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Die Sagen und Geschichten des Rheinlandes – Karl Geib

Wenn die Geschichte Begebenheiten, Thatsachen und Charaktere aufstellt, die historisch beurkundet und mit dem Griffel der Wahrheit gezeichnet sind, und wenn sie die wechselnden Schicksale der Länder und Völker schildert, so tritt sogleich die Sage neben sie, holt aus den ehrwürdigen Tiefen der Vorzeit manches wunderbare Gebild herauf, befruchtet mit dichterischer Phantasie durch Mährchen und Lieder den Boden der Wirklichkeit und ergänzt, wenn auch ihre Überlieferungen großentheils nur Geschöpfe der Einbildungskraft sind, dadurch, daß sie uns ein treues Bild vom Geiste des Volkes gibt, unter dem solche entstanden und fortleben, [IV:] in gewissem Betracht die Geschichte selbst, auf deren Grund sie mehr oder weniger gebaut ist. Gleich dem der früheren und späteren Heroenzeit des Alterthums erscheint, auch unter manchen abweichenden Verhältnissen, dieser Geist in den Tagen germanischer Vorzeit und des Mittelalters. Die Kämpfe der rohen Gewalt und Unwissenheit mit emporstrebender Bildung und edler Sitte, des dunklen Vorurtheils und Aberglaubens mit dem göttlichen Lichte der Vernunft, Wahrheit und Menschlichkeit, und das so glänzend hervortretende Ritterthum, welches, wie ich schon anderswo bemerkt habe, da, wo es im ächten und reinen Sinne geübt ward, nicht allein den kriegerischen Muth in Abenteuern und Gefahren, sondern auch den daraus entspringenden Schutz der Unterdrückten, die zarte Huldigung gegen die Frauen, unverbrüchliche Treue in Wort und That, mit wahrer Andacht und Gottesfurcht im Bunde, als unabänderliche Grundsätze angenommen und den Sinn dafür gesteigert hat, so daß manche herrliche Tugenden und Gefühle, welche auch die jetzige Welt anerkennt, von ihm herstammen – alles das führt uns in den Begebenheiten jener thatkräftigen Zeit ein so lebensreiches, mannichfaches und wunderbares Gemälde vor, daß die Wirklichkeit oft selbst der Dichtung, oder die [V:] Geschichte der Sage, ähnlich und gleichsam eine durch die andere erklärt wird. Denn auch die Letztere gründet sich unstreitig immer auf irgendeine geschehene Thatsache, und ward, nachdem sie in den roheren Begriffen und im herrschenden Glauben des Volkes ihre erste Gestaltung empfangen, durch die Naturpoesie kunstreicher Meister ausgebildet und verschönt. Aber in keinem Theile von Deutschland erscheint jenes Gemälde so groß, so herrlich und bedeutsam, als an den Ufern des majestätischen Rheins, wo der Geist ehrwürdiger Vorzeit aus Urwäldern und trauten Thälern, von erhabenen Kunstdenkmalen, und von Burgtrümmern auf grauen Felsen erhöht, wie aus blühenden und fruchtbaren Gefilden, zu uns spricht, und woher seit der Römer Zeit auf die unserige das gesammte Vaterland immer den stärksten und wirksamsten Einfluß erfahren hat. Denn mit Recht behauptet ein rühmlich bekannter historischer Schriftsteller, daß nach der großen Völkerwanderung, die ein kolossales Schauspiel mächtiger Heerzüge und ungeheurer Thaten zeigt, aber auch alles in Wildheit und Barbarei zurückwarf, vom Rhein her wieder in das erste Licht und die Gesetzlichkeit über Europa ausgingen, daß in seinen [VI:] Feldern und Städten die deutschen Kirchen gegründet, die deutschen Gesetze gegeben, und die deutschen Könige gewählt wurden, ja, da ß sein merkwürdiges Land dem Reiche die größten Kaiser, die berühmtesten Gelehrten und Künstler, auch die vorzüglichsten Prälaten, und der Welt einen allgemeinen Handelsverkehr, geschaffen hat. Der Zweck der vorliegenden Sammlung besteht darin, dem Leser einen Kreis von theils reinhistorischen, theils romantischen Darstellungen zu geben, worin ihm einerseits die Geschichte in mehreren Hauptcharakteren und Hauptereignissen, anderseits die dichterisch behandelte Volkssage ein interessantes und anschauliches Bild vom Leben und Treiben des frühen und späteren Mittelalters in diesen Gegenden verleiht. Wenn manche der mehr oder minder fabelhaften Kunden, die hier mitgetheilt sind, fast ganz einer mythischen Ritterzeit oder dem phantastischen Reiche der Feenwelt, auch Einiges dem mysteriösen Boden der Legende, angehört, und in den Chroniken der verschiedenen Jahrhunderte nur einen geringen Anlehnungspunkt findet, so gibt es dagegen andere Stücke dieser Art, die sich auf ein historisch erwiesenes Factum [VII:] beziehen, und also mit demselben dargestellt oder ihm angereiht werden mußten. Das Ganze ist auf Belehrung und Unterhaltung berechnet. Der wißbegierige Reisende, der die jetzt so häufig besuchte Rheingegend durchstreift oder auf den Wellen des herrlichen Stromes hinabfährt, wünscht das Nähere von dem Ursprung und den Schicksalen jener alten Denkmäler zu kennen, womit die reizenden Ufer geschmückt sind. Darum habe ich, wo es möglich war, auch den der bloßen Sage gewidmeten Artikeln kurze historische Notizen beigefügt, und eben so die Oertlichkeiten, entweder aus eigener Lokalkenntniß oder aus treuen Schilderungen sachkundiger Autoren genauer bezeichnet. Was nun die Quellen betrifft, aus welchen ich bei meiner Arbeit geschöpft, so haben für das Geschichtliche die Wormser, Speierer und Elsasser Chroniken, Origines palatinae von Marquardus Freherus etc. so wie die trefflichen Werke von Vogt, Schmidt, Widder, Münch, und Mehreren, welche zum Theil an Ort und Stelle angezeigt sind, reichhaltige Stoffe geliefert. Die Sagen des Rheinlandes, deren ich selbst Mehrere in einer Sammlung von Balladen und Romanzen dem gebildeten Publikum [VIII:] gab, sind zwar vielfach bearbeitet; doch ist ihr Feld so reich, und selbst manche einzelne Kunde nicht allein nach Form und Inhalt, sondern auch in Bezug auf das Veränderliche von Ort und Zeit, einer so verschiedenartigen Behandlung fähig, daß jeder, der wahre Liebe und einigen Beruf zur Sache in sich fühlt, diese durch blühende Haine und zauberische Fluren, so wie durch schauerliche Wildnisse, der romantischen Welt führende Bahn nicht ohne Vertrauen auf lohnenden Erfolg betreten kann. Darum sind, außer den auf epische und lyrische Heldendichtungen der Vorzeit und des Mittelalters selbst gegründeten Sagen, auch mehrere, die Schreiber, Adelheid von Stolterfoth, Grimm, und einige andere dem Geist altdeutscher Poesie vertraute Dichter, gespendet, nicht nacherzählt, sondern in eigenthümlicher Darstellung gegeben, ungerechnet verschiedene, die in neuerer Zeit noch wenig mitgetheilt oder bekannt worden. Stoff und Grund der überlieferten Sage sind immer treu beobachtet, jedoch mit derjenigen poetischen Freiheit, die jedem Dichter, der einen mährchenhaften Gegenstand wählt, dessen Bestandtheile schon so manche Änderung erfahren, wohl erlaubt sein muß. Nur habe ich — was hier für die Kunstrichter von der stricten [IX:] Observanz zu bemerken ist — in den Erzählungen vom hörnernen Siegfried und von der Genovefa, welche kürzlich ein geschätzter Literat neu nach den Volksbüchern mitgetheilt hat, aus den dramatischen Dichtungen einiger Neueren, wie Fouqué, Maler Müller und Tieck, verschiedene Umstände entlehnt, die, mögen sie nun aus eigener Phantasie hervorgegangen oder irgend einer Urkunde entschöpft sein, das ächte Gepräge jener altgermanischen Zeit tragen, deren Sinn und Geist ein wahres Erbtheil der genannten Sänger zu sein scheint. Für das Lokale würden die gründlichen und ansprechenden Darstellungen in Widder’s geographisch-historischer Beschreibung der Pfalz, Kolb’s statisch-topographischer Schilderung von Rheinbayern, Schreiber’s Handbuch für Reisende am Rhein, Grimm’s Vorzeit und Gegenwart &c., da, wo es nöthig war, benutzt.

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