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Briefe an Erika und Klaus Mann – Annemarie Schwarzenbach

Liebe Erika, ich habe heute schon zehn Seiten an dem geschrieben, was vielleicht ein Roman werden wird, falls ich genug Geduld u. Talent aufbringe — Aber leider werde ich ja nur sehr wenig Zeit haben, denn mein eben betrachtetes Programm ist so umfangreich, dass man es mit der Angst kriegen könnte. Aber in solchen Fällen klappt man bekanntlich den Mantelkragen hoch — […] Mein Zimmer ist wunderbar ruhig, voller Bücher, u. auf dem Schreibtisch liegt unversehrt mein Freund der Tiger — auf dem Tisch eine süsse Hallerstatuette, aber der Tiger ist noch schöner. Ausserdem habe ich die Königin Nofretete bei mir, sie steht auf meinem Bücherschrank, schön u. hochmütig, u. sieht über mich hinweg. Und jetzt muss ich arbeiten. Es kostet sehr viel Überwindung, denn ich bin tatsächlich aus der Übung!— Sonntag nacht— ich habe meinen Bruder Hansi abgeholt, der zerschlagen und siegreich von einem Hockeymatch zurück kam — seine loyale u. freundschaftliche Gegenwart u. unsere «kurze, aber innige» Unterhaltung haben mich etwas getröstet, denn ehrlich konnte ich ja nicht behaupten dass ich sehr glücklich bin! Du bist nicht so leicht zu entbehren wie Du es mir einreden wolltest u. wie ich gerne geglaubt hätte, weil ich Dir nun einmal gern glauben will … Schon tagsüber hatte ich ganz unberechenbare Anfälle völliger Entmutigung, ziemlich schwer zu beschreiben u. noch schwerer zu ertragen: Eine plötzliche Leere, so ganz ohne Hoffnung dass man schreien könnte — u. jedesmal zwang ich mich als gut erzogener junger Mensch, an etwas anderes zu denken, mich rasch auf einen Satz, auf eine Aufgabe zu konzentrieren — u. jetzt, weil es Abend ist u. ich nicht arbeiten mag, kann ich schon gar nichts mehr ertragen, auch Ruts Bild nicht welches mich in der Kaulbachstrasse gar nicht gestört hat ich möchte, wie ein Kind, andauernd sagen, dass man mir helfen soll — u., Du sagtest ja ich sei innerlich verwildert u. unerzogen — u. so kann ich auch jetzt nicht begreifen dass kein Zorn u. keine Auflehnung bewirken werden, dass mein grosser Bruder Eri kommt, den ich sehr liebe— Deine Annemarie Annemarie Schwarzenbach Bocken bei Horgen (Zürichsee) Mittwoch [Anfang Oktober 30] Weisst Du Erika dass die Zustände hier von Tag zu Tag an Unerträglichkeit zunehmen […] — Ich habe Mama die ganze Sache mit Venedig erzählt weil es keinen Zweck hatte, ihre geradezu entsetzliche Erregung durch Lügereien die sie nicht glaubt zu vermehren. Ich habe dabei an Deine vernünftigen Ratschläge gedacht u. jedes Pathos vermieden u. auch bei ihr nach Möglichkeit gedämpft — […] Mama wirft mir auf alles was ich vorbringe, Folgendes vor: Dass ich mich indem ich mich (nach den vorausgegangenen Auseinandersetzungen) überhaupt mit Vollm. oder R. abgebe, eo ipso von ihnen — meinen Eltern — lossage, dass ich auch mich persönlich degradiere — u.


vor allem, dass ich den Palazzobewohnern den Triumph (schon wieder Pathos!) verschaffe, mich trotz Gegenwunsch meiner Eltern dazu gebracht zu haben zu ihnen zu kommen—[…] Verstehst Du, sie sind einfach überzeugt, dass bei mir etwas «nicht stimmt», dass ich irgendwo nicht normal, nicht zurechnungsfähig, u. zu allem noch hervorragend herzlos sei — Merkwürdigerweise ist es Mama, die dieses Mal Papa verhindert hat an, ich weiss nicht was.— Heute bekam ich von Korrodi die «römische Skizze» zurückgeschickt, er findet sie sprachlich «sehr beschwingt», aber disproportioniert im Inhalt. Sehr langweilig, weil ich möchte, dass man mein ohnehin rapid schwindendes Selbstbewusstsein ein wenig stärkt — ich habe doch letztes Jahr genauso schlecht geschrieben wie jetzt u. sehe gar nicht ein, weshalb er ausgerechnet jetzt so kritisch wird! Morgen mittag haben wir Sitzung der Vortragskommission, ich freue mich schon den Vorschlag betreffs «Jüngster Deutscher Dichtung» zu machen — Kommst Du, falls die Sache einschlägt, lieber mit Klaus oder allein? Und wann ungefähr? Schreib mir einmal was Du davon denkst, damit ich etwas Bestimmteres sagen kann! […] Gestern war ich bei meinem Arzt, der ein junger sehr hübscher u. sehr netter Mann ist, mit dem ich mich gern unterhalte. Er sagt, ich könne nichts Besseres tun als möglichst doch von hier fortzugehen, nur findet er es unrichtig dass ich zuerst den Dr. machen muss, weil er fürchtet, dass ich mich wieder überarbeite. Er sagte, «er habe das jetzt ein Jahr mitangesehen» — ich weiss nicht genau, was er mitangesehen hat, aber recht hat er sicher, u. wir werden nächste Woche meinen Stundenplan zusammen besprechen damit es möglich wird— Dieser Brief ist eigentlich auch unerträglich, u. Du musst schon verzeihen dass ich so rücksichtslos bin, ihn Dir zu schreiben — ich denke, es ist das Los aller älteren Brüder, solche Dinge lesen zu müssen — besonders wenn es so einmalig gute, wundervolle u. süsse Brüder sind wie Du! Seltsam ist ja, dass ich mich meinen Eltern gerade jetzt ganz selten stark verbunden fühle, ich habe keine Angst mehr, u. habe ein gar nicht unangenehmes Solidaritätsempfinden, u. sie sind ja auch beide ganz wunderbar. Du musst sie unbedingt kennenlernen! Schade dass Du jetzt nicht hier bist um ein wenig zu meinen Gunsten reden zu können, Du hast das bei Emmy Krüger so gut gemacht — das war wirklich fabelhaft anständig von Dir, ich möchte Dir noch nachträglich die Hände küssen dafür! Sind Deine Photos schon fertig??— Deine Annemarie Bocken b. Horgen Donnerstag [Anfang Oktober 30] Es ist gerade 12 Uhr, Zeit zum Schlafen für kleine Kinder — aber ich muss doch rasch meinem gestrigen Brief einen zweiten nachschicken,— wenn ich es könnte, hätte ich heute bitter mit Gott gehadert, aber auch ohne das hatte er ein Einsehen u. sorgte dafür dass ich, als ich vom Theater nach Hause kam, einen Brief von Dir fand. Allerdings gibt es zu denken, dass ich ja diesen Brief weniger seiner Einsicht verdanke als der Deinigen— Jedenfalls habe ich den Brief u. bin erfreut dass Du mit deutschen Buchstaben schreibst, so dass ich eine volle halbe Stunde gebraucht habe um ihn zu lesen — Fast hätte ich dabei einen Herzschlag bekommen, weil ich meiner schlechten Gewohnheit entsprechend in viel zu heissem Badewasser lag! — Du hast ja naive Vorstellungen, wenn Du glaubst ich habe schon alles hinter mir wovor ich Angst hatte! […] Am Tag war Mama dann wieder sehr nett, aber Du musst begreifen Erika dass ich das nicht ertragen kann. Übrigens will sie mich keinen Falls wieder nach München lassen weil sie denkt (ich weiss nicht, was sie denkt) ich will aber unbedingt bald nach München weil nämlich Du dort bist, u. hier kann ich ja lange warten bis Gott ein Einsehen hat— Und ich habe auch kein Einsehen obwohl ich voll guten Willens bin, aber es gibt gar nichts Hübsches, Tröstliches, Ermutigendes ausser Dich, u. ich will gar nichts anderes als Dich. Das ist doch eindeutig, nicht? Du brauchst auch gar nicht zu protestieren: Erstens betrübe ich mich nicht über Dich, sondern ich denke an Dich um weniger betrübt zu sein, obwohl ich natürlich z.B. heute abend u.

sonst ziemlich ununterbrochen bei Dir sein möchte u. daher in Versuchung komme, mit Gott zu hadern — u. zweitens betrübe ich mich nicht, das tun andere Leute! […] Dass die Bilder von Dir nicht gut sind ist eine richtige Gemeinheit— schicke [sie] mir trotzdem, bitte schön! Wie geht es Mädy u. dem kleinen Bruder, der glaube ich, Bibi hiess? Und jetzt schlafe ich wirklich ein — Gute Nacht Eri A. 15.X.30 Bocken/Borgen Es gibt zwei erfreuliche u. wohltuende Dinge mit deren Hilfe ich dem Tag einen gewissen Reiz abgewinne — das eine ist, die Nacht vor sich zu haben (kürzer gesagt: zu schlafen! ) — das andere Dir zu schreiben. Alles übrige ist eher anstrengend. Unsere Professoren welche mit der Zeit umgehen als sei sie käuflich — lesen erst vereinzelt, der volle Betrieb setzt Montag ein. Ich liebe das nicht, es kommt mir vor wie Rekonvaleszenz. Ich arbeite gern, aber viel… Ausserdem schuften wir, Hasi u. ich, weil Samstag/Sonntag Concours ist u. 6 Pferde geritten werden müssen. Ich bin aber schwach darin: ich reite eins, höchstens zwei Pferde. Hasi stets drei oder vier. Er reitet blendend gut, als ich aber vorgestern meinen ersten Parcour ritt (mit Unterbruch von einmal herunterfallen!) wurde mir nachher beinahe übel u. Hasi konstatierte mit Erstaunen, ich sei weiss gewesen wie ein Tischtuch. Ich kann nämlich die Pferde nicht halten, u. wenn sie zu rasch gehen, werfen sie natürlich die Hindernisse um oder bleiben stehen. Genau genommen habe ich nachts Angst, u. jedesmal vor dem Springen ebenfalls. Im Moment aber nicht mehr. Nehmen wir an, es werde gehen — («Aus dem Tagebuch eines Cirkus Kindes»).

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