s, und den nicht allzu trockenen und dürftigen, besseren Leitfäden, die in höheren Unterrichtsanstalten gebraucht werden, aber auch noch zum Selbststudium dienen können. Es sollte den Lesern und vorzüglich den Leserinnen ermöglicht werden, über die dürftigen, halbvergessenen Schulkentnisse hinaus, ein einigermaßen vollständiges und anschauliches Bild unserer schönen Literatur zu gewinnen. Und zwar nicht im Spiel, denn es ist mir wahrhaftig am wenigsten darum zu thun, das verderbliche Halbwissen zu befördern und zu unterstützen, – aber doch auch ohne allzu große Mühe, ohne aufgehalten zu werden durch breite und genaue Ausführungen, wie sie in ausführlichen Werken nicht vermieden werden können. Es mußte mir im Gegentheil darauf ankommen, so einfach wie möglich und ohne lange historische, philosophische und ästhetische Deductionen, die einzelnen Perioden zu charakterisiren, die Uebergänge zu verdeutlichen, die fortschreitende Entwickelung darzulegen, und endlich von den rasch einander folgenden Einzelerscheinungen die bedeutenderen so weit zu fixiren, daß sie den Lesern anschaulich und diese sich ihrer Bedeutung, ihres Einflusses, ihres Werthes oder Unwerthes klar würden. Die Leser und Leserinnen sollten in Stand gesetzt werden, ihre Neigung und Theilnahme mit Gerechtigkeit und Unparteilichkeit dem Einen noch herzlicher, dem Anderen von neuem zuzuwenden oder dem Dritten zu entziehen

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