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Die Romantik – Ricarda Huch

Eine Schaar junger Männer und Frauen stürmt erobernd über die breite träge Masse Deutschlands. Sie kommen wie vor Jahrhunderten die blonden germanischen Stämme der Wanderung: abenteuerlich, siegesgewiß, heilig erfüllt von ihrer Sitte und ihrem Leben, mit übermüthiger Verachtung die alte morsche Kultur über den Haufen werfend. Von der scheuen Ehrfurcht vor überlegener Gewalt, die die feine Ausbildung des Römischen Reiches trotz alledem den barbarischen Eroberern einflößte, empfanden freilich die Romantiker nichts. Sie standen den eigenen Vorfahren gegenüber, deren Schwächen sie durch und durch kannten, und deren Vorzüge ihnen wenig imponirten; ihre Bewunderung griff in entlegene Vorzeit zurück, wo sie die Eigenart ihres Stammes rein ausgeprägt zu finden glaubten. Das sonnige Glänzen junger wandernder Sieger liegt blendend über dem kleinen furchtlosen Trupp. Aber am meisten gleichen sie gerade jenen Stämmen der Völkerwanderung, den blühendsten, genialsten, die in der Fremde, wo sie heimisch zu werden gedachten, früh untergingen, die Frucht ihrer Kämpfe Späterkommenden überlassend. Sie verbrauchten ihre Kräfte in der muthwilligen Verschwendung des ersten Sturmes, kindisch und sorglos schwelgten sie in leichten Siegen über schwächliche Gegner, die sie verachteten, Verspritzten ihr schäumendes Blut ohne Noth, aus Lust des Kämpfens und Ringens, hielten ihren Besitz nicht zu Rathe und dauerten nicht aus. Ueber der freudigen Pracht ihrer Triumphe liegt schwer schattend der frühe, nicht ruhmlose, aber zunächst erfolglose Ausgang und macht sie zu tragischen Erscheinungen. Derjenige, der als Führer des streitbaren Häuschens angesehen wird, Wilhelm Schlegel, war kein Feldherrngenie, kein Herrscher von Gottes Gnaden, vor dem sich Alles niederwirft, unwillkürlich einer elementaren Macht huldigend. Er war ein Mensch von hellem und weitem, aber fast ausschließlich äußerem Bewußtsein, von Umsicht und Klarheit; es war kein Lodern allgewaltiger Leidenschaft um ihn her, aber ein vielfarbiges, reizendes Raketensprühen beweglichen Geistes blitzte aus seinen Augen. Leicht, elegant, freundlich, ritterlich, als immer bereite Waffe in der Hand den anmuthig geformten Dolch haarscharfen Witzes, so müssen wir uns sein Bild ausmalen, wie er in guter Stunde war. »Das, was ich am Meisten an Dir liebe«, schrieb ihm sein zärtlicher Bruder, »ist am Sichtbarsten, wenn Du glücklich bist.« Jung hätte er sterben sollen, in der Fülle des Gelingens; das war die Tragik des eisernen, folgerichtigen Schicksals für ihn, daß er so lange lebte und das Alter erfuhr, das er sein Leben lang mit ahnender Angst gefürchtet hatte. Dies sich Anklammern an die Jugend war nicht etwa Mangel an Fähigkeit oder gutem Willen, die Dinge ernst zu nehmen. Aus dem tändelnden Jüngling wurde sogar, wenn er arbeitete, ein gelehrter Pedant, als welcher er ja auch in der Erinnerung der späteren Geschlechter fortlebte, die für die »übermüthigen Götterbuben«, wie Wieland die Brüder Schlegel nannte, kein Verständniß mehr hatten. Jetzt immer noch kennt man ihn hauptsächlich als den gründlichen Forscher, den unermüdlichen Uebersetzer, der von sich selbst sagte: »Im Stehn, im Gehn, im Wachen und im Bette, auf Reisen selbst, wie unter’m Schutz der Laren, stets dichtend.« Diese eigenthümliche Mischung von Anmuth, Oberflächlichkeit und Pedanterie beruht auf dem Mangel an Gewicht. Es fehlte ihm an Masse, an dem unbewußten Kern, der die Grundlage des Menschen bildet. Alles läßt sich daraus erklären: in seinen Beziehungen zu den Frauen die Unfähigkeit, große, stätige Leidenschaften zu erregen und zu empfinden. Er suchte und fand viel Neigung der Frauen, liebenswürdig, wie er war, mit dem feuchten Schimmer, der seine glänzenden braunen Augen so anziehend machen konnte; aber nur gaukelndes Schmetterlingsglück, alle Lieblichkeit eines spielenden Jünglingslebens war ihm beschieden, niemals das satte, stolze Genügen einer kraftvollen Natur. Von der einzigen Frau, für die er ein echtes, ernstes Gefühl hatte, soweit er das haben konnte, von Karoline muß man wohl sagen, daß sie ihn niemals wahrhaft geliebt hat. In seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre schrieb ihm sein jüngerer Bruder warnend: »Ich wünschte nicht, daß Du die Zeit Deiner Jugend und das Jugendliche in Deiner Liebe als Dein ganzes Leben ansähest … Warum wolltest Du das Ende der jugendlichen Liebe als das Ende Deiner Herrlichkeit des Lebens überall betrachten? Sie sollte eigentlich nur den Enthusiasmus in Deiner Seele stark und vollkommen gemacht haben, dessen Gegenstand alsdann im männlichen Alter der Wille und die Gedanken Deines eigenen besseren Selbst sein könnte.« — »Das kannst Du, wenn Du willst«, fuhr Friedrich fort; aber der unglückliche Narcissus, der sein besseres Selbst über dem zitternden Spiegelbild der unstäten Wellen, in das er verliebt war, vergaß, hätte das nicht einmal wollen können. Wenn er nicht der junge, blonde, muthwillige Schwärmer sein konnte, wollte er nicht leben. Er war ganz ohne Größe und darum ohne Fähigkeit, das Große ganz zu erkennen, zu lieben, zu wollen.


Das ist der Kern all der zarten und liebevollen Ermahnungen, die Friedrich an ihn richtete: wenn er ihn vor Zerstreuung warnt, die der Tod aller Größe sei. — Größe sei nur mit Concentration aller Kräfte verbunden möglich; wenn er ihn bittet, er möchte sich die Begeisterung nicht schwinden lassen, wenn er fürchtet, es möchte eine gewisse unzufriedene Kälte bei ihm herrschend werden. Wilhelm’s »uralter Haß gegen die Vernunft« bildete einen beständigen Streitpunkt zwischen den Brüdern, »seine Idiosynkrasie gegen die Vernunft, das Denken«, die es ihm unmöglich machte, wie Friedrich sagte, das Große, z. B. in Schiller’s Person zu verstehen. Unter Vernunft begriff nämlich Friedrich das Vermögen der Ideale; er nannte sie einen Grundtrieb, den nach dem Ewigen. Wenn nun auch Wilhelm dichtete: »Ich wollte dieses Leben Durch ein unendlich Streben Zur Einigkeit erhöh’n«, so besagt das nichts Andres, als daß er geschmackvoll und klug genug war, um zu wissen, was man thun und sein müsse. Grundtriebe aber besaß er gar nicht, das war eben das Ein und Alles, was ihm fehlte. Auch die peinliche, stets verletzte Eitelkeit, zu der er verdammt war, hatte in diesem Mangel ihren Grund. Es ist eigenthümlich, wie alle eiteln Menschen den Eindruck einer großen inneren Leere erwecken. In dem dunkeln Gefühl, keinen nährenden Kern im Innern zu haben, hungert es sie beständig nach andern Menschen, an denen sie zehren können. Sie gehören nicht zu den guten Menschen, von denen Salomon in den Sprüchen sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden. Eitelkeit ersetzt das Selbstbewußtsein; sie ist wie ein Corsett oder Geradehalter, der Einem das Ansehen eines aufrechten, starken Menschen geben soll, eine Art Auto-Suggestion: wenn der Schwache sich nicht überschätzte, würde er aus Mangel an Selbstvertrauen zusammenbrechen. Diejenige Selbstliebe, die Friedrich meinte, wenn er schrieb: »Wer sich selbst liebt, der ist auf dem Wege, etwas Großes zu werden«, die fehlte Wilhelm. Er war wie ein Schiff ohne Ballast, nur auf einem kleinen ruhigen Gewässer zu spielen gemacht.

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