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Die Leute aus dem Walde – Wilhelm Raabe

Auch der unschuldigste, solideste Staatsbürger, der Mann des feuerfestesten Geldschrankes, der Mann des besten Gewissens, der zugeknöpfteste, strammste, schnauzbärtigste alte Herr vermag nicht, sich eines leisen Schauders zu erwehren, wenn er an dem Zentralpolizeihause vorüberwandelt. Man kann nicht wissen – es geht wunderlich zu im Leben – das Schicksal spielt oft eigen mit dem Menschen! – wer kann für die nächste Stunde und ihre Tücken gutstehen? – Man hat im Vorbeischreiten ein Gefühl, als sei es höchst angebracht, wenn man den Rockkragen in die Höhe klappe; man zieht unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern: das liegt einmal im deutschen Blut, der Herr erlöse uns von dem Übel. Und der Novemberregen kam herunter, als habe der Himmel den Schnupfen und lasse alles laufen. Es kamen auch sehr viele Leute herunter, und zwar sehr hart; denn der Regen verwandelte sich, sowie er den Erdboden berührte, in Glatteis, und weder Mann noch Weib war vor dem Fall sicher. Sehr viel guter Humor löste sich in mürrisches Hinbrüten und ärgerliches Gebrumm auf. Die Unliebenswürdigen waren an diesem ungesegneten Tage noch einmal so unliebenswürdig als gewöhnlich. Das Wetter war wie ein Probierstein, auf welchem jede Anlage zur Liebenswürdigkeit geprüft und abgezogen wurde. Haustyrannen schlugen ihre Frauen körperlich und moralisch, Haustyranninnen explodierten bei der geringsten Reibung wie Orsinische Bomben und konnten ein ganzes Hauswesen mit Verwirrung und Verwüstung erfüllen. Auch die lieben Kleinen, das hoffnungsvolle Geschlecht einer edleren Zukunft, waren heute unartiger als sonst; sie bekamen mehr Püffe und Ohrfeigen und öfter die Rute als an andern, helleren, freundlicheren Tagen. Wehe der dienenden Jungfrau, die heut den irdenen Topf, den tönernen Napf zur Erde fallen ließ! Wehe, dreimal Wehe über alle die Unglücklichen, die bei solcher Witterung, wie auch ihr Stand und ihre Stellung sein mochten, von andern abhängig waren! Jedermann war in der Stimmung, seinen Nebenmenschen und Mitkreuzträgern das Leben und das zu tragende Kreuz so schwer und scharfkantig wie möglich zu machen, ohne meistenteils im Grunde eine andere stichhaltende Entschuldigung für seine Kratzbürstigkeit zu haben als »dieses grenzenlos niederträchtige Wetter«. Wir wollen bei so bewandten Umständen den tellurischen und kosmischen Erscheinungen des Tages, aller dieser meteorologischen Bosheit gar nicht die Ehre antun, sie näher zu beschreiben. Selbst das Zentralpolizeihaus ist jetzt ein anmutigerer Aufenthaltsort als Straße und Markt. Flüchten wir uns mit aufgespanntem Regenschirm hinein; in Nummer Sicher sind wir hier jedenfalls. Lange trostlose Gänge, Türen, die in dunkle Zimmer voll geheimnisvoller Akten und dumpfen unheimlichen Gesumms führen; kahle Höfe, auf welchen sich Polizeibeamte umhertreiben und auf welchen niemals ein Kind im Sande gespielt, Festungen gebaut und Pasteten gebacken hat! In den Gängen Beamte mit bunten Rockkragen und Aktenbündeln; hinter den schwarzen Türen Beamte, die mit knarrender Stahlfeder und giftiggrüner Alizarindinte die Sündenregister der Menschheit ausfüllen und, wenn sie sich harmlos beschäftigen, Pässe und Wanderbücher revidieren und unglückliche Handwerksburschen in ihrem Selbstgefühl durch überwältigende Grobheit kränken! Exekutoren mit Verhaftsbefehlen für säumige Schuldner; grimmige Gläubiger mit Pfändungsgesuchen – einmal in einem der langen Gänge Kettengeklirr und ein übelgekleidetes, übelduftendes Subjekt, welches zwischen zwei Bewaffneten einherschwankt – über allem ein unbeschreibliches beängstigendes Etwas, ein Hauch aus Niflheim, dem Reich der Toten, der Verlorenen: das ist das Zentralpolizeihaus! Im Büro Nummer dreizehn unterhielten sich drei Personen damit, die Lebensgeschichte eines Vierten anzuhören. Die Zuhörer waren der Polizeirat Tröster, der Polizeischreiber Fiebiger und der Hauptmann a.D. Konrad von Faber, ein stattlicher Mann mit gebräuntem Gesicht, welcher es sich auf der Armensünderbank an der Tür bequem machte und die Füße weit in das Gemach hineinstreckte. Der arme Sünder selbst aber stand in der Mitte des Zimmers und erzählte. Sein Bericht füllte grade die dämmerige Stunde aus, welche dem Lichtanzünden voraufgeht. Inkulpat Robert Wolf war angeschuldigt worden, in der Wohnung einer Dame großen Unfug angerichtet zu haben durch Zertrümmerung von Gerätschaften und Ausstoßung wilder Reden und Drohungen. Beim ersten Verhör hatte er alle Auskunft über sich verweigert; man hatte ihn eingesperrt und jetzt nach einigen Tagen enger Haft wieder hervorgeholt in der Hoffnung, den jungen Missetäter und Hausfriedensbrecher in einer zerknirschteren, weicheren Stimmung zu finden. Man täuschte sich darin auch nicht. Dunkelheit und Langeweile hatten in der gewünschten Weise auf das Gemüt des Angeschuldigten eingewirkt; ohne alles Zögern gab er alle mögliche Auskunft über seine Verhältnisse. Der Protokollführer Fiebiger hinter seinem hohen Pult hatte bereits niedergeschrieben, daß Rubrikat Robert Wilhelm Wolf heiße, daß er achtzehn Jahre alt und auf der Forsthütte Eulenbruch, Dorfbezirk Poppenhagen, im Winzelwalde, Provinz**, geboren sei. Wir lassen das weitere Verhör folgen.


»Also der Sohn des weiland Forstaufsehers Wolf auf dem Eulenbruch!« sagte der Polizeirat, recht wohlwollend auf seine Dose klopfend. »Ja!« antwortete der junge Mensch mit mürrischer, halb gleichgültiger Stimme und ganz kurz. »Auf dem Eulenbruch, im Winzelwalde – soso – hm, hm – ei, ei – schöne Gegend – hm – das einzige Kind?« Inquisit verstand die Frage nicht im mindesten; starr und grollend blickte er den Rat an. »Ich frage, ob Ihr noch Geschwister habt, Wolf?« »Nein. Fritz ist ausgerissen, vielleicht nach Amerika. ’s war unser Ältester. Die andern vier sind tot.« »Hm, hm – sechs. Vier tot. Schon lange?«

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