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Die Sünden der Väter – Mary Braddon

E I. s war ein wilder, sorgloser Hof, an den George Lord Deverill, Herr von Deverill Castle und eines fürstlichen Einkommens, kurz nach der Wiedereinsegung der Stuarts, seine schöne junge Frau brachte. Sie war eine Art wilder Rose, nicht ganz zwanzig Jahre alt und fast dreißig Jahre jünger als ihr Gatte. Der ganze Hof verliebte sich auf den ersten Blick in Lady Deverill. Selbst die Frauen waren von ihrer Schönheit entzückt, die kaum einen gefährlichen Charakter an sich trug. Das arme Kind war zu schüchtern, als daß es jemals eine Nebenbuhlerin dieser kecken Damen werden konnte. »Arme kleine Waldblume«, sagten die Hofschranzen, »sie scheint durch die Bürde ihrer Größe als Lady Deverill förmlich erdrückt zu werden. Sie hätte einen Landpfarrer heirathen und ihre Tage in der Atmosphäre der Milchkammer und des frisch gemähten Heues zubringen sollen. Sie taugt ebensowenig für unsere Welt, als ein Stern unter die Lampen von Whitehall paßt.« »Und wer war dieses schöne junge Wesen und woher kam es?« fragten neugierig die Hofleute. Ihre Fragen wurden bald beantwortet. Sie war das einzige Kind von Sir Talbot Treherne, einem Cornischen Baronet von ruiniertem Vermögen, der einige Jahre vorher in einem düstern alten Hause zwischen den öden Sandhügeln dieser fernen westlichen Küste gestorben war. »Ein treuer Anhänger des Königs, aber ein schlimmer Mensch,« sagten Diejenigen, die ihn kannten. Lord Deverill und er waren zur Zeit des vorigen Königs intime Freunde gewesen, hatten sich aber getrennt, als der unglückliche Monarch auf dem Schaffot gestorben war, Deverill, um dem Thronerben in’s Ausland zu folgen, Treherne, um sich mit seinem kleinen mutterlosen Mädchen auf den Rest seiner Güter in Cornwallis zurückzuziehen. Als der Baronet sich dem Tode nahe fühlte, schrieb er an seinen alten Freund und bat ihn, die Vormundschaft über seine verwaiste Tochter, seine geliebte Alice, und ihr ärmliches Vermögen zu übernehmen und dafür Sorge zu tragen, daß sie nicht in die Hände eines Schurken oder Abenteurers falle, sondern einen braven Gentleman heirathe. »Sie ist hübsch und artig, schrieb der Vater, »und Du wirst wahrscheinlich keine besondere Mühe haben, einen Gatten für sie zu finden, wenn auch ihr Heirathsgut nur gering ist. Ich verlange bloß, daß er ein redlicher Mann sei. Außerdem giebt es im Auslande Klöster, in denen die Tochter einen Gentleman eine passende Unterkunft finden kann. Wir gehören, wie Du weißt, Deverill, dem alten Glauben an, und Alice würde nicht die erste meines Geschlechts sein, welche das Getümmel und die Versuchungen der Welt mit dem ruhigen Schatten der Klostermauern vertauschte.« Es ist das Schicksal eines Mannes, dessen Lebensweise ihn in die Gesellschaft von unsittlichen Menschen führt, daß er zuletzt keinen Freund von reinem Charakter findet, auf den er im Sterben sein Vertrauen setzen kann. Gewiß war George Deverill kaum der Mann, dessen Sorgfalt ein liebender Vater sein einziges Kind übergeben hätte, wenn ein weiteres Feld für die Wahl vorhanden gewesen wäre. Aber George Deverill war wenigstens kein Wüstling und vielleicht der einzige unter Talbot Treherne‘s vertrauten Freunden, der sich nicht mit den gemeinen Lastern jener Zeit befleckt hatte. Er war ein strenger, harter Mann mit einem dunkeln ausländischen Gesicht, das früher sehr hübsch gewesen war, aber sich jetzt, nachdem es in Folge von verfehltem Ehrgeiz mit jedem Jahre einen hochfahrenderen Ausdruck angenommen hatte, nur noch durch mürrischen Stolz und eine gewisse Wildheit auszeichnete, die Jedem, der Lord Deverill beleidigen würde, nichts Gutes verhieß. Die Gefühle seiner Lordschaft, als er den Brief seines alten, zur Zeit bereits verstorbenen Freundes erhielt, waren keineswegs die angenehmsten. Was in des Teufels Namen sollte er mit einer Mündel, einer von einem schwachen alten Vater verzogenen Schönheit anfangen, mit einem Mädchen, das ohne Zweifel eigenwillig und begierig nach einem Leben voll Vergnügungen war? George Deverill gedachte den größten Theil seines Lebens am Hofe zuzubringen, und dort konnte ihm eine Mündel nur lästig und hinderlich werden.


Ja, ihr Vater hatte Recht; das Kloster würde der beste Ort für Alice Treherne sein, und wenn sie sich gegen ein französisches oder belgisches Kloster sträuben würde, so könnte sie ihre Tage zu Deverill Castle zubringen, wo sich eine alte Haushälterin und einige alte Diener befanden, die meistens taub und gichtisch waren; wo das Gras in dem großen Hofe wuchs, feuchtes Moos den unteren Theil der Mauern bedeckte und die Eulen des Nachts in den beiden epheubewachsenen Thürmen, welche an beiden Enden des alten Gebäudes standen, ihr schauerliches Geschrei vernehmen ließen. Lord Deverill lächelte grimmig bei dem Gedanken, daß dieses entfernte nordische Schloß die Wohnung von Jugend und Schönheit werden sollte. Er sagte sich, daß es nöthig sei, rasch zu handeln, um diese unangenehme Geschichte so bald als möglich los zu werden. So entschloß er sich denn, nach Cornwallis zu gehen, um das Mädchen zu sehen und die Sache mit ihr in Ordnung zu bringen. Aber die Reise war lang und ermüdend, das Wetter kalt und düster, und er hatte deshalb zuerst den Gedanken gehabt, seinen Verwalter mit einem Brief zu senden, worin er seine Absichten aussprechen und den Boten ermächtigen wollte, Mistreß Alice entweder nach einem auswärtigen Kloster oder nach dem entfernten nordischen Schloß zu bringen. Aber bei reiflicherem Nachdenken erschien ihm diese Handlungsweise in Anbetracht, daß Talbot Treherne einst sein Busenfreund gewesen, nicht recht passend und wohlwollend. Auch mochte sich das Mädchen widerspenstig zeigen und sowohl gegen das Kloster als das Schloß sich auflehnen, in welchem Falle der Verwalter vielleicht nicht im Stande sein würde, sie zur Vernunft zu bringen. Daß sie ihm den Gehorsam versagen würde, fürchtete Lord Deverill nicht, und wieder lächelte er über seine Gedanken mit dem ihm eigenthümlichen Lächeln. Er war ein Mann, der gewohnt war, Gehorsam zu finden, der seine Umgebung von seinem frühesten Mannesalter an durch die einfache Kraft seiner strengen, harten Natur gelenkt hatte, und er konnte bei dem Gedanken von Widerstand durch dieses Mädchen nur verächtlich lächeln. So ging er selbst nach Treherne Court. Er ging selbst, und Alice suchte weder eine Zuflucht in einem fremden Kloster, noch wurde sie zu der traurigen Einsamkeit von Deverill Castle verurtheilt. George Deverill, dessen Herz in den neunundvierzig Jahren seines Lebens niemals von einem Weibe gerührt worden war, verliebte sich sterblich in die Tochter seines verstorbenen Freundes, noch ehe er sie eine Woche gekannt hatte. Er gab sich indeß nicht so leicht dieser thörichten Laune hin, wie er seine Leidenschaft nannte, wenn er sich selbst darüber Rechenschaft zu geben suchte. Nein, er kämpfte einen heftigen Kampf mit sich selbst, ehe er sich eingestehen mußte, daß er vollständig geschlagen sei. Aber er liebte sie — er liebte sie. In diesen Worten lag der Anfang und das Ende. Das Herz, das bisher kälter als Eis, härter als Stahl gewesen war, schmolz auf einmal und das einfache Mädchen war seine Gebieterin. Was war es, das diese kalte, strenge Natur unterjocht hatte? Ihre Schönheit? Schwerlich, denn so schön sie auch war, hatte doch George Deverill viele Frauen gesehen, die sie an äußeren Reizen übertrafen und die überdies eine vollendete Anmuth des Benehmens besaßen, die ihr abging. Vielleicht hatten ihre Hilflosigkeit und Schüchternheit, ihre gänzliche Unschuld und Kindlichkeit ihre Reize in George Deverill’s Augen erhöht. Er selbst wußte kaum, was er an ihr liebte; er wußte nur, daß er sie mit einer Leidenschaft liebte, gegen die die Vernunft vergebens ankämpfte. Obschon sie hilf- und freundlos und obschon das Gesetzbuch gentlemanscher Ehre in jenen Tagen leichtfertig genug war, so war doch Lord Deverill eines unehrenhaften Gedankens oder einer strafbaren Hoffnung unfähig. Seine Fehler gehörten nicht zu den gewöhnlichen Fehlern jener Zeit. Seine Natur war eine finstere, leidenschaftliche, nicht ohne eine rauhe Art von Adel, die sich zuweilen in seinem Gesichte zeigte, trotz des zurück-stoßenden Ausdrucks von Stolz, der sich gewöhnlich darin ausprägte.

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