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Die Donau – Eduard Duller

Die Aufgabe, deren Lösung wir in den folgenden Blättern versucht haben, war einerseits beschränkter, andererseits ausgedehnter, als der Titel der von uns übernommenen Sektion »Die Donau« erwarten läßt; beschränkter, weil wir, dem Zweck und dem Plan des »malerischen und romantischen Deutschland« gemäß, die skizzierten Schilderungen der Donaugegenden nur bis an die deutsch-ungarische Grenze verfolgen durften; ausgedehnter, weil wir, wenn wir einen vollständigen Überblick der deutschen Donauländer geben wollten, die Flußgebiete des Lechs, der Isar, des Inns, der Salzach und mehrerer anderer sowenig wie die interessantesten Städte und Gegenden Altbayerns, Salzburgs, des österreichischen Salzkammerguts und der Länder ob und unter der Enns umgehen konnten, für die keine eigenen Sektionen bestimmt waren. Der Stoff, der sich uns darbot, war zu reichhaltig, als daß wir ihn in dem engen Raum, über den wir zu verfügen hatten, vollständig erschöpfen konnten; aus dieser Rücksicht dürfen wir wohl getrost die Billigkeit der Beurteiler in Anspruch nehmen, die in den nachfolgenden Blättern kein streng wissenschaftliches Werk zu erwarten haben; wir suchten aus einer Fülle von Erinnerungen und Materialien vornehmlich das Charakteristische – ob es nun in Natur, Geschichte, Sage oder Volkssitte sich zeige – hervorzuheben. Wir begannen mit einer Charakteristik der Donau im allgemeinen. Unmittelbar an diese reihten wir eine gedrängte Schilderung der Kaiserstadt, in der ein großartiges, reich bewegtes Volksleben mit glänzenden geschichtlichen Erinnerungen zusammentrifft. Hierauf entwarfen wir eine rasche Schilderung der Donaugegenden vom Ursprung des Stroms bis Regensburg, zur Markscheide jene Stätte nehmend, wo ein deutsches Pantheon sich in den Fluten spiegelt. Wir übersahen das Land und die alte Reichs- und Handelsstadt an den Ufern des Lechs nicht; die denkwürdige, neu hergestellte Alpenfeste Hohenschwangau bildete das Ziel unserer ersten Abstecher. Bevor wir jedoch die sanften Windungen des Stroms bis Passau weiterverfolgten, wanderten wir von der Mündung der Isar aufwärts bis nach der prachtvollen Königsstadt München, in der sich eine reiche Kunstwelt vor unseren Blicken entfaltet, und von dort bis an die reizenden Alpengrenzen des bayrischen Hochlandes. Die nächste Rast der neu begonnenen Donaufahrt war für uns dann Passau. An den Silberfäden des Inns und der Salzach wandelten wir hierauf bis in die entzückenden Labyrinthe Salzburgs, Berchtesgadens und des österreichischen Salzkammerguts. In Passau stiegen wir wieder zu Schiff und steuerten bis Linz, von da bis Enns, wo der Fluß, der Ober- und Niederösterreich scheidet, in die Donau mündet. Dann trieben uns die raschen Wogen, an den durch landschaftliche Schönheit, durch Geschichte und Sage eigentümlichen Ufern vorbei, zum zweiten Mal nach der Kaiserstadt, deren nähere und fernere Umgebungen bis an den Schneeberg wir durchwanderten; endlich aber streiften wir über die großen weltgeschichtlichen Schlachtfelder, die Wien umgeben, und durchmaßen den Rest der deutschen Donau bis an die Grenze Ungarns. Donau – Rhein! Gewaltige Schlagadern zweier Zivilisationen, im Herzen Europas, in Deutschland, zusammentreffend! – Der Rhein, in gleicher Richtung mit der Strömung der Menschheitsentwicklung jenem Westen zustrebend, wo das Ideal bürgerlicher Freiheit sich zu einem neuen, wahrhaften Festland verwirklicht hat – weit ins Meer hinaus streckt er seine Arme, die Errungenschaften jener neuen Erde an sich ziehend, um sie der alten zu übergeben. – Die Donau, einer frommen Tochter gleich, die, mit dem Antlitz gen Osten gewandt, um Verjüngung der gealterten Erzeuger betet, bringt die fröhliche Botschaft, die geistigen Güter des Westens, den Ländern des Aufgangs zu, auf den Gräbern der Völker, auf den ungeheuren Schutthaufen der Geschichte die Hoffnungen neuer Lebensepochen einzupflanzen. Dem Osten entströmte ja – wie das Licht – die erste Zivilisation, die in immer weiteren Kreisen dem Westen zu vorrückte; als schöne Liebespflichtspende empfängt nun jener ihre Segnungen von diesem zurück. Das ist der große Friedens- und Versöhnungsbund, dessen ganze Bedeutung in voller Klarheit zu erkennen und dauernd festzustellen unserer Zeit vorbehalten war. Von allen öffentlichen Angelegenheiten, denen der mächtige Herrscher des Jahrhunderts, der Industrialismus, im jüngsten Dezennium huldigte, ist keine großartiger, drückt keine die Mission, die unserem deutschen Vaterland geworden ist, deutlicher aus als die Verbindung der Donau mit dem Rhein; hier ist ein Triumph der Idee über menschliche Berechnung, welche sogar erstrebten und verdienten Nachruhm überlebt. Solchen Gedanken an das symbolische Brautfest des Rheins mit der Donau liegt ein Vergleich beider nahe. Als König der deutschen Ströme begrüßt ihr und preist in hundert frohen Liedern den Rhein. Auswanderer, die dem deutschen Boden auf ewig Lebewohl gesagt haben und auf dem Weltmeer der neuen, unbekannten Heimat entgegensteuern, reichen sich auf dem Verdeck des Schnellseglers die Hände; im grünen Römer schimmert Rüdesheims Gold, da stimmen die ernsten Männer wie auf ein geheimes Losungswort die wohlbekannte Weise an: »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben, gesegnet sei der Rhein!« Wie Lenz und die erste Liebe lebst du im deutschen Gesang! Die stattlichen Burgen auf deinen rebenbepflanzten Bergufern widerhallen seit alten Zeiten von des Vaterlandes Ehrenpreis, von dröhnenden, weckenden Kampf- und Siegesliedern, von Freiheit und Treue; und wie die Trophäen fremder Zwingherrschaft, so verschlangst du brausend höfischer Schmeichelei unwürdiges Wort; um Mitternacht aber läßt die Lorelei, am Felsenhang in Nebelschleiern sich wiegend, von Königskindern, die sich treu bis in den Tod geliebt haben, vom Hort der Nibelungen erschütternde Sagen leise erklingen. Am Tag aber singt dem Rheinfahrer im schaukelnden Kahn des Schiffers rotwangiges Kind davon und schlägt mit dem Ruder den Takt, indessen jener – die Lorelei hat es ihm angetan – träumerisch hinabblickt in die frischen, klaren, kräuselnden Wogen. Jetzt wecken ihn Schüsse, er fährt empor, und nicht mehr allzufern sieht er die Rauchsäulen emporwirbeln, welche, wie einst die Feuersäule vor dem auserwählten Volke, vor dem neuen Weltverkehr einherzieht; die weithin bewegten Wogen schlagen an den leichten Kahn, schon droht er umzuschlagen, da trotzt ihn die nervige Faust dem zürnenden Element ab und treibt ihn ans Ufer, indessen der Riesenschwan, die Fluten stolz durchfurchend, vorüberzieht; Tücher flattern auf des Dampfboots Verdeck, Hüte werden gelüftet, ein Lebehoch erschallt, der Uferfelsen gibt es zehnfach zurück, und neue Schüsse und lustige Waldhornklänge locken neues Echo immerfort. Schon ist der Riesenschwan den Blicken entschwunden, der Zorn der Fluten legt sich allgemach, der Rheinfahrer steuert wieder frisch in des Stromes Mitte und läßt den Kahn dahintreiben. Am Ufer aber begegnen dem Wanderer, sobald er gelandet ist, fröhliche Menschen überall; der Winzer, der mit reichem Segen belastet vom Weinberg heimkehrt, begrüßt ihn jubelnd, indessen die Freudenfeuer auf den Höhen zu lodern beginnen; Musikanten ziehen mit klingendem Spiel die freundlichen Zeilen der Städte entlang, die sich an sanfte Berghänge lehnen. Da hörst du ein freies Wort aus deutschem Mund, Wanderer; im edlen Mannesstolz spricht es der Rheinländer, im Bewußtsein des Doppelreichtums, den ihm die Natur zugeteilt hat, den er tüchtig schaffend, nimmer rastend, sich selber erringt; das ist der Gottessegen, der den fröhlichen Lebensmut immer frisch erhält und nicht altern läßt. Und heiter wie der Fleiß des Rheinländers ist seine Frömmigkeit; nicht zu dumpfer Weltentsagung rufen die Glocken von jenen Türmen, auf denen der Storch sein Nest baut; seht die lachenden Kirchgängerinnen mit dem Blumenstrauß im Gebetbuch – der Gottesdienst, zu dem sie wandeln, ist ihnen ein Fest, und in ihren Herzen liegt der Himmel so klar und verständlich, wie er sich auf der Wellenglätte des Rheins spiegelt, wenn der von Bergen eingefriedete Strom zum ruhigen See zu werden scheint

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