| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Bemerkungen über Holland – Therese Huber

Hier brachte ich vor neunzehn Jahren diese Sommermonate zu, und von diesem Orte aus, unter lauter gewohnten Gegenständen, finde ich Muse, einen Theil meiner Reise wieder zu überdenken. In Carlsruhe betrat ich die erste Stätte der Erinnerung. Die Stadt war mir noch ziemlich bekannt, ich war überrascht, mich in demselben Wirthshause zu finden, welches ich vor achtzehn Jahren bewohnt hatte. Die mich damals begleiteten, schliefen, um die ich damals weinte, schliefen auch. Schlafen? nein! das ist eine schwere irdische Ruhe; sie umschwebten mich und lächelten meinem nassen Blick entgegen. Ich erkannte Schloßers Haus. Er starb auch. Froh in diesem Augenblick allein zu seyn, ging ich in den Schloßgarten und dachte jener Zeit. Was ward seitdem zertrümmert! was für Menschen gingen unter! ihren Zeitgenossen, der Beförderung des Guten. Und gingen sie unter? fragte ich mich beschämt. Wie ich vor achtzehn Jahren hier wandelte, war alles niedriges Gebüsch, es war mir widrig das kleine Gestrüpp zu sehen, ich hing damals an dem Augenblick, ich glaubte zu wissen was mein Glück sei, und es war mir versagt, und die Welt schien mir blutarm, die mir nicht gab, was mein Sinn störrisch verlangte. Damals gaben diese schönen Bäume mir noch keinen Schatten, diese Weiden waren kleine Ruthen, aber ich bedurfte auch der äußern Welt nicht, ich nährte mich an unendlicher Sehnsucht und allgenügendem Schmerz. Dann kam eine andere Zeit — ich besaß, und verlohr. — Verlohr mehr als ich je zu ersehnen vermochte, und nun wandle ich wieder hier, statt Sehnsucht Ergebung im Busen, statt Streben ins Leben hinaus, Rückblick auf Gräber, jetzt umfasse ich die Natur, jetzt erkenne ich die Außenwelt, denn sie vermählt mich mit dem Andenken an alles was ich verlor. Und nun finde ich die kleinen Sträuche zu schattenreichen Bäumen emporgewachsen — und diese herrlichen Weiden!— Ich saß im Schatten, und vor mir auf einem Teppich von schmaragdnen Grase, stand eine hohe Thränenweide, die Luft bewegte die langen Aeste, die Sonne mahlte sie blasgrün durch helle Beleuchtung; die zarten Blätter lispeln nicht, der ganze Baum wogt wie ein Geistergewand, und der Schatten gleitet stumm über den grünen Boden. Reiche fielen, die Edeln gingen unter, alles Menschenwerk wandelte furchtbar seit diese junge Schöpfung empor wuchs, aber die Natur schritt fort von Leben zu Leben. Heiliges Pfand, das nichts untergeht, was sich je des Daseins erfreute! Ich durchwanderte diesen schönen Garten mit Wehmuth und Freude. Er ist schön, und das Gefühl, mit dem man des ehrwürdigen alten Fürsten gedenkt, dem man oft hier begegnet, macht ihn noch schöner. seine Freundlichkeit macht den Aufenthalt feierlich, statt zu verscheuchen, und das ist ein Lobspruch, der in dem Herzen seines Volkes als schönes Denkmahl seiner Güte fortleben wird. Ich besuchte auch den andern Garten wo Scheffauers Monument steht. Die gute Fürstin, die es errichten lies, dachte wohl nicht, daß sie es dem Andenken jedes geliebten Todten errichtete, dessen Hinterlassner zu ihm hintritt. Der hoffende Blick dieser weiblichen Gestalt — o, wie manches nasse Auge folgt ihm zu den Höhen, die uns auf unsrer niedern Erde immer wie unsre Heimath erscheinen. Das Denkmahl galt auch meinen Todten. Ich rufte ihre Gestalten auf aus den weiten Fernen des Aufgangs und Untergangs, wo sie zu Staub wurden, und versammelte sie um diese hoffende Gestalt, und so oft ich der kleinen Capelle nun denke, ist sie meiner Todten Denkmahl. Könnte ich doch der hübschen Stadt zwanzigtausend Einwohner mehr schenken; sie hat etwas freundlich Helles, was mich anspricht.


Man sagte mir, das die schönen Gärten wenig besucht werden — das ist nicht gut, und ist doch so häufig. Ich bin so gern allein in diesen Schattengängen, möchte sie aber doch lieber mit Menschen angefüllt sehen, und fand sie nirgends so. In Wien soll man diesen Genus haben. Erhalte der Himmel den guten Wienern ihre Leichtigkeit, sich zu freuen! Herrenhausen bei Hannover sah ich ehemals recht voll, aber an Gallatagen wenn eine Prinzessin aufzog oder dergleichen. Ich erinnre mich einen gewissen englischen General, der die deutschen Truppen damals für den amerikanischen Krieg einhandelte, an der großen Fontaine der verwittweten Herzogin von Braunschweig vorstellen gesehn zu haben. Meinem zwölfjährigen Kopf kams damals ganz wunderschön und prächtig vor,wie der Britte in seiner glänzenden Uniform, ein Knie am Boden der alten Dame die Hand küsste. Sie hatte eine hohe Fontango und großen Reifrock wie alle Damen um sie her, alles glänzte von Brillanten, in denen die Sonne blinkerte wie in den Millionen Wassertropfen des herrlichen Springbrunnen. Damals fand ich die Brillanten aber interessanter, jetzt schwebt der ganze Auftritt vor mir wie ein Guckkastenbild, und wüste ich nicht sicher, das ich ihn wirklich sah, hielt ich die Hecken, und die Menschen, und die Handlung für einen Guckkasten-Vorgang. Im Jahre fünf und neunzig hörte ich unter manchen Zügen, welche unsre satte Weichlichkeit so gern vergißt, wie in der Nacht des neunten Thermidor die Gefangnen auf die Sturmglocken horchten, und auf die Lärmtrommel, und endlich unterbrach einer diese bange stille und sagte: mir däucht ich werde heute Nacht achtzig Jahre alt. Wenn ich jene Zeit meines zwölften Jahres rechne und jetzt, so sollte ich denken, ich wär ein Jahrtausend alt. Solche Hofpräsentationsauftritte gehören aber nach Gärten wie Herrenhausen, wo die Natur unter der Hand des Gärtners eine willkührliche Umform angenommen hat, hierher wünsche ich ein lach- und eßlustiges Völkchen, auf die Bänke gelagert, in die Gänge zerstreut, und statt dem Hofstaat in Fischbeinröcken, Tanz und Gesang. Das Land war von hier aus herrlich schön bebaut; rechts geht der Schwarzwald fort, und macht mit seinen dunkel gekrönten Gipfeln einen reizenden Contrast gegen die Ebne, in der goldnes Saatkorn mit dem schönsten Hanf und Klee, den ich je sah, abwechselte. Nahe bei Carlsruhe besahe mein Reisegefährte, ein geschickter Oekonom, einen fürstlichen Meyerhof. Ich schlenderte mit, fand aber wenig Freude dabei, denn es sah öde aus. Mein Oekonom ging auch mit betrübten Gesichte herum und versicherte wie der Papagei in Göthes Vögeln: daß er unaussprechliche Seelenleiden litt, weil hier vierzig Kühe fräßen, wo zwei hundert gefüttert werden könnten. Das ist allerdings ärgerlich, denn da Fressen der Kühe Glück ist, so wünsche ich recht viele Glückliche dieser Art. Diese Landbauenthusiasten sind ein eignes Geschlecht. Die ganze Natur ist für sie eine große Dunganstalt, und die Allmacht Gottes offenbart sich ihnen ausschließend in der Produktion. Dabei haben sie seit einiger Zeit eine wunderbare Melodie zu ihrem Texte erfunden, die ihnen aber rechter Ernst ist, sie nennen ihr Geschäft reine Bemühung zum Menschenwohl. Das ists nun in seinen unendlichen Folgen ganz unfehlbar, aber durch ihre Absicht doch nur sehr mittelbar. Mögen sie aber ihrem Beruf einen Namen geben wie sie wollen, hat man es ihrer Wissenschaft zu danken, daß diese Gegenden so herrlich blühen, ungeachtet so viele rüstige Arme ihrer Bewohner an der Donau die Sichel des Todes führen, statt hier die fetten Saaten zu fällen — so segne Gott ihre Wirksamkeit. Heidelberg war mir wie ein alter Jugendbekannter, mit dem ich ehemals Freude und Leid theilte. In den Morgenstunden meines Lebens saß ich unter seinen Ruinen und schwelgte in kindischem Schmerz, und die ehrwürdige Größe der Trümmern veredelte mein Gefühl. Mir däucht in der Jugend führt Schmerz uns zum Gebet, ist Gebet; im Alter thut es die Freude. Denn das Bedürfniß inniger Gemüther Schmerz zu empfinden, ist doch nur Bedürfniß von der Erde aufwärts zu steigen; wenn die Sonne des Lebens dann sinkt, vergoldet sie die Höhen, die über den langen Erdenschatten noch herausragen, und wir erkennen sie, und danken und beten.

Diese Trümmern waren nach so vielen Jahren das Bild meines Lebens geworden, eine neue blühende Schöpfung sproßte aus ihnen empor. Es haben gewiß viele Reisende von Heidelberg erzählt, ich glaube sogar, daß ich in meinen Wäldern eines ganzen Buches über Heidelberg habe erwähnen hören; hat man denn aber auch recht herzlich gesagt, wie schön die Anlage um das alte Schloß ist? Sie ist ganz das Werk des Oberforstraths Gatterer.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |