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Briefe aus Paris – Carl Gutzkow

Noch steht das bunte, schöne Bild vor meinen Augen. Die bewimpelten Schiffe, die kühnen Himmels-Fragezeichen der Thürme, hoch in die Wolken ragend, die bunte Beleuchtung des Ufers voll rother Dächer, weißer Giebel, schwarz gerauchter Schornsteine; die blaue Woge, eben erst aus dem geschmolzenen Eise neu geboren, rings auf dem Schiffe die Passagiere, dumpf und freudig, stumpf und leidig, der drüben ein neues Glück hoffend, der eilend, ein altes sich zu sichern; stampfende Rosse aus Holstein für die Ställe des Königs von Sardinien, die Reisewagen blonder, hektischer Scandinavier, die in den Bädern von Nizza sanftere Auflösung ihrer Lungen hoffen und sanftern Tod finden werden, wenn es sanft ist, einsam sterben, verlassen, entfernt von seinen Lieben! Ja, majestätisch ist der Anblick dieser vereinigten Städte: Hamburg und Altona! Was mich schmerzt: von diesem saugt die Kraft Dänemark, von jenem England und die neue Welt! Diese ungeheure Masse von Fleiß und Thätigkeit, diese Häuserreihen, diese Docks, diese Winden, mit denen sie die Waaren in die Magazine hebeln, diese Wachtschiffe mit der ewig brennenden Lunte, diese kleinen rothen Segler, die durch die großen Dreidecker behend hindurchschlüpfen und das regste Küstenleben vermitteln: es ist, als bildete das eine Welt für sich, eine Welt, deren tiefer eingreifende Vortheile dem deutschen Vaterlande noch vorbehalten sind. Sonderbar, hinter den schlanken Thürmen der stolzen Hammonia war es mir, als säh’ ich im Geiste schon herüberschimmern ein mächtiges Gebäude, die künftige Kathedrale des Grasbrooks, mit der für das jetzige Hamburg infernalisch klingenden Inschrift: »Haupt-Zoll-Amt«. Ich will keine Professur am hamburger Johanneum haben und brauche deshalb nicht gegen den Zollverein zu schreiben. Ich liebe diesen Stolz Hamburgs, dem die Ehre der Freiheit und Selbständigkeit über Alles geht, ich schätze die Gründe, die man gegen die Ersprießlichkeit des Anschlusses vom lokalen Standpunkte anführt. Ob aber der Stolz und der lokale Standpunkt ausreichen werden? Ob nicht eines Morgens im Hamburger Correspondenten in riesenhafter Keilschrift zu lesen ist das eiserne Wort: »Ἀνάγκη«, »Notwendigkeit!« Das Terrain, auf welchem der Handel der Hansestädte wirken kann, wird immer enger. Immer näher rückt die Barriere, die man längst keine preußische mehr, sondern die deutsche nennen sollte. Lübecker Handel ist Menschentransport nach Rußland, bremer Handel ist Menschentransport nach Amerika; auch Hamburg wird bald mit Menschen nach Australien handeln. In die Mitte genommen, zwischen den deutschen Zollverein und die mögliche Erfüllung des zu Lord Aberdeen gesprochenen Worts: je vous recommande l’Allemagne, werden diese Uferstaaten, von denen Hannoverland und Mecklenburg bald ausscheiden dürften, zuletzt nicht anders können, als sich gewöhnen an das Unvermeidliche. Da ich von Talleyrand’s Maximen nur die über den Kaffee angenommen habe und ihn gern schwarz wie die Hölle, heiß wie den Teufel und süß wie die Liebe trinke, so werd’ ich vom Zollverein persönliche Nachtheile haben. Dann aber hätt’ ich die Freude, zu sagen: Dies bunte Gewühl von Leben, Schaffen und Genuß, diese majestätische Hansakönigin legt ihre Krone zu den Stufen des Altars der deutschen Freiheit nieder. Sie hat einen ihrer kostbaren, Millionen werthen Ringe in die Fluten geworfen und sich mit dem deutschen Vaterland vermählt. Jetzt — wie locker das Band! Wie fern, wie fern liegt Hamburg, diese wahrhafte Hauptstadt des rein deutschen, nicht wendisch deutschen Nordens, wie fern vom Kerne und Centralpunkt des Vaterlands! Jetzt, welcher Egoismus in den Auffassungen! Welche ehrbare, tüchtige und doch wieder so schroffe Lebenssitte, die in diesem Hamburg herrscht! Welche Reichthümer, ohne die Kunst, sie ergiebiger für Alle zu genießen! Der Vortheil wird ein doppelter sein: Bringen uns Eisenbahnen (Folge des Anschlusses) schneller nach Hamburg, hört die Lüneburger Haide auf, eine so abschreckende Wahrheit zu sein, wird auch die Entfernung Berlins, Leipzigs und Frankfurts von Hamburg Illusion, so gewinnen beide Theile. Hamburg muß opfern von seinem »vaterstädtischen« Egoismus, von seinen tausendfach verzweigten geselligen, literarischen und artistischen Isolirungen, und Deutschland gewinnt einen Zuwachs an Kraft, an Reichthum, an Thätigkeit, Frömmigkeit, häuslichen Tugenden, an schlichter Biederkeit des Charakters, kostbaren Gütern für Körper und Seele, die alle in diesem stolzen Hamburg, ohne Wirkung nach Außen, aufgespeichert liegen. Gleich das jenseitige Harburg! Ein schlagender Beweis für meine Behauptung, daß Hamburg bis jetzt noch seine moralische Kraft hermetisch verschließt. Alle andern großen Städte haben die belebendsten Ausströmungen auf Meilen, ja Tagereisen in der Runde! Dieses traurige Harburg! Ein Bettler neben einem Fürsten! Ebenso armselig, wie die Zwischenstationen zwischen Hamburg und Berlin. Mit einem enttäuschenden Zauberschlage fühlt man sich plötzlich in die Provinz versetzt. Wirthshäuser, Betten, Speisen, Landescultur . es ist als läge Hamburg am Nordpol und Harburg am Südpol. Ich glaube, Hamburg muß Einiges verlieren, damit die Lüneburger Haide Einiges gewinnt. Traurige, öde Reise von Hamburg nach Hannover! Der Sturmwind pfeift aus Westen herüber. Wehe den Schiffen, die heute dem Canal zusteuern! Das Blau des Himmels ist matt und wäßrig, wie manche jener Augen, die nicht verdienen, daß sie blau sind. Die braune Erde fröstelt und will die dünnen Hälmchen zurückhalten, die von der Wintersaat sich in ihrem Schoß schon regen.


Die weißen Birken harren fröstelnd der Ankunft ihres zitternden Laubes. Bald wird sich der Vogel der Haide einstellen, die Krähe mit ihrem hungernden Liede. Der Winterschnee und der Februarregen ließen in der Haide große Teiche zurück, in denen noch die Frösche schlafen. Aber, gütige Natur, auch hier wirst du erstehen, auch hier wirst du deinen Sonntagsschmuck anlegen, freilich keine malerische Südlandstracht, aber einen Sonntagsstaat von frischen Linnen, in weißer Schürze, arm, doch mit gesundem Auge deinen Schöpfer preisend! — Und die armen schwarzen und weißen Thierchen, le peuple sauvage qu’on appelle Haidschnucken nicht zu vergessen! Schon in die kalte Märzlust führen sie die zarten Thiere, damit die Hirten und Bauern im Winter wollene Strümpfe haben. Zitternd steht das kleine Haidenvolk, dicht geschart, Eines legt dem Andern den Kopf auf den wolligen Rücken. Der Hirt sieht sich ängstlich nach den Regenhosen am Himmel um. Ein einziger starker Regenguß macht die armen Thierchen zu Hunderten sterben. Man kann die Haidschnucken die Cretinen der Schaafwelt nennen. Von Meile zu Meile in der Lüneburger Haide ein kleines Gehöft, umgeben an einer Seite von schützenden Morästen, an der andern von einem kleinen Hain aus wenigen zählbaren Birken. In der Mitte einige große Rüster oder Linden. So in Welle, in Bergen. Aus einer entlegenen Schmiede glüht der Ofen herüber. Der Fuhrmann im blauen Kittel harrt des frischgeschweißten Rades. »Glück auf die Reise, Fuhrmann! was fährst du?« — Ich wußte, daß auf seinem Wagen meine nach Frankfurt wandernde Hauswirthschaft verpackt war. Er kannte mich nicht. »Mobilien, Bücher!« war die Antwort. Und Erinnerungen, dacht’ ich, und Schmerzen, die sich an diese Sorgenstühle und Thränen und Nachtwachen, die sich an diese Schränke und Pulte knüpfen. Da stand sie auf der Landstraße, meine kleine Habe, und kannte ihren Herrn nicht, der still vorüberfuhr. Von Celle nach Schillerslage. Ein wunderlicher Stationsname! Schillerslage, die Lage eines Dichters, recht mitten in der Haide, mitten im Sturm; große Steine auf der Landstraße, die den Wagen zertrümmern können, Sturmwind, düstrer Regen: die Lage eines Dichters! Die frankfurter Kutscher nennen diese Dichterstation durch einen Misverstand: Silberschlag und dachten dabei wol mehr an des glücklichen Goethe, als an des armen Schiller’s Lage. Ich bin nun in Hannover und muß mir sagen: Wenn Jugend gegen Alter einen Lebensproceß verlieren kann, so hat ihn das hannoversche Land gegen sein Königshaus verloren. Es sitzt hier soeben eine Ständeversammlung, die das factische Recht ihrer Existenz für sich hat. Sie ist zur Noth gewählt, zur Noth vollständig, sie beräth zur Noth jene materiellen Fragen, an welchen, wie Herr von Blittersdorf in der badischen Kammer gesagt hat, den Völkern jetzt mehr gelegen ist, als an »hohlen Theorien«. Hohle Theorien! Man sollte »ausgehöhlte« sagen. Denn seit man ihnen allerdings den Kern genommen hat, den Kern praktischer Möglichkeit, können sie nur hohle Schalen sein. Die Stimmung des hannöverschen Landes ist düster. Es fehlt hier recht an der herzlichen Vermittlung der Gewohnheit und des Vertrauens.

Man thut jetzt den Willen Dessen, der die Macht hat, und verläßt sich für die Zukunft auf die Ordnung der Natur, auf den Wellenschlag der Zeit. Es gibt Städte (Hannover gehört zu ihnen), mit denen man als Reisender nie über seinen Gasthof hinaus vertraut wird. Diese Plätze, diese Straßen, diese Häuser sprechen nicht an. Man würde sich nur mit großer Ueberwindung entschließen können, sie zu bewohnen. Und doch sind hier die Frauen anmuthig und zart, die Männer höflich und gebildet. Das Theater soll verfallen sein, erfreut sich aber großer Theilnahme. Das Militair fällt gut ins Auge, wenn es auch zu stutzer- und junkerhaft auftritt und Manieren nachahmt, die man sogar in Potsdam und Berlin nicht mehr kennt. Dem schweigenden Ernst der Wachtposten sieht man an, daß ihre Parole sehr gemessen und verwickelt sein muß. Die armen, langen Marschbauernbursche sehen in ihren rothen Röcken ganz philosophisch aus: so viel haben sie über die ihnen gegebenen Instructionen nachzudenken. Nichts von jenem heitern Lungern des Wachtdienstes, den man in glücklichern Ländern antrifft.

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