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Die Zeitgenossen – Karl Gutzkow

Wenn ich Ihren Namen an die Spitze dieses Werkes stelle, von dem ich selbst noch nicht recht weiß, ob es ein abgeschlossenes Buch oder ein Journal werden wird, so veranlaßt mich dazu außer ……. 1 besonders die gleiche Richtung, in der sich unsre Wünsche zu begegnen pflegen. Sie gehen gern von der Politik auf die Poesie über; ich verlasse gern meine poetischen Beschäftigungen und politisire. Sie sind ermüdet von dem unaufhörlichen Zählen der Pulsschläge, welche das Leben des Staates verrathen, und deren schnellere oder langsamere Bewegung auf politische Erkältungen, Entzündungen und Quartanfieber schließen läßt; Sie ermatten, jenen Chimborassos von Aktenstößen gegenüber, welche über eine wichtige Frage des Tages verglichen seyn wollen, und sehnen sich, Sie haben es mir oft gestanden, nach den glückseligen Gestaden der Poesie, wo es Ihnen bei dem übergroßen Verlangen manchmal sogar gleichgültig ist, ob Sie den steifen und bebänderten Allegorien der mythologischen Periode in der Literatur begegnen oder den Verwilderungen unsrer modernen Waldpoesie, einer Tragödie mit drei Einheiten oder einer Tragödie, die deren so viel zählt, daß sie keine mehr hat. Mir geht es umgekehrt. Mit der Poesie steh’ ich des Morgens auf. Gleich an meine ersten Verrichtungen knüpfen sich die Verworrenheiten poetischer Bilder. Meine Nachtmütze ist der Helm des Achilles. Mein blumiger Schlafrock ist bald der Frühling mit dem Füllhorne seiner Florapracht, bald ist mir sein langes Rauschen und Wallen eine so deutliche Vorstellung des Meeres, daß ich immer in Sorge leben muß, über eine Erkältung meiner Phantasie einen reellen Schnupfen meiner Nase zu bekommen. Ich treibe mich dann, die Feder ergreifend, in den entferntesten Gegenden der Erde um, klage, weine mit Menschen, die ich nie gekannt habe, lache laut über Späße und Situationen, wobei ich vielleicht nur der Einzige bin, der sie für witzig hält. Ich härme mich ab, wie es mit meinen Helden werden wird, ich biete alles Mögliche auf, ihnen die Hand eines Wesens zu verschaffen, das sie lieben, ich spende Reichthümer, lasse ostindische Onkel sterben, kurz ich pfusche dem lieben Gott unaufhörlich in seine Schöpfung hinein, schiebe ihm Menschen und Schicksale unter, die er nie contrasigniren wird, und sinke zuletzt, von meinen Träumereien erschöpft, auf ein Sopha zurück, das mich erst allmählich wieder lehrt, hart von weich, Comfort von einer Ofenbank zu unterscheiden. Halten Sie es für ein Glück, Dichter zu seyn? Ich wenigstens nur dann, wenn ich von irgend einem verrufenen Kritiker, aus dessen Munde der böswilligste Tadel zum beschämendsten Lobe wird, in allen Gelenken zerschlagen werde. Diese Art von Feindseligkeit (denn für das Lob literarischer Freunde, das immer nur langweilig ist, dank’ ich) ermuntert mich, weil ich weiß, daß ich jetzt Enthusiasmus erregen werde. Sonst hindert mich der dichterische Lorbeer. Es ist unmöglich, so bekränzt wie Dante zu seyn und sich einen wassergeprüften fashionablen Hut aufzusetzen. Glauben Sie mir, daß in mir das ewige Idealisiren einen rechten Heißhunger nach der Wirklichkeit erweckt. Ich möchte kein Staatsmann seyn, aber immer auf die Politik zurückkommen. Meinen precären Erfindungen gegenüber haben für mich die Thatsachen einen unendlichen Reiz. Ich gestehe Ihnen, daß ich die meisten Dinge richtiger zu beurtheilen glaube, als die, welche dafür besoldet werden. Ich bilde mir sogar ein, die Kriegskunst zu verstehen, und habe, wenn ich des Abends nicht einschlafen konnte, im Bette manche Schlacht zwischen Nationen aufgeführt, von welchen aber immer diejenige unterlag, die ich commandirte. Denn über dem Kanonendonner schlummerte ich allmählich ein und mußte das Schlachtfeld räumen. In allem Ernste, mein hochgeachteter Freund, ich habe die Neigung zur Politik mit den meisten ältern Dichtern gemein, wie sehr ich auch sonst hinter ihnen zurückstehe. Dante und Milton ergriffen sogar Partei, die Andern lieferten nicht ungern Strophen und Scenen, welchen sich eine Bezüglichkeit auf die große Welt abgewinnen ließ. Ueberhaupt war aber auch die Stellung der Literatur in vergangenen Zeiten eine andre, als jetzt. Die Literatur stand über den historischen Thatsachen, sie wurde um Rath gefragt, sie hatte noch Gewalt genug, um etwas entscheiden zu können.


Die Literatur verlor dieß Uebergewicht erst, als sie sich der historischen Autorität selbst unterordnete und ihr zu schmeicheln anfing. Die französische Literatur hat diesen Verrath an der Selbstgesetzgebung des Geistes zu verantworten. Sie machte sich anheischig, die Thaten der Könige beurtheilen zu wollen, und endete damit, daß sie sie nur erklärte, aufschrieb und pries. Friedrich II. und Katharina geizten nach dem Beifalle Voltaires; aber indem sie die Literatur zu erheben schienen, setzten sie sie nur herab. Denn Literatur blieb nicht mehr die geschlossene Kette einer bestimmten, streng vorgezeichneten Freiheit, sie hielt ihre einzelnen Glieder nicht mehr zusammen, sondern wurde, statt sich in den Objekten zu consolidiren, individualisirt, wurde Eigenthum eines Einzelnen, der Witz und Kenntnisse genug besaß, um sie zu beherrschen, mit einem Worte, die Literatur war nicht mehr Masse, sondern Person. Durch eine solche von den Franzosen verschuldete Umkehr ihrer Bestimmung hat auch die Literatur seither ihre Kraft verloren und kann nur noch als individuelle Meinung wirken, als eine Meinung, die sehr wenig ausrichtet, wenn sie nicht durch Namen, Rang und großen Ruf unterstützt wird. Bei uns Engländern findet noch so ziemlich zwischen Leben und Literatur ein Gleichgewicht Statt. Dieß kömmt aber weniger von dieser, als von jenem her. Denn unsre Geschichte hat sich früher, als die anderer Nationen, bestimmte Formen erobert, innerhalb deren sich das Urtheil der Publizisten bewegen konnte. Eine frühe Spaltung unserer politischen Begriffe theilte sich der ganzen Nation mit, es kam darauf an, man erwartete es, daß hier Etwas angegriffen, dort Etwas vertheidigt wurde. Die Formen unsrer politischen Existenz mußten erklärt werden und, da sie zunächst nur Kreise ohne Inhalt sind, ausgefüllt. Die Feder war an die Stelle des Schwertes getreten, d. h. sie war eine Hülfleistung und wurde wenigstens dort als eine unumstößliche Thatsache anerkannt, wo sie unter den Ihrigen, unter der Partei war. Allein diese günstige Entwickelung der Literatur, welche, wenn nicht unsern gründlichen Werken, doch unsern Pamphlets und Journalen eine große Wirksamkeit gelassen hat, findet sich auf dem Continente weit weniger. Mit Napoleon hörte in Frankreich die Furcht vor der Literatur auf. Paul Louis Courier fiel nur als eine Ausnahme. Jetzt, werden Sie gestehen, ist in Frankreich der gedruckte Buchstabe, schon ehe er trocknete, zu Makulatur geworden. Ich kann nicht blos an England denken, sondern muß die Gefälligkeit des Continents, meine Schriften zu übersetzen, dadurch ehren, daß ich sie auch für ihn einrichte.

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