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Das Börshooper Buch – Robert Seitz

Nachdem Seitz seine Kindheit in Magdeburg und im Harz verbracht hatte, nahm er 1906 eine kaufmännische Lehre in Magdeburg auf. 1909 fand er eine Anstellung als Expedient in der Magdeburger Zichorienkaffee und Schokoladenfabrik Bethge & Jordan. Schon früh zeigte sich Seitz literarisch interessiert und verfasste Gedichte. Durch einen Aufruf in der Magdeburger Presse gab Seitz 1919 den Anstoß zur Gründung der Magdeburger Künstlervereinigung Die Kugel, die von 1919 bis 1923 bestand und der Künstler wie Franz Jan Bartels, Max Dungert und Bruno Beye angehörten. 1921 veröffentlichte Seitz im Magdeburger Karl-Peters-Verlag einen Gedichtband mit expressionistischer Lyrik „Das Herz in den Augen“. 1924 wurde Seitz nach Berlin versetzt. Ab 1927 wohnte er in der Künstlerkolonie Wilmersdorf. 1928 gab er seine kaufmännische Anstellung auf und wurde freier Schriftsteller. Seitz schloss sich dem Schriftstellerkreis an, der sich um den Verleger Victor Otto Stomps und dessen 1926 gegründeten Verlag Rabenpresse bildete. Dazu gehörten auch Horst Lange und dessen Frau Oda Schaefer, Peter Huchel, Werner Bergengruen, für kurze Zeit Joachim Maass, Walther G. Oschilewski, Jens Heimreich, Rolf Bongs, Werner Helwig, Eberhard Meckel und Hans Gebser, der in der Schweiz als Philosoph Jean Gebser bekannt wurde. Seitz schrieb ab 1928 für Zeitungen und Zeitschriften diverse Erzählungen und Beiträge, richtete jedoch auch Hörspiele und Opern für den Rundfunk ein. Er arbeitete mit Komponisten wie Paul Hindemith, Werner Egk und Paul Dessau zusammen. 1931 gab er zusammen mit Heinz Zucker die Lyrik-Anthologie „Um uns die Stadt“ heraus. Thema der Arbeit, an der 93 überwiegend unbekannte Autoren mitwirkten, war das Verhältnis von Individuum und städtischem Lebensraum. Seitz absolvierte längere Reisen in ländliche Gegenden. Länger lebter er in Ostpreußen, Pommern und Danzig sowie in Dörfern der baltischen Küste. Seine literarische Arbeit wandte sich nun dem Verfassen von Erzählungen und Romanen zu. 1932 gelang ihm mit dem Novellenband „Bauernland“ ein großer Erfolg. Auch in seinen weiteren Werken thematisierte er die Probleme der technischen Zivilisation und idealisierte die Natur. 1935 erhielt er für sein 1934 erschienenes Werk „Börshooper Buch“ einen Akademie-Preis. Auf einer Reise nach Italien, die Studienzwecken dienen und seine beeinträchtige Gesundheit stützen sollte, verstarb Seitz 1938. Die Stadt Magdeburg hat eine Straße (Robert-Seitz-Straße) nach ihm benannt. Quelle: http://de.wikipedia.


org/wiki/Robert_Seitz Das Börshooper Buch Zwischen Meer und See auf schmaler Landenge liegt das Fischerdorf Börshoop. Wild haben sich die Dünen in das Land gewühlt. Unersättlich ist der Sand. Er frißt die kargen Feldstreifen und schiebt sich lauernd vor gegen die niedrigen Häuser, deren Wände sich unter dem Schilf und Rohr der tiefherabhängenden Dächer ducken. Eine Herde grimmiger Eber, die jäh vorbrechen will, das sind die Dünen von Börshoop. Welcher Strand ist so einsam wie dieser. Grauer Möwenruf ist über den Wellen, und auf den Sandbergen hebt sich das krächzende Schreien der Krähen. Auf kahlem Schiff, so erzählt man, wären einst die Menschen hierher gekommen. Verirrte waren es oder Flüchtlinge. Menschen mit hartem Schicksal wie dieses Land. Zähen Willens sind sie geblieben, haben Boote gebaut und die Netze geworfen. Düne und Meer, das war ihre Heimat, denn der Reichtum des Sees und die Fruchtbarkeit der Wiesen und Felder an seinem Rande wurde ihnen von Mächtigeren streitig gemacht, und erst nach vielen Jahren, als die Zeiten milder wurden, gestand man auch ihnen die Gerechtigkeit am See zu. Reiche Jahrzehnte kamen. Voll hingen die Netze von den Fischen des Sees. Freundlichere Häuser wuchsen empor. Kühe hatte man jetzt, und einige Pferde standen in den Koppeln. Auf den Feldern zum See hin war Saat und Ernte, und die Fischer, bisher nur zu Netz und Segel geschickt und zu dem Drehen des Windbocks, wenn die Boote auf den Strand gewunden wurden, waren nun der beiden segnenden Gebärden der Menschen des Landes teilhaftig geworden: des weiten Wurfes der Hand, wenn sie das Korn ausstreut, und des tiefen Schwunges der Arme, wenn sie die Halme im Sensenschnitt niederlegen, damit aus den reifen Körnern die braune Fülle des Brotes werde. Groß über das Ackerland ging die irdische Dreiheit: der Mensch, das Pferd und der Pflug. Doch das alles blieb nur wenigen vorbehalten, die Verstand hatten, über den Rand des Bootes hinwegzusehen und rasch genug waren, die Grenzen abzustecken. Eigentlich sind es nur drei Geschlechter gewesen, die alles einheimsten. Sterenbrink hießen sie, Pudmar und Mürk. Die Sterenbrinks wissen zu heiraten, sagte man rundum. Große Herren waren sie geworden. Ihre Felder reichten bis zu den stolzen Gehöften von Bögerlant auf dem jenseitigen Ufer des Sees. Wenn sie in die alte Stadt Dranshop fuhren, traten sie reich und trotzig auf wie der Adel des Landes.

Kriegsdienste nahmen sie, errangen Ehre und Auszeichnung und kamen weit in der Welt umher. Putzige Dinge brachten sie von ihren Fahrten nach Börshoop zurück. Krumme Heidensäbel, bunte Teppiche, Ketten und goldene Münzen. Sie stifteten der Kirche schwere messingene Leuchter und Altardecken, Holzschnitzereien und heilige Bilder. Ihre Grabmäler hatten sie an der steinernen Wand. Hohe Chorstühle stellten sie für sich und ihre Enkel auf. Man nannte sie die Herren von Börshoop, und die Pfarrherren von Bögerlant haben sich allzeit zu ihnen gehalten. Das waren die Sterenbrinks. Aber die mächtigen Eichen zersplittern und die stolzen Geschlechter vergehen. Nun sind nur noch drei Schwestern da, die diesen Namen tragen. Karla, Syrrha und Vrena. Sie haben ihren Besitz einem Fremden in Pacht gegeben und wohnen in dem Hohen Haus, das ihr Vater sich auf der Rowen Düne bei Börshoop errichten ließ, dort wo der erste Sterenbrink seine armselige Fischerhütte hatte. Vielerlei Gerede ist über die Schwestern im Umlauf. Unmutig sieht man ihnen nach, wenn sie zu den Festen nach Dranshop fahren. Sie werden das Letzte vertun, sagt man, und man wartet auf die Zeit, wo sie zu Fuß gehen werden. Sie werden das Schicksal der Mürk haben, die schon längst mit ihrem Reichtum fertig sind. Jöken Mürk, der Alte, sitzt wieder vor kleinem Haus, flickt Netze oder hütet die magere Kuh auf dem Wiesenrain. Er weiß kaum noch, daß seine Vorfahren sich breit machten, herrschsüchtig waren und oft in Unfrieden mit den Sterenbrinks lebten. Das ist viel zu lange her, um es noch an den Fingern herzählen zu können. So schweigt man über das Wenige und vergißt es ganz. Sein Sohn hatte es in der Armut nicht ausgehalten und war mit Frau und Kindern nach Dranshop gezogen, um dort einen Handel anzufangen. Aber er trug die Schwindsucht in sich und starb über allen Plänen und Hoffnungen. Seine Frau kam mit den Kindern zu Jöken Mürk zurück, einer Tochter, die Wine heißt, und einem Sohn, dem man den Namen Jan gegeben hat. Einige Jahre hat die Frau in Börshoop noch gelebt, aber der Kummer zehrte an ihr und das Herzeleid, und eines Tages mußte Jöken Mürk die Todkranke über den See nach Dranshop rudern, denn sie wollte in der Stadt sterben, wo auch ihr Mann begraben lag. Jan und Wine blieben bei dem Alten und sie fristeten zu dritt mühsam das Leben.

So haben die letzten Mürk viel Tränen erfahren, weil das Schicksal alles Schwere für sie aufgespart hatte, das die Vorfahren nicht zu erdulden brauchten. Nur die Pudmars haben sich durch alle Zeit gehalten. Zwar geht es nicht mehr so wohlhabend und behäbig wie in früheren Tagen, als sie noch in langem Rock, engen Hosen und hohen Schaftstiefeln einherschritten und sonntags breit auf der ersten Bank vor der Kanzel saßen. Aber da sie ihrem Pflug und ihrem Boot treu blieben und nie ehrgeizige Pläne hatten wie die Sterenbrinks oder die Mürks, so hielten sie ihr Gut zusammen und ihr Name hatte noch immer seinen guten Klang. Jürgen Pudmar konnte zufrieden sein mit dem, was sein Vater ihm hinterlassen hatte. Doch das Schicksal gibt nichts umsonst, und von den Pudmars hieß es, daß sie alle fünfzig Jahre dem See ein Opfer bringen müßten. Als Jürgen Pudmar die Tochter eines der reichsten Bauern von Bögerlant heimführte, gab es eine Hochzeit, wie man sie seit Menschengedenken nicht gefeiert hatte. Marie Hingsten war schön, und sie fand sich willig mit dem kleineren Hof und Haushalt der Pudmars ab, denn sie liebte Jürgen und wünschte nichts dringlicher, als ihm eine gute Frau zu sein. So wäre wohl alles gut und voll Glück gewesen, aber das Schicksal der Pudmars war unerbittlich, und noch ehe Marie ihr erstes Kind zur Welt bringen konnte, ertrank sie in einem Sturm, der jäh über dem See aufbrach. Monatelang ging Jürgen wie ein Toter einher. Vielleicht wäre damals alles zugrunde gegangen, wenn nicht Maries Vater, Christof Hingsten, der seinen Hof schon dem Sohne überschrieben hatte, zu Jürgen gezogen wäre und sich der Wirtschaft angenommen hätte. Da er sich das Herrschen nicht abgewöhnen konnte, war er mit dem Sohn in Unfrieden gekommen, und der Junge war nun froh, daß er den Alten auf diese Weise los wurde. Christof Hingsten hatte bald das Regiment auf dem Pudmarschen Hofe, und Jürgen ließ ihn gewähren, denn der Schmerz um Maries Tod war noch nicht von ihm gewichen. Der Alte sah bald ein, daß eine Frau fehlte, die das Hauswesen zusammenhielt und so setzte er Jürgen zu, wieder zu heiraten. Aber da er nicht wollte, daß eine Frau auf den Hof käme, die seiner Tochter ebenbürtig wäre und ihn womöglich beiseite drängen würde, suchte er unter den Fischertöchtern ein tüchtiges Mädchen aus, das ohne Ansprüche als Frau auf dem Hofe dienen würde. Jürgen Pudmar willigte schweren Herzens und nur in der Hoffnung auf einen Erben endlich ein und heiratete nach Verlauf dreier Jahre Martha Deep, die Tochter der Mole Deep, die ein kleines Fischerhaus besaß und einen Räucherofen in den Dünen hatte, dessen Ertrag sie nach Dranshop auf den Markt schickte. Ihr Mann war vor Jahren auf dem Meere beim Fischfang umgekommen, und Mole Deep hatte ein hartes Leben. Da sie für ihre Tochter ein besseres erhoffte, so redete sie ihr zu dieser Heirat zu. Sie sah bald ein, daß Martha es in ihrer Ehe nicht leicht hatte, aber nun war es zu spät und man mußte den Himmel bitten, es einmal besser werden zu lassen. Sie selbst kam nur noch selten auf den Hof, nachdem sie sich mit Christof Hingsten seiner Eigenmächtigkeiten wegen erzürnt hatte, und auch ihre jüngere Tochter Hilke, die bei den Schwestern Sterenbrink diente, sprach nur hin und wieder bei Martha mit vor. Ihr Bruder, Peter Deep, aber kam nie. Er war unwillig über diese Heirat, denn er trug von seinen Vätern her die Armut und Rechtlosigkeit der Strandfischer im Blut, die dem Aufstieg und Wohlergehen der Seefischer, zu denen die Pudmars gehörten, feind waren. Viele im Dorfe neideten Martha Deep das Glück, nun auf dem angesehenen Hofe zu sitzen, aber sie taten unrecht daran, denn Martha war nicht glücklich und litt unter dem Gedächtnis, das Jürgen und der alte Christof der toten Marie bewahrten. Auch brachte sie statt des erhofften Sohnes eine Tochter zur Welt, und Jürgen Pudmar, der sie in den Monaten ihrer Schwangerschaft freundlich und fürsorglich behandelt hatte, wurde wieder fremd und zurückhaltend wie in der ersten Zeit ihrer Ehe.

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