| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Das Buch der Katzen – Gustav Michel

Wenn ich jener Tage gedenke, verehrte Frau, jener schönen Tage am Rhein, unseres Rheins, mit seinen Reben, seinem blauen Himmel, seinen grünen Bergen und duftigen Thälern; wenn ich jener schönen Mondnacht gedenke, als ich Abschied nahm von Ihnen und den heimatlichen Bergen: so will es mich fast bedünken, als wäre es ein Traum gewesen, von lieblicher Nixe erzählt, als habe der alte Vater Rhein dem scheidenden Sohne sein schönstes Märchen vorgesungen. Und doch war es kein Traum! ich habe wirklich Abschied genommen von Ihnen, habe mit hochklopfendem Herzen schüchtern gebeten, Briefe, viele Briefe an Sie senden zu dürfen, und Sie — haben dazu gelacht, wie nur Sie lachen können. „Sie wollen Briefe, viele Briefe an mich senden,“ sagten Sie, und mitleidsvoll sahen Ihre schönen Augen auf mich hernieder wie Sterne aus der Höhe — „und was wollten Sie wohl schreiben?“ Oh, meine Gnädigste! ich will über all‘ das schreiben, was mein Herz bewegt, über all‘ die heißen Schmerzen — — „die es bald ausbrennen und leer stehen lassen werden, wie weiland der Aetna,“ schalteten Sie ein, „und dann bitte ich, caro, carissimo, dann schreiben Sie über all‘ das, was Ihr Herz bewegt, vor Allem aber über Ihre Katze.“ — — Bei diesen Worten war es mir, als sollte die Erde mich verschlingen. Um mich her tanzten die Berge; die Burgen neigten sich herab in das Thal, und wie eine weiße Schlange umhalste sie der Rhein. — Meine Sinne verwirrten sich, ich schloß die Augen, und als ich wieder aufblickte, war Alles stille und regungslos, nur ferne am alten Gemäuer schimmerte ein Helles Gewand, — und die Nachtigallen sangen ihre süßesten Lieder. — — Die Uhr ist elf, elf ist die Uhr, rief der Nachtwächter an meiner Seite, und beim Kronenwirth ist der beste Wein, fügte er leise hinzu. — Sie sehen nunmehr, liebenswürdigste Frau, daß, obschon die schönen Tage am Rhein längst entschwunden sind, und mein Herz leer gebrannt wie weiland der Aetna, mir dennoch Ihr letzter Wunsch unvergeßlich blieb. Mit der Katze ist es ernst geworden, ernst ohne mein eigentliches Verdienst; denn zerknirscht von Scham gestehe ich es: die Begeisterung der Abschiedsstunde, d. h. die Begeisterung für meine Katze war längst verraucht, als eines Tages oder eines Abends der Zufall mir zum ernsten Mahner wurde. Sie kennen die Redensart von kleiner Ursache und großer Wirkung; Sie wissen, daß ein Seifenbläschen zur Optik, und ein herabfallender Apfel zur Gravitation leitete; daß durch den dampfenden Theekessel die riesige Kraft des Dampfes, daß durch den zuckenden Froschschenkel der galvanische Strom, und durch Bismark das deutsche Reich entdeckt wurde; aber gewiß ahnen Sie nicht, wie die großen Gedanken mit meiner Katze zusammenhängen. Nun hören Sie und haben Sie Mitleid mit Ihrem armen Freunde, der, wie Goethe’s Zauberlehrling, die Geister nicht mehr los wird, die er rief. Es war an einem Herbstabend. Draußen brauste der Sturm einher, und die mächtigen uralten Linden, welche wie mit schützenden Armen das Haus umfaßten, ächzten unter seiner grimmen Gewalt, während er die Zweige wickle und die welken Blätter einherpeitschte, wie Schneeflocken in der Luft. Er jagte dunkle Wolkenmassen vor sich her, die drohend sich aufthürmten und eisigen Regen Herniedergossen. Tiefe Nacht lagerte über der Erde, kein freundlicher Stern zeigte sich, und das Tosen des Sturmes tönte wie grollender Donner. — Dichter erblicken in derartigen Erscheinungen den „entfesselten Zorn“ des Himmels; der gewöhnliche Sterbliche aber, spricht von schlechtem Wetter, auf das in der Regel Sonnenschein folgt. Also was kümmert’s uns, mag der eine oder der andere meiner Freunde gedacht haben, ist es doch um so behaglicher im warmen Zimmer, bei schlankhalsiger Flasche und wohlduftender Schüssel. — Und in der That, Verehrteste, wie schnell vergißt man die Stürme des Tages, wenn im Kreise lieber Freunde, in lebendiger Rede der vielen Fahrten und Irrfahrten gedacht wird; wenn Stunde an Stunde in heiterem Genuß sich reiht, Behaglichkeit und Frohsinn, Bacchus und die Nacht die Blitze des Witzes leuchten lassen. Wie herrlich ist solch‘ eine Tafelrunde! Ist es nicht ein Gelage für Leib und Seele, deren Epikuräismus Lippen und Gaumen offenbaren; die culinarische Seite ist dabei bloßes Vehikel geistiger geselliger Nahrung, Freundschaft beherrscht die Herzen, Humor und Witz sind die besten Leckerbissen, welche nicht allein erfrischen, während man sie genießt, sondern noch lange nachher, wenn man an sie zurück denkt. So saßen wir fröhlich beisammen, sorglos der Kopf, heiter gestimmt die Kehle, und hatten schon mancher Flasche das Haupt geschoren, als wir plötzlich durch einen langgezogenen Wehruf, dem eines Kindes ähnlich, aus unserer Götterstimmung aufgeschreckt wurden. Eine Kindesstimme! Ein Kind draußen in solch‘ stürmischen Nacht! Auf schnellten wir von unseren Sitzen, stürzten an’s Fenster, rissen es auf — — und über uns weg setzte ein schwarzer Kater. — — Oh, Verehrteste! diese bleichen, tödtlich erschrockenen, beschämt nach Fassung ringenden und lustig tollen Gesichter, und in der Mitte des Gemaches der wonnemiauende Kater — ist das nicht ein großartiger Stoff für Historienmaler? Aber das kalte Entsetzen wich bald einer glühenden Entrüstung. Hinaus, rief der Chor, hinaus mit dem schwarzen Ungeheuer, und heißblütig geschäftige Hände griffen zu Stock und Schirm, um vereint den armen Fremdling zu verjagen; der Kater jedoch mochte in mir seinen Beschützer ahnen, er miaute flehentlich zu mir empor, und mein warmes Herz, Sie kennen es ja, Verehrteste, war erobert.


Ueber mich kam ein seltsam beredter Geist; in feuriger Rede trat ich für den Bedrängten auf, und als man mich und meine Gründe beseitigen wollte, rief ich, ich würde nicht allein diesen Kater vertheidigen, sondern alle Kater der Erde, ich würde eine Apologie auf das Katzengeschlecht schreiben, ich würde — — Hohngelächter unterbrach den Fluß meiner Rede, aber wie es Singvögel gibt, die lautlos sind, so lange Alles stille um sie her ist, und um so lauter fingen, je mehr sie sich anstrengen müssen, um gehört zu werden, so sind auch viele Leute wortkarg, wenn Alles schweigt, sie werden aber immer redseliger, je weniger man geneigt ist, auf sie zu hören und suchen sich, Kanarienvögeln gleich, mit ihren Stimmen zu überbieten, je lauter das Geräusch um sie her wird. So erging es auch mir. Die Opposition machte mich zum Katzenpanegyristen, und was Mancher vielleicht nicht begreift: ich gefalle mir in diesem Amte. Und warum sollte ich es nicht? Hat doch Homer es seiner Muse würdig gefunden, den Frosch- und Mäusekrieg zu schreiben, Virgil die Unsterblichkeit der Mücke, Lucian die Fliege und andere berühmte Menschen den Hahn, die Schönheit und den Floh zu besingen, warum denn, bei den ewigen Sternen, soll die Katze ihren Sänger nicht finden, deren Geschichte doch nicht weniger glänzend und merkwürdig ist, als die eines Odysseus und einer Helena! Dieses Bewußtsein ließ mich fröhlich ans Werk gehen. Ich habe alte, vergilbte Folianten durchforscht, der Gelehrsamkeit aufgehäufte Bücherschätze durchstöbert, dabei aber die wenig erfreuliche Erfahrung gemacht, daß in unserer deutschen Literatur nur selten der Katze gedacht wurde. Franzosen haben dieses Thema zum Oeftern behandelt, Engländer wohl am meisten, welche eine besondere Liebe für dieses Thier zu haben scheinen, was, meines Erachtens nach, naturwissenschaftlich zu erklären ist. Der Katze werden electrische Fähigkeiten zugeschrieben, und das Kapitel von den Eigenschaften electrischer Körper in der Experimental-Physik lehrt, daß, wenn man in die Nähe dieser Körper oder, wie man zu sagen pflegt, in ihre Atmosphäre einen unelektrischen bringt, dieser gleichfalls electrisch wird. Ich vermuthe daher, da Albion’s Söhne von Hause aus in ihrer Fischnatur wenig electrisch gewesen sein können, und außerdem auch wenig katzenartige Geschwindigkeit aufzuweisen haben, sondern meistens einherschreiten, als hätten sie die Stange ihrer Nationalflagge verschluckt, daß eben die übertragene Katzenelectricität als die Geburtsstätte ihrer Katzenliebe anzusehen ist. —

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |