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Die drei Ostindienfahrer – Christian August Fischer

Ich befand mich als zweiter Steuermannsgehülfe am Bord eines holländischen Compagnieschiffes, das von Chinsura nach Negapatnam bestimmt war. Aber nie hatten wir eine so lange und beschwerliche Reise gehabt. Auf einer Ueberfahrt, die man in fünf Wochen machen kann, brachten wir eben so viel Monate zu. Dazu kam der heftige, grausame Charakter des Capitains, der nach den Schiffsgesetzen an seinem Bord unumschränkt gebot. Eines Tages ließ er unter andern zwei arme schwarze Matrosen (Lascars) um einer Kleinigkeit willen so lange geißeln, daß der eine noch denselben Abend, der andere in der folgenden Nacht verschied. Dies empörte das ganze Schiff. Es ward daher eine förmliche Klage gegen ihn aufgesetzt, und nach der Ankunft zu Negapatnam bei dem Fiscal angebracht. Die Folge davon war, daß dieser uns Unteroffiziere sämmtlich zu sich rufen ließ. Hier ist es, wo meine Geschichte eigentlich anfingt. Nach Unterzeichnung des Protocolles, kam nämlich der Fiscal noch einmal auf die Klagschrift zurück, und fragte, wer der Concipient davon gewesen sey. Der Wahrheit gemäß ward ich genannt. Er sprach hierauf mit Lobe von der Arbeit. — „Es ist Schade“ — wendet er sich zu mir, — „daß Sie in keinen angemessenem Verhältnissen sind. Wenn Sie hier bleiben wollten, hätte ich wohl eine Stelle für Sie.“ — Ich gestehe es, dieser Antrag machte nicht wenig Eindruck auf mich. Zwar hatte ich die Aussicht Steuermann zu werden; allein der Civildienst schien mir ungleich bequemer und einträglicher zu seyn. Ueberdem hatte ich des Capitains Rache zu fürchten. — Mit einem Worte, ich blieb am Lande, und erhielt eine Stelle auf dem Hauptcomtoir.“ Von meiner frühesten Jugend an, war ich ein Spiel des Zufalles gewesen, und hatte von dem Leben noch nichts, als das Mühselige desselben kennen gelernt. Jetzt endlich hoffte ich Ruhe und Genuß zu finden, ja ich schmeichelte mir sogar mit der baldigen Rückkehr ins Vaterland. Allein bald sah ich mich in meinen Erwartungen aufs bitterste getäuscht. Spärliche Besoldung, ekelhafte mechanische Arbeit, und so gut als keine Aussicht zu einer Verbesserung! Fast sehnte ich mich nach dem Seeleben zurück. Indessen beschloß ich auszuhalten, und mich auf ein Fach zu werfen, das mir bedeutende Vortheile versprach; ich meine die italienische Buchhaltung. Dieser Gedanke bot sich mir bei der Lage der holländischen Compagniecomtoirs sehr natürlich dar. Es fehlte nämlich überall an Subjekten dazu.


Wir, in Negapatnam, z. B. hatten nur einen einzigen Mann, der die Bücher auf diese Art zu führen verstand, und dafür allein sechshundert Pagoden (zu 4½ Fl.) bezog. Die Sache von ihm zu lernen, war freilich keine Möglichkeit; denn seinen Mangel an Gefälligkeit abgerechnet, stand er überdem viel zu hoch über mir. Ich mußte mir also selbst zu helfen suchen, was freilich mit vielen Schwierigkeiten verbunden war. Indessen, da ich keine Arbeit scheute, ward ich in Jahr und Tag ziemlich vertraut damit. Ich hoffte nun nichts Geringeres,, als zweiter Buchhalter zu werden; allein, wie sehr hatte ich mich abermals getäuscht! Zwar ward mein Fleiß nicht wenig gelobt, und erhielt einen kleinen Monatszuschuß; allein von einer eigentlichen Beförderung war durchaus die Rede nicht. Täglich mehr Arbeit; endlich mußte ich beinahe alles thun. Dies war zu viel, ich verlangte daher meinen Abschied. Da versprach mir der Buchhalter hundert Pagoden jährlich, und nach drei Jahren die förmliche Substitur. Ich gieng es ein, allein was geschah? Im ersten Jahr keine Rupie; im zweiten eben so, im dritten abermals nichts. Ich klagte bei dem Gouverneur, er gab mir Unrecht. Ich mußte die Bücher noch drei Jahre, und abermals unentgeldlich führen, dann erst wollte man weiter sehen. Ich verweigerte es, es sey ganz und gar meine Schuldigkeit nicht. „Wie?“ — rief der Gouverneur zornig — „Ihr wagt es, mir zu widersprechen? Ihr müßt die Bücher führen, sonst nach Batvia, oder außer Dienst!“ „Ich wähle das Letzte, gnädiger Herr!^ „Ist das euer Ernst?“ fragte er erstaunt. — „Ueberlegt es wohl!“ „Es ist mein völliger Ernst!“ „Nun gut!“ — sagte er hastig — „So seyd ihr hiemit augenblicklich entlassen — Sucht euer Glück anderswo!“ — Mit diesen Worten drehte er sich um, und verließ den Saal. So war ich denn endlich wieder frei; allein wegen der Zukunft allerdings nicht ganz unbesorgt. Ich hatte wenig Geld, und keinen Credit; meine meisten Freunde verließen mich. Indessen hatte ich mir neben dem Französischen auch einige Kenntnisse im Englischen erworben; es schien mir daher am rathsamsten nach Madras zu gehen. Schon hatte ich alle Anstalten dazu gemacht, als ich unvermuthet eine Einladung von Herrn Simons, unserem Magazininspector, erhielt. Dieser brave Mann hatte von meinem Plane gehört, und wollte mir, wie er sagte, einen besseren Vorschlag thun. Sein Bruder war nämlich Oberbuchhalter zu Sadras, und brauchte gerade einen Gehülfen meiner Art. Dieser Antrag war wirklich aller Ehre werth; doch gestehe ich gern, daß mich die Nähe von Madras (12 Meilen) auch mit bestimmen half. Leicht kamen wir daher über die Bedingungen überein.

So verließ ich Negapatnam, und langte wohlbehalten in Sadras an. Zweites Capitel. In der That, Herr Simons hatte mich nicht getäuscht; ich fand mich wirklich in eine sehr angenehme Lage versetzt. Guter Gehalt, mäßige Arbeit, freundliche Behandlung, herzlicher Umgang; nie hatte ich noch so zufrieden gelebt. Die Luft war gesund, die Gegend angenehm, Sadras selbst ein wohlhabender, und sehr lebhafter Ort. Ich hebe aus dem Ganzen einige Parthien aus. Zuerst der Bazar, oder Marktplatz, der aus einer breiten, mit Bäumen besezten Straße besteht. Schon Morgens um fünf Uhr strömen von allen Seiten Marktleute herbei. Junge Mädchen und Weiber mit Gemüsen und Früchten; alte Weiber mit Matten und Töpferwaaren; Reis- und Getreide-, Betel-, Areka-, Spezerei- und Tabakshändler; Verkäufer von Palmzucker, Palmblättern und Sandelholz; Korbflechter, Reiskuchenbäcker, Armringsfabrikanten u.s.w.; alle eilen herbei, alle stellen sich in Reihen auf. Zu gleicher Zeit erscheinen Gaukler und Wahrsager, Banianen mit ihren Probiersteinen, Tattowirer mit ihren Nadeln, endlich Sanias und Foguis (Bettelmönche) mit nackten Fakirs vermischt. So wird es acht Uhr, und alle Buden, und alle Gewölbe öffnen sich. Die Menschenmasse vermehrt sich, das Getümmel nimmt zu, der ganze Bazar ertönt von Geschrei. — Mangas! Reife Mangas! — Tamarinden! Tamarinden! — Areka und Betel! — Büffelkuhmilch! — Eingemachte Früchte! Kauft Früchte in Zucker! — Reife und frische Cocosnüsse! Frischer Palmkohl u. dgl. m. Dazu der Gesang der Mönche, mit Trommeln und Tambourins, die Glöckchen der Putchares (geistliche Balladensänger), die Hörner der Sarpojans (Schlangenbeschwörer), die Schellen der Pandoces (geistliche Bänkelsänger) mit dem Lärm der malabarischen Schulen, dem gellenden hundertstimmigen Ana, Awena, Han, (A. B. C.) und dem fast alles übertäubenden Gekrächz von tausenden von Raben vermischt. Endlich mieten im dicksten Getümmel der Beriesocheng, der weiße heilige Stier, dem alles Platz macht, und alles liebkosend Geschenke reicht. Das gesellschaftliche Leben war höchst angenehm. Bald giengen wir in einen Palmenbusch, um eben gezapften, frischen, blauen Palmsaft zu trinken; bald machten wir eine Jagd- oder Fischparthie.

Ein andermal ritten wir nach den Austerfelsen, oder brachten unsern Tag in stiller Ländlichkeit in einer Chauderie (öffentliche Herbergen an den Landstraßen, in Wäldern u.s.w.) zu. Die hohen, schattigen Pipals, der Weiher mit Cocosbäumen bepflanzt, der nahe Palmenwald, die Menge von Pilgrimen und Reisenden — auch ein solcher „Dia do campo“ im noch immer beibehaltenen Portugiesisch so genannt, hatte seinen eigenen Reiz. Dann die Gesellschaften, wo sich alles der Freude und der Lebendigkeit überließ. Die fröhlichen Abendessen mit allem was Land und Jahrszeit Auserlesenes zu liefern im Stande war. Die von der Liebe geschlossenen Vereine, wo jeder zu den Füßen der Auserwählten saß, und ihr ein süßes Versprechen abgewann. Die blinkenden Becher, die Gesänge, die Tänze und die vaterländische Kraft mit ostindischer Ueppigkeit gepaart!

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