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Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll – Maud Braby

Seit Frau Mona Caird die Institution der Ehe in der Westminster Review angriff und der großen Diskussion im Daily Telegraph über die Frage: „Ist die Ehe ein Mißgriff?“ Bahn brach, ist die Ehe die immerwährende, unversiegbare Quelle für Zeitungsbriefecken und verbrauchte Subredakteure gewesen. In der flauen, sauren Gurkenzeit braucht der niedrigste Zeitungsskribent nur eine Spalte über dieses Thema loszulassen und gleichviel, ob es eine ernste Abhandlung über „Die Vollkommenheit der Polygamie“ oder eine banale Diskussion über das Thema: „Sollen die Ehemänner den Tee zu Hause trinken?“ ist, es wird unvermeidlich das gewünschte Resultat erzielen und die unzähligen Spalten der Zeitung wochenlang mit Zuschriften versehen. Die Leute interessieren sich immer für die Ehe, entweder vom objektiven oder subjektiven Standpunkt aus, und das mag mich entschuldigen, wenn ich noch ein Buch über dieses abgedroschene, jedoch immer fruchtbare Thema wage. Das Ehethema scheint jetzt mehr denn je in der Luft zu liegen, überall wird es diskutiert, und sehr wenige Leute haben etwas Gutes darüber zu sagen. Der oberflächlichste Beobachter muß gemerkt haben, daß in der Mehrheit eine wachsende Furcht vor dem Ehejoch, besonders unter den Männern besteht, und eine wesentliche Unzufriedenheit und Unruhe unter den verheirateten Leuten, besonders unter den Frauen. Was ist mit dieser Generation geschehen, daß die Ehe in ihren Augen so abschreckend wirkt? Von allen Seiten hört man, wie sie herabgesetzt und ihre Notwendigkeit in Frage gestellt wird. Von der Kanzel bemüht sich die Geistlichkeit, die Heiligkeit der Institution aufrecht zu erhalten, und ermahnt unaufhörlich jede Gemeinde, sie zu achten und heilig zu halten. Aber die Berichte der Ehegerichtshöfe liefern eine bedenkliche Lektüre, und jeder Rechtsanwalt wird aus seinen persönlichen Erlebnissen erzählen, daß die glücklichen Verbindungen bedeutend in Abnahme begriffen sind, und einige der größten zeitgenössischen Denker stimmen einen Chor der Verdammung gegen die Ehe der Jetztzeit an. Tolstoi sagt: „Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern suchen eine neue Form, die alte zerfällt in Stücke“. In dem handschriftlichen Nachlaß Ibsens, jenes tiefen Kenners der menschlichen Natur, kommt die folgende bemerkenswerte Stelle vor: „Das Wort ‚freigeborene Menschen‘ ist eine retorische Phrase, sie existieren nicht, denn die Ehe, das Verhältnis zwischen Mann und Weib, hat die Rasse verdorben und allen das Zeichen der Sklaverei aufgedrückt.“ Vor nicht langer Zeit erregte auch der größte Moralist des neuen England, George Meredith, eine ungeheure Sensation durch seinen Vorschlag, daß die Ehe ein zeitweises Abkommen mit einer Minimalfrist von, sagen wir, zehn Jahren sein solle. Es ist klar, daß die Zeit für eine solche umstürzlerische Änderung noch nicht gekommen ist, aber wenn die Anzeichen und Symptome der letzten zwei Jahrzehnte nicht trügen, können wir mit Sicherheit annehmen, daß die Zeit dafür kommen wird und daß die gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen des Ehebandes in irgend einer Weise abgeändert werden müssen. Vor fünfzehn Jahren gab es eine plötzliche umstürzlerische Strömung gegen diese Bestimmungen und ein erneutes Interesse an der sexuellen Frage zeigte sich in dem Emporwuchern von „Tendenzromanen“, eine Bezeichnung, die später als Vorwurf angewendet wurde. Ich kann mich erinnern, wie ich als Schulmädchen die durch ein solches Buch hervorgerufene Erregung mitmachte und bitter enttäuscht war, als meine erzürnte Gouvernante, die sich für dieses reizvolle Thema offenbar nicht zu interessieren schien, mir das Buch strengstens verbot. Eine Schar von Nachahmern folgten diesen ersten literarischen Verstößen. Einige davon waren total unliterarisch, und alle boten einen unfehlbaren Wegweiser durch das verwirrende Labyrinth der Ehe. Noch ärger war die darauf folgende unvermeidliche Reaktion, als der Realismus in der Dichtung in Acht und Bann erklärt wurde und die krankhafte Romantik das Feld beherrschte. Der Kultus der Familienliteratur war bald wieder in vollster Blüte. Dann folgte eine Lawine von unerträglich albernen und kindischen Zeitschriften, in denen das Wort „Geschlecht“ direkt verrufen und das erstrebte Ideal offenkundig das gerade Gegenteil des wirklichen Lebens war. Sonderbar, wie plötzlich das sexuelle Thema aus den Spalten der Presse verschwand. Die Psychologie war abgetan und die Intriguen waren an der Tagesordnung. Viele damals wohlbekannte und als feine Charakterschilderer renommierte Autoren verschwanden von den Inhaltsverzeichnissen der Zeitschriften und den Verlegerlisten, während seichte Schriftsteller, die weitschweifige Detektive- und Abenteurergeschichten erzählen konnten, in die Halme schossen. Es fehlt nicht an Symptomen, daß das Pendel des öffentlichen Interesses nun wieder zurückgeschwungen hat, eine Strömung des Realismus in der Dichtung kommt auf und die Forderung der Neugestaltung der Ehebande dürfte demnächst erhoben werden. Jedoch das Pendel wird noch oft hin und herschwingen müssen, bevor es den Beziehungen zwischen den Geschlechtern gelingen wird, jene neue Form zu finden, von der Tolstoi spricht. Es bleibt abzuwarten, was die eben erwähnte Wiederbelebung ausrichten wird.


Was erreichte die letzte Agitation? Im Praktischen nichts. Einige wenige Frauen mögen zu ihrem unauslöschlichen Kummer angeregt worden sein, in den Fußstapfen der Herminia aus Grant Allens Roman zu wandeln. Und eine Menge frühreifer junger Mädchen, die die Literatur jener Tage gelesen haben, verursachen möglicherweise ihren Eltern einige Angst durch ihre revolutionären Ideen über den Wert des heiligen Ehestandes. Aber welche von jenen vorgeschrittenen Dämchen erinnerte sich an die Bergpredigt als das für das weibliche Herz so unwiderstehliche Trio nahte – der Ring, die Ausstattung und das eigene Heim – ganz zu geschweigen von dem zuverlässigen, gewichtigen in Aussicht stehenden Gatten? Jedoch sind in den vierzehn Jahren, die seit dem Erscheinen der „Frau, die es tat“ verflossen, gewiß einige Änderungen vorgegangen. Vor allem ist es offenbar noch schwerer, sich anständig durchzubringen. Die Zeiten sind schlecht und das Geld selten. Die Männer sind jetzt sogar noch mehr abgeneigt, dem trällernden Engel durch die Heirat ein Heim zu bereiten, und es ist ein Typus von Frauen entstanden, der der Ehe scheu gegenüber steht und ihre vielen Gefahren um ihrer problematischen Freuden willen herzlich ungern riskiert. Das Bemerkenswerteste von allem ist die wachsende gegenseitige Unbefriedigtheit der Geschlechter. Die Männer vermeiden die Ehe nicht nur wegen ungünstiger finanzieller Verhältnisse oder weil die Beschränkungen des Ehejochs ihnen irgendwie lästiger sind als früher, sondern weil sie die Frau nicht finden können, die sich ihrem Ideal genügend nähert. Die Frau hat in den letzten zwei Generationen solche Fortschritte gemacht, ihr Gesichtskreis hat sich so erweitert, ihr Geist so entwickelt, daß sie sich sehr weit von dem Ideal des Mannes entfernt hat und der Mann daher zögert, sie zu heiraten. Es liegt etwas Komisches in dieser Situation und ich bin überzeugt, daß die Götter an der olympischen Tafel über diese verfahrene Ehe des zwanzigsten Jahrhunderts lachen würden.

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