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Der neue Gott – Hans Land

Es lebt niemand, der das Göthesche Wort: „Bilde, Künstler, rede nicht“, höher in Ehren hielte als ich. So habe ich denn auch diesen Roman bei seinem ersten Erscheinen ohne jegliche Vor- oder Nachrede veröffentlicht. Die bisherigen Schicksale dieses Buches aber veranlassen mich nun, der neuen Auflage desselben einige Bemerkungen voranzustellen. Die Aufnahme dieses Romans von Seiten der deutschen Kritik war eine eigenthümliche. Mein Buch wurde entweder schonungslos verurteilt oder in demselben Grade gepriesen. Man hat sich entweder über dasselbe entrüstet und lustig gemacht, oder man hat sich ihm und seiner Wirkung mit ganzer Seele hingegeben und diese Hingabe durch die Besprechung noch hindurchzittern lassen. Ich kann nun sagen, wieso es kam, daß dieses Buch so fremd angemutet und infolgedessen so verschiedene Wirkung geübt hat. Ich habe nämlich in ihm einen bisher ungewagten Versuch unternommen. Ich habe meinen Roman nicht erzählt. Ich habe ihn dargestellt. Vor den Augen des Lesers geschieht er und seine dreizehn Kapitel sind in Wahrheit dreizehn Akte, in denen die Dinge dramatisch bewegt sich abspielen. Als ich zu diesem Experimente schritt, war ich mir seiner Fährlichkeiten vollkommen bewußt. Die Sprunghaftigkeit der Entwickelung, das Vorherrschen des Stofflichen, der Mangel an psychologischer Analyse, alles dieses, womit der absprechende Teil der Kritik sein Urteil belegte, hatte ich mir selber schon bei Anlage des Werkes vorgehalten. Es war mir klar, daß das erste Kapitel, in Dostojewskischer Manier ausgeführt, allein schon Stoff zu drei starken Bänden geben mußte. Dies alles habe ich bedacht und dabei erwogen, ob diese Opfer, die ich meinem Versuche brachte, denselben noch geraten bleiben ließen. Mir schien es so. Denn für dies alles tauschte ich etwas ein, was mich groß und herrlich dünkte, nämlich die denkbar größte Belebtheit. Mein Leser sollte gleichsam zu einem körperlichen Zeugen dieser Geschehnisse werden. Aus dieser Rücksicht heraus sind die Mittel dieser Darstellungsweise geschaffen und gebraucht worden. So ist es geschehen, daß die großen Schicksalsmomente wie unter grelles Blitzlicht geraten sind, in dem jede Furche im Antlitz des Leidenden sichtbar wird, während die unbetonten Momente sozusagen im Halbdunkel blieben und für deren Ausmalung die Mitarbeit des Lesers berechnet wurde. Ich weiß, das Buch wird die Bühne niemals ersetzen, wie auch andrerseits der Letzteren die intimen Machtreize jenes immer verschlossen bleiben werden. Ich weiß ferner die Errungenschaften des modernen psychologischen Experimentalromans in ihrem vollen Umfange zu schätzen. Dennoch hab‘ ich es unternommen, die epische Kunstform zu dramatischer Wirkung zu „mißbrauchen“, sagen die einen, zu „erheben“, sagen die Andern. Da ich hiermit aber keinerlei Schule zu machen mich vermaß, sondern nur einem Kunstproblem nachhing, das meine Seele erfüllte, auf dessen Axiomhaftigkeit ich selbst aber niemals gepocht habe, so sende ich dieses Werk nun zum zweiten Male frohgemut mit meines alten Hutten liebem Wort‘ in die Welt: Ich hab’s gewagt! H. L.


I. „Wenn ich Sie aber störe, lieber Graf, so schicken Sie mich nur gleich wieder fort.“ Der Graf von der Haiden war aufgesprungen.um seinen Besuch zu empfangen. „Aber weshalb denn stören, lieber Doktor?“ „Sie lasen so eifrig, als ich eintrat. Sie lasen etwas Interessantes.“ „Setzen wir uns vor allen Dingen. — Woraus schließen Sie übrigens, daß es etwas Interessantes war, was ich las?“ „Aus Ihrem geröteten Gesicht und Ihren glänzenden Augen und dann aus der nervösen Hast in der Sie das Buch bei meinem Eintritt zuklappten und unter diesem Stoß anderer Bücher versteckten. Nun, ich will Sie nicht inquirieren, es muß mir genügen …“ „Wenn ich Ihnen versichere, daß Sie mir herzlich willkommen sind. Versuchen Sie eine dieser Cigarren.“ „Danke. — Nun, wie ist Ihnen die Sache bekommen? Haben Sie sich amüsiert?“ „Nein, Doktor.“ „Was? War das Souper nicht süperb und der Sekt …“ „Alles tadellos. Ja. Aber die Gesellschaft!“ „War doch lustig. Wie?“ „Es ist nicht das rechte Wort, das Sie da gebrauchen. Lustig, das deutet auf etwas anderes; das ist, wie wenn ich mir einen bedruckten Menschen denken soll, der plötzlich seinen Kummer von sich wirft. Die Herren waren doch nicht lustig; sie tranken, sie erhitzten sich, sie rissen Zoten und wollten vor Lachen bersten; — ausgelassen — sehen Sie, das ist das richtige Wort, das waren sie.“ „Aber, lieber Graf,“ sagte der Doktor und rückte seine goldene Brille zurecht, „eine ausgelassene Gesellschaft bietet mir doch mehr Garantie für mein Vergnügen als eine nur lustige.“ „Mir nicht. Es muß an meinem Temperamente liegen; ich kann mich bei diesem Lärmen und Toben nicht freuen.“ „Warum spielten Sie nicht mit?“ „Weil ich das Spiel für unmoralisch halte,“ sagte der junge Graf und schraubte die vor ihm auf dem Tisch stehende Lampe herunter. Der Doktor fuhr mit seiner weißen, wohlgepflegten Hand durch den blonden Vollbart; „Unmoralisch, sagte er mit überlegenem Lächeln, lieber Graf. Sie sind ein Melancholicus.“ „Weil ich andere Moralanschauungen habe wie Sie?“ „Ich weiß nicht, Sie haben etwas vom Leichenbitter an sich.

Neulich Abend im Klub habe ich Sie wohl beobachtet. Sie waren eine Art steinernen Gastes. Sagte Ihnen schon die Gesellschaft Ihrer jungen, lebenslustigen Herren Kameraden nicht zu, so deutet das sicher auf eine Degenerierung. — Sie kennen diesen modern-wissenschaftlichen Ausdruck. Man bezeichnet damit die abnorme Entwickelung eines Individuums, das aller Vererbung zum Trotz mit den hauptsächlichsten Eigenschaften und Beschaffenheiten seiner Stamm- und Familienangehörigen nicht die geringste Ähnlichkeit aufweist.“ „Sie machen ja eine reine Mißgeburt aus mir.“ „Ich sagte nur, Sie seien anders geartet; daß Sie mißgeartet seien, habe ich nicht gesagt, wenngleich ich Ihnen Ihren organischen Fehler auf der Stelle nachweisen will.“ „Da bin ich neugierig.“ „Sie können nicht lachen, lieber Graf.“ „Das gestehe ich Ihnen, daß die Zoten von vorgestern mir des Lachens nicht wert schienen.“ „Zoten — das ist ein wenig hart ausgedrückt. Kleine, nette Derbheiten waren’s, die ich für mein Leben gern höre.“ „Und dazu suchen Sie die Gesellschaft gebildeter Menschen?“ „Aber, ich bitte Sie, rief der Doktor, und warf sich in seinen tiefen Sammetsessel zurück, ich bitte Sie. Sie müssen wirklich selbst im Hause nicht so viel in Civil herumgehen, das hat sogar für einen so jungen, charmanten Ulanenlieutenant, wie Sie sind, seine Nachteile. Sie reden wahrhaftig schon wie ein Volksschullehrer.“ „Ich rede ernsthaft und bitte Sie, dasselbe zu thun.“ „Gebildete Menschen — mein Gott — ich kann mir nicht helfen, das klingt so kleinbürgerlich, so philisterhaft. Ich muß da unwillkürlich an Männlein denken, die ihre staatlich attestierte Bildung in Gestalt ihres „Einjährigen-Dienstzeugnisses“ in der Tasche haben, oder an Weiblein, die ihre achtklassige höhere Töchterschule absolviert haben. Gebildet — es ist ein durchaus bürgerlicher Begriff! Innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft wird diese Scheideschnur stramm gezogen, — hie Bürger, hie Proletarier! Aber in den höheren Kreisen, unter den Aristokraten, da giebt es diesen Unterschied nicht. Wenn aber ich, der Dr. med. Hans Stein, wenn ich, trauernder Witwer, mich in die Gesellschaft junger, adliger Offiziere begebe, so will ich im Klub beim Sekt nicht gebildete Leute finden, sondern heitere Gesellen, lustige Zechbrüder und ausgelassene Schwelger.“ „Zum Teufel, rief der junge Graf, das ist es eben, was mich erbittert. Nicht gebildete Leute, sondern heitere Gesellen, lustige Zechbrüder, ausgelassene Schwelger, das ist was ein Mann von Verstand und Wissen sucht, wenn er; wie Sie, von seinem bürgerlichen Platze aufsteht und sich unter die Gesellschaft meiner Standesgenossen mischt. Brauchen Sie aber geistige Anregung, brauchen Sie einen Gedankenaustausch, entweder den gewaltigen Kreis Ihrer großen Fachwissenschaft betreffend, oder den größeren der gesamten Kulturinteressen, der schweren Gesellschaftsrätsel, die dem Jahrhundert den Atem beklemmen, ei, ich bin sicher, Sie werden eine andere Gesellschaft aufsuchen als die, in der ich Ihnen begegnet bin.

“ Der Doktor saß mit offenem Munde, mit weit aufgerissenen Augen vor dem Grafen von der Haiden, der mit nervösen Fingern eine Cigarrette zerpflückte. „Ich komme hier,“ sagte er lächelnd, zum Grafen von der Haiden „und finde einen strammen Jakobiner vor. Haben Sie Migräne? Erlauben Sie mir Ihren Puls! Sie sind heut schrecklich aufgeregt. Sehen Sie nur, wie Ihnen das Gesicht brennt! Wäre draußen nicht schon beinahe Nacht und dazu Regenwetter, so würde ich Ihnen vorschlagen, mit mir ein Stündchen auszureiten, — das sollte Ihnen gut thun!“ „Wollen Sie mir eine Bemerkung erlauben?“ sagte Graf Friedrich. Ein Zug der Gereiztheit umspielte seine Lippen. „Mit Vergnügen.“ „Nun denn, wir sahen uns einige Male im Klub; ich suchte Ihre Bekanntschaft, um endlich einmal zu erfahren, wie wohl der Umgang mit anderen Menschen sich ausnähme: kam ja doch immer nur mit Offizieren zusammen. Ich war mir bewußt, in Ihnen einen Mann zu finden, dessen Horizont ein weites über Rennpferde und Balletteusen hinausreichte. Ich sah genau, was Sie in die Gesellschaft meiner Kameraden geführt hatte, und ich war und bin der festen Überzeugung, daß Sie dieser Gesellschaft des geistlosen Genusses sofort den Rücken kehren würden, sobald Sie sie genügend studiert und erkannt hatten. Nun aber belieben Sie mich mit meinem blöden Vetter von Poltzin in einen Topf zu werfen, und wenn ich von Ihnen einen ernsthaften Meinungsaustausch erwarte, so kommen Sie mir mit scherzhaften und ausweichenden Entgegnungen, die mich erbittern.“ „Das war ihr Zweck nicht,“ sagte der Doktor ruhig, „aber Sie müssen mir das zugute halten, wenn ich einigermaßen über Ihre eben geäußerten Ansichten erstaunt bin. Mir war, als befände ich mich in der Sitzung eines fortschrittlichen Bezirks-Vereins, und wie ich mir den Volksredner näher ansehe, siehe da, es ist mein junger hochgeborner Freund. Ei, ei, die Zeit ist wunderlich! Da Sie aber so streng auf die Einhaltung einer akademischen Disputation bedacht sind, so gestatten Sie mir in Anbetracht dessen, was Sie betreffs des Adels sagten, folgende Erwiderung: Sie verkennen die Stellung des Adels in unserer Gesellschaft. Sie verurteilen daß die aristokratische Welt ein Leben schrankenlosesten Genusses führt. Abgesehen nun davon, daß Kunst und Wissenschaft viele der stolzesten aristokratischen Namen ruhmvoll nennen und aufbewahren, abgesehen davon, daß die Geschichte des Kriegsruhms die Geschichte der Adelsgeschlechter ist, abgesehen von alledem bin ich der Meinung, daß selbst derjenige Teil des Adels, der ein ausschließlich dem Genuß und dem Vergnügen gewidmetes Leben führt, einen wohlberechtigten Teil, ja ein unentbehrliches Element unserer Gesellschaft ausmacht.“

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