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Das Leben Muhammed’s – Theodor Nöldeke

Obgleich die in den letzten zwanzig Jahren mit so großem Eifer geführten Untersuchungen über Muhammed und den Ursprung des Islâm’s — ich erinnere nur an die vortrefflichen Werte von Weil, Caussin de Perceval, Muir und Sprenger — noch durchaus nicht abgeschlossen sind, so glaube ich dennoch, daß eine kurze, populäre und doch quellenmäßige Darstellung der Geschichte Muhammed’s ein zeitgemäßes und dankenswerthes Unternehmen ist. Ich habe absichtlich alle gelehrten Erörterungen, sowie alle Polemik vermieden und kaum ein halbes Dutzend Citate stehen lassen. Dennoch darf ich versichern, daß meine Arbeit durchgängig auf eigner Quellenforschung beruht. Die wissenschaftlichen Grundlagen derselben sind im Wesentlichen die der ersten Abschnitte meiner Geschichte des Qorân’s (Preisschrift der Pariser Académie des inscriptions. Göttingen 1860). Ich habe zunächst solche Leser vor Augen gehabt, welche mit der Arabischen Sprache nicht bekannt sind, hoffe aber, daß wenigstens einige hier ausgesprochene Ansichten und Anschauungen auch den Orientalisten interessiren werden. Besondere Aufmerksamkeit habe ich den volksthümlichen und politischen Verhältnissen gewidmet; ein lange fortgesetztes Studium der alten Arabischen Poesie kam mir dabei wesentlich zu Statten. Ich darf es nicht unterlassen, einen Mangel dieses Buches von vorn herein einzugestehn. Es ist dies die Ungenauigkeit in der Chronologie der letzten zehn Jahre Muhammed’s. Wenn wir für die Zeit vor der Flucht überhaupt nur wenige sichere chronologische Angaben finden, von denen wohl keine so bestimmt ist, um sich auf ein Datum des Julianischen Kalenders reduciren zu lassen, so werden von der Flucht an genauere Zeitangaben viel häufiger. Aber erst von der allerletzten Lebenszeit des Propheten an können wir diese Daten mit Sicherheit in unsere Rechnungsart übertragen; denn erst damals setzte Muhammed die noch jetzt bei seinen Anhängern bestehende Rechnung nach Jahren von zwölf reinen Mondmonaten (zu 354 Tagen) fest. Es kann nun kaum zweifelhaft sein, daß die Araber vor dieser Zeit nach einem Mondjahre rechneten, welches von Zeit zu Zeit durch Einschaltungen mit dem Sonnenjahre ausgeglichen wurde. Nun ist uns aber das Genauere über diese Einschaltungen unbekannt. Keine von den darüber aufgestellten Theorien hebt alle Widersprüche in den überlieferten Daten auf, und da mir durchaus die nöthigen mathematischen und astronomischen Kenntnisse fehlen, um durch eigne Rechnung zu einem festen Ergebnisse zu gelangen, so habe ich es vorgezogen, die Daten nur ungefähr nach Jahreszeiten oder Monaten anzugeben. Wollte ich die Daten genauer bestimmen, so hätte ich bloß meine Vorgänger abschreiben müssen mit Zweifeln gegen die Nichtigkeit ihrer Rechnungen, ohne sie doch genauer kontroliren zu können. Was die vorkommenden Arabischen Wörter betrifft, so wird der Leser dieselben annähernd richtig sprechen, wenn er sich merkt, daß s bei mir stets den scharfen Zischlaut bedeutet (wie in was, Buße, son), z dagegen (wie im Französischen und Holländischen) den leisen (wie in Rose, sehr, zéro); daß ferner th wie das harte Englische th (in think, thank), dh wie das weiche th (in the, father) zu sprechen ist. Für die zusammengesetzten Eigennamen bemerke ich, daß abû im Arabischen „Vater“, ibn „Sohn“ und bint „Tochter“ heißt. Von dem großangelegten Werke Sprengers „Mohammad und seine Lehre“, welches durch Gründlichkeit, Scharfsinn und geistreiche Darstellung gleich ausgezeichnet ist, so vielfach ich auch von den Ansichten des Verfassers abweichen muß, konnte ich beim Niederschreiben dieses Buches nur erst den ersten Theil benutzen. Göttingen, im December 1862. Der Verfasser. Erster Abschnitt. Einleitung. Muhammed’s Leben bis zu seinem prophetischen Auftreten. Um das Jahr 600 unserer Zeitrechnung war das Christenthum von Syrien und von Abyssinien her ziemlich weit in Arabien eingedrungen. Schon hatten die Abyssinier in dem alten Kulturlande Jemen (dem s.


g. glücklichen Arabien) ein christliches Reich gestiftet, welches freilich bald wieder durch die Persische Eroberung vernichtet ward. Viele Stämme im Nord-Westen und Nord-Osten waren mehr oder weniger bekehrt, und auch in’s Innere war das Christenthum hie und da vorgedrungen. Priester, Einsiedler und Klöster sind den Arabischen Dichtern dieser Zeit bekannte Gegenstände. Aber freilich waren die christlichen Araber von der neuen Religion nur ziemlich oberflächlich berührt. Unter den Beduinen, die überhaupt bei ihrem unstäten, entbehrungsreichen Leben nur wenig religiösen Sinn haben, hatte das Christenthum auch äußerlich wenig Fortschritte gemacht, und selbst unter dm Bewohnern der Oasen war es fast nirgends so tief eingewurzelt, um nicht vom ersten Sturm des Islâm’s weggefegt zu werden. Neben dem Christenthum nahm auch das Judenthum in Arabien eine verhältnißmäßig bedeutende Stellung ein. In Jemen hatte es vor der Abyssinischen Eroberung eine Zeit lang geherrscht und sich durch Verfolgung der Christen bemerklich gemacht. Im nördlichen Hidschâz waren zahlreiche jüdische Kolonien, sicher erst durch Flüchtlinge nach der Zerstörung Jerusalems gegründet. Besonders stark waren diese Juden, die übrigens bis auf ihre religiöse Ueberlieferung völlig zu Arabern geworden waren, in der Gegend von Jathrib, dem spätem Medîna. Waren die von ihnen gewonnenen Proselyten auch nicht zahlreich, so hatten sie doch durch ihre überlegene Bildung und ihre alte literarische Tradition einen großen Einfluß auf die Einwohner des Hidschâz gewonnen, denen gerade das Christenthum ziemlich unbekannt blieb. Außer den Christen und Juden gab es an den Grenzen von Syrien und Babylonien noch einige andere Sekten, Ueberbleibsel aus den in Sektenbildungen so überaus fruchtbaren ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, wie z. B. die im Koran erwähnten (echten) Säbier oder Mandaer (unpassend Johanneschristen genannt), aber diesen Sekten dürfen wir keinen bedeutenden Einfluß auf den religiösen Zustand Arabiens zuschreiben. Allein die vielfache Berührung mit Christen und Juden und das erwachende geistige Leben, das sich in der später nie wieder erreichten Blüthe der durchaus originellen Arabischen Poesie zeigte, mußte nothwendig wenigstens unter den seßhaften Arabern ein Gefühl von der Schwäche des alten Götzendienstes hervorrufen, und nur die außerordentliche Anhänglichkeit des Arabers an die von den Vätern überlieferte Sitte machte es möglich, daß man den alten Kultus ohne lebendigen Glauben daran beibehielt. Die altarabische Religion, wesentlich auf Gestirndienst beruhend, war mit ihren Wallfahrten und Festgebräuchen, Tempeln und Fetischen sehr roh. Es bedarf hier nicht der Annahme von künstlich verbreiteten geheimen Sekten mit eignen Literaturen, um es zu erklären, daß gegen das Jahr 600 auch in Hidschâz verschiedene Männer aufstanden, sich mehr oder weniger öffentlich von der alten Religion lossagten und ihr tieferes geistiges Bedürfniß entweder im Juden oder Christenthum, oder in einem selbstgebildeten deistischen Glauben zu befriedigen suchten. Abraham (Ibrahim), der angebliche Stammvater der Nation, dessen Name den Arabern erst durch die Juden bekannt geworden war, mag schon damals von diesen nach Belehrung suchenden Geistern als der Stifter des reinen Glaubens genannt sein; möglich ist es freilich auch, daß erst Muhammed sich seinen Landsleuten gegenüber zuerst auf Abraham berief. Wir haben über diese vormuhammedanische Bewegung nur vereinzelte Nachrichten, und die Dürftigkeit der Quellen reizt leicht dazu, die Lücken der Ueberlieferung durch die Phantasie zu ersetzen; aber man muß sich hüten, die Bedeutung dieser Bewegung zu hoch anzuschlagen. Was wir über diese Männer wissen, bezieht sich fast Alles auf den Ort, in welchem ihre Bestrebungen schließlich den rechten Ausdruck finden sollten, auf Mekka. Mekka liegt unfern der Arabischen Westküste in einer der unfruchtbarsten Gegenden der Erde. Das innere Arabische Hochland (Nadschd) senkt sich durch ein felsiges Stufenland (Hidschâz) zum rothen Meere ab, an dessen Küste das ziemlich breite Niederland (Tihâma) liegt. An der Grenze der Tihâma und des Hidschâz, zwischen ziemlich hohen Felsen in einem heißen, „getraidelosen Thal“, wie der Korân sagt (14, 40), in dem nicht einmal die künstlichen Brunnen eine Vegetation erzeugen können, lag seit unbestimmbar langer Zeit ein Tempel, wegen seiner Gestalt Alkaaba, d. h. „der Würfel“ genannt, in dem sich der s.

g. „schwarze Stein“ (wahrscheinlich ein Meteorstein) als größtes Heiligthum befand. Zu Muhammeds Zeit war dieser Tempel der Mittelpunkt der Wallfahrt eines großen Theils der Arabischen Stämme bis an die Grenzen von Syrien und Jemen und tief in’s Nadschd hinein. Theils der den Semitischen Völkern eigne Trieb zu Wallfahrten, theils die Vortheile des sichern Handels in und bei dem, auf der großen Karavanenstraße zwischen Syrien und Jemen gelegenen, heiligen Gebiet in den heiligen Monaten, in welchen nach alter Sitte alle Fehden ruhten und der bitterste Feind nicht beschädigt werden durfte, hatten diesen Wallfahrten eine bedeutende Ausdehnung gegeben. Seit wie lange dies geschehen, läßt sich nicht bestimmen; sicher ist nur, daß die Kaaba und der Pilgerzug von ihr nach dm andern heiligen Orten (dem Berge Arafat, dem Thal Minâ u. s. w.) älter ist, als die Stadt Mekka. Denn erst Kusai, wahrscheinlich ein Fremdling aus Nordarabien, dessen Ursprung aber die spätere Erzählung absichtlich verhüllt hat, brachte um die Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr. die Kuraisch, einen Zweig des in jener Gegend heimischen Beduinenstammes Kinâna, dazu, die Aufsicht über das Heiligthum dem Stamm, welcher sie bis dahin gehabt hatte, abzunehmen und sich im Thale selbst fest anzusiedeln. So entstand die Stadt Mekka, deren Bewohner, schon durch die Armuth des Bodens ganz auf fremde Zufuhr angewiesen, bald die unternehmendsten Kaufleute Arabiens wurden. Denn der Zusammenfluß der Menschen bei der Wallfahrt, die Lage ungefähr in der Mitte der großen Straße, und die Nähe des Meeres, welche die Verbindung mit der besonders wegen des Sklavenhandels wichtigen Afrikanischen Küste leicht machte, wiesen sie auf den Handel hin. Sie führten jährlich zu bestimmten Zeiten Karavanen nach Jemen und Syrien, um theils die Handelsartikel dieser Länder auszutauschen, theils sie an die zur Wallfahrt versammelten Beduinen abzusetzen. Dabei leiteten sie den ganzen Kultus und die vielfachen Ceremonien des Pilgerfestes, ohne daß man sie als Priester ansehen dürfte, die es bei den Arabern überhaupt nicht gab. Die Verfassung Mekka’s wie der andern Städte im Innern Arabiens war noch ganz die Beduinische Freiheit. Von einem eigentlichen Staat kann bei den echten Arabern vor Muhammed gar keine Rede sein, denn es fehlt an jeder Staatsgewalt. Jede Familie, jedes Individuum konnte sich ohne Weiteres von jedem Unternehmen der Uebrigen ausschließen, ohne daß es ein gesetzliches Zwangsmittel gegeben hätte. Aber der enge Zusammenhang der Familie, das sehr lebendige Gefühl für Ehre und Schande und der, nur auf Ansehen, nicht auf gesetzlicher Machtbefugniß beruhende, Einfluß einzelner durch Tapferkeit, Reichthum, große Familie, Klugheit und Erfahrung ausgezeichneter Leute ersetzte in den meisten Fällen diesen Mangel ziemlich gut. Das Bewußtsein, daß die ganze Familie für die Ehre ihrer Mitglieder und Schützlinge solidarisch haften müßte, daß daher ein ermordeter Verwandter oder Klient durch das Blut des Mörders oder eines seiner Verwandten gerächt werden müßte*), war ein besonders starkes und im Ganzen heilsames Band.

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