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Briefe auf einer Reise aus Lothringen… – Adolph Knigge

Es ist nun fest bey mir beschlossen, theuerster Freund! auf immer verlasse ich diese Gegenden. Der Traum von einem ruhigen, sorgenfreyen Leben, das ich hier zu führen dachte, ist verschwunden; ich sehe voraus, daß man in allen französischen Provinzen bald Scenen erleben wird, gegen die sich mein Herz empört. Von allen Seiten her droht Krieg; die innere Gärung ist allgemein; und sollten sich fremde Mächte thätig in diese Angelegenheiten mischen, wie es nun den Anschein hat, so dürften wohl Elsaß und Lothringen der Schauplatz eines Krieges werden, den gegenseitige Erbitterung und die Stimmung, in welcher jetzt die französische Nation ist, zu einem der blutigsten unsers Jahrhunderts machen können. Ich will also fort von hier, ehe dies Gewitter ausbricht. Wem sein Beruf ins Schlachtfeld winkt, Der folge dieser Bahn! Er geh‘, wo Schwert und Lanze blinkt, Mit kühnem Schritt voran! Der schmetternden Trompete Klang Sey seine Melodie, Der Donner und der Schlachtgesang Ihm süße Harmonie! Er wanke nicht, wenn hier und dort Der Freund, der Bruder fällt; Er schreite über Leichen fort Und kämpfe, wie ein Held! Mich reizt des Sieges Lorbeer nicht, In Bürgerblut getränkt; Mein Herz folgt einer mildern Pflicht, Die meinen Wunsch beschränkt. Ein stilles Plätzchen such‘ ich mir, Wo goldner Frieden thront; Wo, fern von Glanz und Ruhmbegier, Bescheidne Einfalt wohnt; Wo, an des Freundes sanfter Hand, Auf einer sichern Bahn, Vom großen Haufen unerkannt, Ich traulich wandeln kann; Wo mich Aurorens Morgengruß Aus süßem Schlummer weckt; Wo mich, im fröhlichen Genuß, Kein Waffenlärm erschreckt; Wenn Studium, wenn Wissenschaft Den heitern Geist erhebt Und wenn der Musen Zauberkraft Mein weiches Herz belebt, Indes mir manche freye Zeit Mein Saitenspiel verkürzt Und froher Muth und Mäßigkeit Mein leichtes Mahl mir würzt. Ein solches Plätzchen will ich mir suchen, oder es ist vielmehr schon gefunden, denn, kurz von der Sache! ich bin fest entschlossen, mit unserm gemeinschaftlichen Freunde M*** nach Nord-Amerika zu ziehn. Mein kleines Vermögen habe ich in bares Geld und Wechsel verwandelt. Es ist unmöglich, besser mit einer solchen Summe zu wuchern, als wenn man dafür in jenem glücklichen Welttheile Ländereyen kauft, die von Jahre zu Jahre im Preise steigen. Will man diese noch mit Holz bewachsenen Äcker auch gar nicht urbar machen, sondern nachher in demselben Zustande wieder verkaufen, so kann man doch sein Capital vielleicht nach kurzer Frist verdoppelt zurückziehn. Das ist aber nicht mein Zweck; ich will ein Landmann werden — der erste, natürlichste, nützlichste und glücklichste Stand in der menschlichen Gesellschaft! Ich nehme Knechte und Mägde mit mir; dann scheint mir zu dieser patriarchalischen Einrichtung nichts zu fehlen außer einer braven Hausfrau, und Diese sollen Sie mir unter den sächsischen Mädchen aussuchen. Noch bin ich nicht ganz bestimmt, in welcher Gegend von Amerika ich mich ansiedeln will; darüber muß ich erst Rücksprache mit M*** nehmen, den ich zu Ende des August-Monats in Hamburg oder Bremen finden und mit ihm im September die Reise machen werde. Bis dahin habe ich mir vorgesetzt, noch ein wenig in Teutschland herumzuziehn. Sehen Sie Sich indes unter den Töchtern des Landes nach einer Gefährtin für mich um! Haben Sie dann etwas auf der Spur, so geben Sie mir einen Wink, und ich eile zu Ihnen. Auf jeden Fall aber hoffe ich, Sie in der AugustMesse in Braunschweig zu umarmen, um von Ihnen Abschied zu nehmen und mir Ihren Segen zu erbitten. Eines so guten Mannes Segen wird mich auf dem Meere vor Sturm bewahren und meine Unternehmungen in fernen Welttheilen begünstigen. Morgen gehe ich von hier, und macht es Ihnen keine Langeweile, so schicke ich Ihnen vielleicht von Zeit zu Zeit einige Bemerkungen über die Örter, die ich durchreisen werde. Leben Sie wohl! Zweyter Brief Saarbrück, den 5ten May. Sie sind nie in diesen Gegenden gewesen, mein Lieber! und so erlauben Sie mir denn, Ihnen eine kleine Schilderung von der Stadt zu entwerfen, in der ich seit vorgestern mich umhertreibe. Saarbrück, diesseits der Saar, und St. Johann, jenseit des Flusses, sind durch eine neue, schöne Brücke verbunden und machen Eine Stadt von ziemlichem Umfange aus. Die Häuser, besonders in dem diesseitigen Theile, sind durchaus massiv, manche darunter in gutem, reinem Geschmacke gebauet, und die Gassen, deren einige breit sind und gerade laufen, haben ein freundliches Ansehn. Unter den Einwohnern scheint Wohlstand zu herrschen; auch trifft man hier Kaufmannshäuser an, deren Handel nicht unbedeutend ist, da außer der großen Straße aus Frankreich nach Teutschland die schiffbare Saar ihnen auch Gelegenheit gibt, ihre Waren zu Wasser in die Mosel und von da auf dem Rheine nach Holland zu versenden; Steinkohlen und Eisen sind, wie bekannt, wichtige Landesproducte. Die Einwohner von St. Johann stehen, in Ansehung der Höflichkeit, ein wenig mit den Sachsenhäusern in Frankfurt am Main in gleichem Rufe; in Saarbrück selbst hingegen habe ich die Leute immer sehr gesittet und gegen Fremde zuvorkommend und gastfrey gefunden.


Was mich noch freuet, ist, daß ungeachtet der Nachbarschaft von Frankreich sich hier unter den Bürgern aller Classen so viel teutsche Gradheit und Biederherzigkeit erhalten haben. Hierin geht ihnen der regierende Fürst mit gutem Beyspiele vor, der, obgleich er selbst so lange in französischen Diensten gewesen ist — (Sein Haus besaß vor der Revolution ein eignes, sehr schönes, ausgezeichnetes Infanterie-Regiment in denselben, und ein anders von schwerer Cavallerie wurde für ihn errichtet) dennoch der Gallomanie und Nachahmungssucht, wovon die Rheingegenden so sehr angesteckt sind, äußerst feind ist. An seinem Hofe wird fast immer teutsch geredet; er hat ein Liebhaber-Theater errichtet, auf welchem er selbst, wenn er gesund ist (seit einiger Zeit ist er unpäßlich), die gute Fürstin, der Hof und zuweilen Fremde, die sich hier aufhalten, vaterländische Stücke aufführen. Außer dem kleinen Schauspiel-Saale, der im Schlosse ist, hat der Fürst noch ein sehr geschmackvolles großes Comödienhaus in der Stadt zu diesem Gebrauche erbauen lassen. Ich habe mehrmals von Metz aus diesen Vorstellungen beygewohnt und manche Schauspiele in großer Vollkommenheit aufführen gesehn. Das hiesige Schloß gehört mit zu den schönsten Fürsten-Wohnungen in Teutschland. Es besteht aus einem Corps de logis mit zwey Flügeln und einigen Neben-Gebäuden, liegt, nach der Stadt zu, an einem freyen Platze, wo es sehr gut in die Augen fällt, und hat an zwey andern Seiten, über einen geschmackvoll eingerichteten Schloßgarten hinaus, eine herrliche Aussicht in die umliegende schöne Gegend. Neben dem Schlosse ist noch ein sogenannter Wintergarten angelegt, den ich Ihnen genauer beschreiben muß. Über einem niedlichen Bosquette ist ein großes Haus gebauet, oder vielmehr in einem weitläufigen Gebäude sind Pflanzungen angelegt. Die Säulen, worauf dieser ungeheure Saal ruht, sind mit Baumrinde bekleidet und scheinen also Bäume zu seyn; die Decke, wo sie hie und da durch das Gebüsch hindurch sichtbar wird, ist wie der Luft-Himmel gemalt; Fenster und Öfen sind durch Hecken und Bäume maskiert, so daß man mitten im Winter die Täuschung hat, an einem schönen Sommertage in einem kleinen englischen Garten spazierenzugehn. Da findet man dann vielerley Arten ausländischer und einheimischer Stauden, Gewächse, Blumen, Früchte; Vögel fliegen in den Gebüschen herum und beleben mit ihrem wilden Gesänge die Scene; in einer kleinen Grotte sprudelt frisches Wasser, und das Ganze ist in der That überraschend, wenn rund umher die Erde mit Schnee bedeckt ist, die entblätterten Bäume traurig dastehen und man dann in dies Gebäude tritt und auf einmal zurück in den Julius-Monat gezaubert wird. Der regierende Fürst lebt mit seiner jetzigen vortrefflichen Gemahlin, die er sich, mit Hinwegsetzung über die elenden Convenienzen von Stand und Geburt, nach seinem Herzen gewählt hat, ein glückliches häusliches Leben, wovon so wenig Fürsten einen Begriff haben. Er erfüllt dabei pünctlich seinen Beruf und geht keinen Abend zur Ruhe, ohne alles gelesen und überlegt zu haben, was ihm eingereicht worden ist und am folgenden Tage entschieden und ausgefertigt werden soll; Ordnung, weise Sparsamkeit und strenge Gerechtigkeit bezeichnen jeden seiner Schritte, und dennoch ist sein Hofstaat glänzender und sein Gefolge zahlreicher wie an manchen viel größern Höfen — Soviel kömmt auf eine weise Einrichtung und ordentliche Verwaltung der Finanzen an! Der vorige Fürst bauete viel, brachte Handel, Fabriken und Manufacturen in Aufnahme; allein dies geschah mit einem so großen Kosten-Aufwande, daß, als sein Herr Sohn, der jetzige Fürst, zur Regierung kam, eine kaiserliche Commission unvermeidlich schien. Es fand Dieser aber Mittel, eine solche Landplage zu entfernen; er setzte eine gewisse jährliche Summe zur Tilgung der Schulden fest, welche von der Zeit an nicht nur pünctlich abgetragen, sondern noch überschritten wurde, und jetzt bleibt, wenn alles etatmäßig bezahlt ist, immer noch eine Jahrs-Einnahme im Voraus in den Gassen liegen, obgleich die Anzahl der Dienerschaft und der übrige Aufwand sich von Jahre zu Jahre eher vermehrt wie vermindert haben. Einige geschickte Männer, welche die Geschäfte führen, sind gut besoldet, und am Hofe nehmen Fremde, die einiges Vermögen haben, bey freyer Tafel, Wohnung, Fourage für Pferde und andern Vortheilen, mit nicht starker Gage gern einen Titel an, vermehren durch einen anständigen Aufwand den Glanz, um ein Leben zu führen, wie sie sich’s in keiner andern Lage angenehmer wünschen könnten. Die herrschaftliche Tafel ist vortrefflich; es fehlt am Hofe an keiner Art von Vergnügung, nach den verschiedenen Jahrszeiten, als: Jagd aller Gattung, Fischfang, Schauspiele, Concerte, Tanz, Spiel, Mascaraden, Schlittenfahrten, Land-Partien, nützlicher Unterhaltung und Lectüre. Dabey herrscht in diesen Cirkeln ein freyer Ton, mit Würde und Anstand verbunden. Der Fürst liebt fröhlichen Scherz und gute Laune, ehrt Kenntnisse, ist selbst sehr unterrichtet, belesen und witzig. Seine Dienerschaft ist ihm herzlich zugethan, obgleich sie ihn auch fürchtet, aber seine Güte und sein Zutraun sind auch schon oft gemißbraucht worden, und nicht selten erntet er von Leuten, die er aus dem Staube emporgehoben hat, für seine Wohlthaten niedrigen Undank und Verleumdung ein; aber er verzeyht, erträgt und scheint es nicht zu bemerken, solange sich’s irgend aushalten läßt. Außer dem Kreis-Contingente unterhält der Fürst eine Garde, die aus schönen Leuten besteht und geschmackvoll gekleidet ist, und einige Reiter. Was mich, der ich nichts vom Soldatenwesen verstehe, am mehrsten dabey interessiert, ist die vorzüglich gute türkische Music auf der Parade. Sie ist besser und vollständiger besetzt wie die, welche die französischen Schweizer-Regimenter ehemals hatten. Unter andern sind Posaunen und Serpents dabey, die herrliche Wirkung machen. Warum wird wohl, besonders in Teutschland, das letztere Instrument so wenig gebraucht? Vogler hat in seinen schwedischen Opern beyde zu rechter Zeit anzuwenden gewußt, und es ist keinem Zweifel unterworfen, daß sich im hohen Styl gewaltig viel damit machen läßt. Die Post in das teutsche Reich geht ab, und ich denke, mein Brief ist lang genug.

Ich schließe ihn mit der Versicherung etc. Dritter Brief Saarbrück, den 6ten May. Kaum ist mein Brief an Sie, mein theuerster Freund! fort, so fange ich schon wieder einen neuen an. Ich wandre jetzt ein wenig in der hiesigen Gegend herum, die in der That durch die schöne Abwechselung von Bergen und anmuthigen Thälern reizend ist und mit der ich noch wenig bekannt war, weil ich immer nur im Winter hier gewesen bin.

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