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Deutsche Musik der Gegenwart – Paul Bekker

Was ist das: deutsche Musik? Fragt man einen Franzosen nach französischer, einen Italiener nach italienischer, selbst den Engländer nach englischer, den Amerikaner nach amerikanischer Musik, so wird die Antwort ohne jegliches Zaudern und Besinnen folgen. Der Russe wird vielleicht einige Unterscheidungen machen zwischen rein nationaler und aus westeuropäischen Quellen befruchteter Kunst, aber auch er wird nicht zögern, etwa Tschaikowski trotz dessen Abhängigkeit von außernationalen Anregungen als Vertreter russischer Musik anzusprechen. Und nun stelle man vielleicht in einer deutschen Musikzeitschrift die Frage: Was ist deutsche Musik, welches sind ihre Vertreter! Man wird ebenso viel einander widersprechende Antworten erhalten, wie die Erde Nationalitäten zählt. Unter den Lebenden zum mindesten ist kaum einer, dessen Musik von allen Seiten als einwandfrei „deutsch“ anerkannt würde. Strauß, der den deutschen Namen am stärksten nach außen getragen hat, wird von den Bayreuther Siegelbewahrern in einem beträchtlichen Teil seines Schaffens als „undeutsch“ abgelehnt, Pfitzners Musik wurde während des Krieges von Berlin aus als „undeutsch, weil zukunftsarm“ gekennzeichnet, Reger gilt als verworren, Mahler und Schönberg sind Juden, also nicht diskussionsfähig, von Schreker in solchem Zusammenhang auch nur zu sprechen, wäre Lästerung. Jeder dieser Komponisten hat seine eigene Anhängergruppe, ihre Hauptaufgabe ist, die Minderwertigkeit der anderen ihrem Idol gegenüber festzustellen, und die Worte „deutsch“ und „undeutsch“ spielen dabei die ausschlaggebende Rolle. Man könnte sagen, dass eine Nation, die nicht vermag, verschiedenartige individuelle Eigenschaften ihrer eigenen Schöpferpersönlichkeiten in ihren Kulturbezirk einzuordnen, sehr enggefasste Begriffe von ihren eigenen Fähigkeiten haben muss. Man sieht schließlich, dass auf diesem Weg eine Erkenntnis überhaupt nicht möglich ist, dass es sich vielmehr bei solchen Streitereien um einen schmählichen Missbrauch des Wortes und Begriffes „deutsch“ handelt. Eine Zusammenfassung, eine Einigung aller verschiedenartigen, aus einem Stamm erwachsenen Erscheinungen sollte es sein, ein trennendes Kampfmittel subjektiv kritischer Wertung ist es gegenwärtig geworden. Gegen solche Missdeutung eines kulturellen Sammelbegriffes zu einseitig parteiischer Nutzanwendung ist von vornherein Einspruch zu erheben, wenn ernsthaft und sachlich von deutscher Musik gesprochen werden soll. Als deutsch gilt uns nicht diese oder jene subjektive Eigenheit des Künstlers, diese oder jene stilkritische Beschaffenheit des Werkes, auch nicht Gesinnung oder gar Tendenz des Schaffens. Als deutsch gilt uns alles, was dem Kreis der deutschen Kultur entwachsen ist, in ihm seinen geistigen Nährboden gefunden, ihm eigene Früchte zugetragen hat und so seiner Erscheinung in der Welt neue Geltung, neue Form gewinnt. Dieser Begriff des Deutschtums ist nichts unveränderlich Feststehendes, kein gegebenes Maß, dem alles unterworfen wird. Es ist ein stetig Wechselndes. Eben an dieser Fähigkeit des Wechselns der Erscheinung offenbart sich die innere Produktionskraft der nationalen Kultur. Wie das Deutschtum Luthers ein anderes war als das Goethes und dieses wieder ein anderes als das Wagners oder Bismarcks, und jede dieser großen Kundgebungen deutschen Geistes verzerrt würde, wollte man sie mit dem Maß der anderen messen, so gilt auch für unsere Zeit keine Norm, sondern zunächst nur der Wert der Erscheinungen. Erst aus aufmerksamer Betrachtung ihrer Vielfältigkeit und vorurteilsfreier Zusammenfassung aller Strömungen vermögen wir das Deutschtum der Gegenwart zu erkennen, über sein Wollen und Können Klarheit zu gewinnen. Der Franzose, der Italiener, der Engländer weiß dies, der Deutsche muss es noch lernen. Dass wir gegenwärtig gerade in der Musik im Kampf miteinander stehen um diese Grundkenntnis, ist ein bedeutsamer Zug unseres kulturellen Lebens. Es mag hier unerörtert bleiben, wie weit politische Erbitterung zu solcher Trennung der Geister beigetragen hat, obschon die Tatsache, dass politische Momente überhaupt auf künstlerische Fragen Einfluss gewinnen konnten, als Symptom bedeutsam erscheint. In Wirklichkeit ist die politische Abirrung nur Begleiterscheinung eines Kunstlebens, das nach irgendwelchen geistigen Richtpunkten sucht, weil es sich von seinen natürlichen Nährquellen abgeschnitten fühlt, weil es den tiefen ethischen Antrieb des Kunstwillens verloren hat. Dieser Antrieb kommt aus dem Volk, aus dem Verlangen nach Formung der schöpferischen Kräfte des Volkes im Symbol des Kunstwerkes. Solche Formung geschah, als Bach die Matthäuspassion, als Mozart die Zauberflöte, als Beethoven seine Sinfonien schrieb. Aus dem Wunsch nach solchem Einklang von Volk und Künstler träumte sich der Romantiker Wagner in den Mythos der Vorzeit zurück, baute er Bayreuth, um dort sein „Volk“ zu sammeln. Dieses Bayreuth an sich war schon ein Zeichen, dass die Gesamtheit des Volkes nicht so auf den Künstler hörte, wie er es wünschte, dass es ihn in wesentlichem missverstand und er, um sich nach seinem Willen vernehmbar zu machen, eine Auslese aufrufen musste.


Rastlose Sehnsucht und gewaltige Tatkraft ermöglichten das Gelingen, das Kunstwerk wurde noch einmal zur Darstellung stärksten geistigen Gemeinschaftslebens, nicht mehr aus naiver Unbewusstheit, aber doch in imposanter Willensspannung und ohne Inanspruchnahme außerkünstlerischer Mittel. Seit dieser letzten zusammenfassenden Tat aber ist der Riss zwischen Volksgemeinschaft und Künstler scheinbar unüberbrückbar geworden. Die heutige Verwirrung der Geister, der Streit um deutsche und undeutsche Musik, der Versuch, die Teilnahme an der Kunst durch Entfachung politischer Leidenschaften zu steigern, ist nichts als Bekenntnis der Ohnmacht, durch die Kunst selbst unmittelbar an die Seele des Volkes zu gelangen. Statt des Volkes, statt der Gemeinschaft bietet sich dem Musiker die Öffentlichkeit. Sie ist nicht imstande, aus sich heraus Impulse zu geben, sie ist nichts als eine Verbrauchsgenossenschaft. Sie verlangt interessiert zu werden, die Wertung besorgt eine eigens dafür bestellte Fachkritik in den Sprechorganen der Öffentlichkeit: den Zeitungen. So ist die Musik aus einer Gemeinschafts- eine Fachangelegenheit geworden, für die nur der fachlich Interessierte verpflichtende Teilnahme hegt. So wird die Basis, auf der das Werk des Künstlers ruht, verhängnisvoll eingeengt und gleichzeitig das von seinen Musikern verlassene Volk zur Befriedigung seines Musikverlangens dem Gassenhauer zugedrängt.

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