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Ausflug an den Niederrhein und Belgien – Johanna Schopenhauer

Mit verdoppelter Eile rauscht die Zeit im Alter an uns vorüber, Tage werden zu Wochen, zu Monaten, zu Jahren, ehe wir uns dessen versehen, während in der Kindheit die zwischen zwei Sonntagen liegenden Wochentage, die wir sehnsuchtsvoll zählen, sich uns zu einer kleinen Ewigkeit ausdehnen, bis endlich der erwünschte Freudentag wieder herankommt, an welchem wir geputzt und schulfrei uns in kindischem Wohlleben festlich ergötzen dürfen. Aber auch in anderer Hinsicht verdoppelt im Alter sich uns das Leben; auf eine Weise, die gewissermaßen für den Verlust uns entschädigt, den wir durch die größere Eile, mit der die Zeit uns fortreißt, scheinbar erleiden; denn das längst Vergangene wird beim leichtesten Anlaß in Erinnerungen uns wieder wach, deren lebensreiche und mannichfaltige Gebilde die langweilige Oede der Gegenwart uns freundlich verhüllen. Dieses fühlte ich recht lebhaft, als ich beim Antritt dieser Reise, von Weimar aus, in Erfurt einfuhr und auf dem holprigen Steinpflaster der schönsten und breitesten Straße dieser großen Stadt mich langsam hinschleppen lassen mußte. Was ich um mich her erblickte, eignete sich eben nicht dazu, mir das kleinste Interesse abzugewinnen; einige Bauerwagen, hin und wieder ein Paar Soldaten, Dienstmädchen, Bettler, bedächtigen Schrittes ihren Geschäften nachgehende Bürger, die vereinzelt in der sehr breiten Straße, der Anger genannt, sich dem Auge fast verloren, konnten höchstens nur beweisen, daß die weitläuftige Stadt nicht völlig verödet und unbewohnt dastehe, deren Bauart noch überall Spuren des regungsvollen, reichbewegten Lebens verräth, das in früheren Zeiten sie zu einer der ersten in Deutschland erhob. Schon war ich im Begriff, über die unbarmherzigen Stöße recht ungeduldig zu werden, die ich in meinem sonst ganz bequemen Wagen auf dem unerlaubt schlechten Pflaster alle Augenblicke erhielt, als mir, ich weiß nicht mehr durch welchen äußern Anlaß, meine Phantasie zu Hülfe kam und mich um zwanzig Jahre zurück, in eine von uns schon mehr als halb vergessene Zeit versetzte, deren man aber, nun die auf ihr ruhende Schmach von uns abgewälzt ist, wohl gedenken mag; Bilder der Vergangenheit zogen an mir vorbei, über die ich jede gegenwärtige Unannehmlichkeit vergaß, und die mich noch viele Stunden weit über Erfurt hinaus begleiteten. Gerade vor zwanzig Jahren, im Jahre 1808, welch ein buntes unermeßliches lebensreiches Gewühl drängte in diesem nämlichen, jetzt so verödeten Raum sich zusammen, als der damals allmächtige Wille jenes Wunderbaren, der nun auch schon seit Jahren auf der Felseninsel St. Helena vom seltsamsten Lebenstraume ausruht, Kaiser und Könige, und was jene ereignißreiche Zeit an großen bedeutenden Männern nur zählte, wie durch ein Zauberwort sich hier zu versammeln berief! Welch einen Anblick gewährte damals diese nämliche Straße, wie rasselten die Räder der vier- und sechsspännigen prachtvollen Equipagen zwischen alle den vielen Tausenden hin, die, von unwiderstehlicher Schaulust gefesselt, in steter Gefahr, von den vorübereilenden Wagen zerschmettert zu werden, vom Morgen bis zum Abend hier standen und zu den jetzt so spärlich bewohnten Häusern hinaufschauten, in der Hoffnung, irgend ein gekröntes oder sonst hochberühmtes Haupt, oder wohl gar den damaligen unumschränkten Gebieter der Welt an den Fenstern derselben zu erblicken. Bürger und Bauern, Fremde aus allen Ländern, Hofherren in reichgestickten Galakleidern, deren bis dahin veraltete, jetzt wieder neu aufgefrischte Form der jüngeren Welt fast lächerlich auffiel, während sie die älteren Frauen an die schönen Tage ihrer Jugendzeit erinnerte, polnische Juden, vornehme Staatsmänner und Officiere, mit Orden und Sternen bedeckt, Bürgerfrauen, elegant geputzte Damen, Lastträger, Bauerweiber mit ihren Körben auf dem Rücken wogten hier im wunderlichsten Gemisch durcheinander und wurden von dem zu Fuß und zu Pferde mit klingendem Spiel zum Exerciren ausziehenden französischen Militair ängstlich zusammengepreßt. Der ganze Anger, so lang und breit er auch ist, die Häuser, ja die große Stadt selbst waren viel zu enge, um alle die Tausende von Fremden bequem zu fassen, die in jenen Tagen aus der Nähe und Ferne in dem sonst so stillen Erfurt sich zusammendrängten. Die vornehmsten und angesehensten Einwohner der Stadt waren rücksichtslos aus Küche und Keller, sogar aus ihren eignen Zimmern in die ihrer Bedienten vertrieben, um dem Gefolge des französischen Kaisers Platz zu machen; die Besitzer kleinerer Häuser in abgelegneren Straßen freuten sich hingegen der goldenen Ernte, die ganz unerwartet ihnen zufiel, und hätten sich gern mit den lieben Ihrigen in ein Mausloch zusammengschmiegt, um nur recht viele Zimmer an die zahllosen Fremden zu vermiethen, die täglich von allen Seiten herbeiströmten. Alle Gasthöfe waren längst überfüllt und kein Unterkommen in denselben mehr zu finden. Napoleon hatte die berühmtesten Schauspieler von Paris nach Erfurt entboten: Talma, die berühmte aber unschöne Duchesnois, die bezaubernde Mars, die schöne George, die reizende Bourgoing zeigten sich wöchentlich mehrere Male zur Unterhaltung der hohen Versammlung in ihren beliebtesten Rollen. Ein kleines, in einem ehemaligen Jesuiterkloster vorgefundenes Theater war in aller Geschwindigkeit mit französischer Behendigkeit und französischer Eleganz zu diesem Zwecke eingerichtet worden. Und so war denn der Anblick aller dieser gekrönten Häupter, dieser weltberühmten Männer, deren Namen man unzählige Male in allen Zeitungen gelesen, von denen in minder bewegten Zeiten jeder einzelne, wo er auch immer sich zeigte, die allgemeinste Aufmerksamkeit erregen mußte, dieser war es nicht allein, was alle diese Fremden nach Erfurt zog. Billets zu den Seitenlogen wurden bei jeder Vorstellung an fremde und einheimische Damen vertheilt; aber zu dem Besitz eines solchen zu gelangen, war selbst für die in der Nähe wohnenden Damen von Weimar nicht leicht. Es gehörte dazu langes vielfältiges Correspondiren mit unsern im Gefolge des Großherzogs von Weimar in Erfurt anwesenden Freunden, viel Bemühungen von Seiten dieser, viel Protectionen, vom Kammerdiener an bis zu dem Herrn von Champagny hinauf, ehe ich und einige meiner Freundinnen so glücklich waren, die erfoderlichen Billets zu einer Vorstellung des Trauerspiels Oedipe zu erlangen, bei welcher Talma und die seit einem halben Jahrhundert als tragische Königin berühmte Raucourt in den Hauptrollen auftreten sollten. In mehrere Wagen vertheilt, fuhren wir erwartungsvoll nach Erfurt, lauter Frauen; denn an männliche Begleitung war für uns in jener Zeit nicht zu denken: politisches Interesse, Schaulust, oder auch die mit ihrer Stellung im Dienste des Großherzogs von Weimar verbundene Pflicht hatte alle unsere männlichen Bekannten längst fortgezogen. Glücklich kamen wir an, legten wohlgezählt unsre Billets in dem uns auf einige Stunden abgetretenen Zimmer nieder und versuchten auszugehen; aber das furchtbare Gedränge in den Straßen trieb uns bald wieder zurück; in steter Gefahr, überritten oder überfahren zu werden, sahen wir gar nichts, weil es eben zu viel zu sehen gab. Welch ein Schrecken ergriff uns, als wir nun unsre Billets zur Hand nahmen, um uns recht frühzeitig in das Theater zu begeben! in hinreichender Anzahl für uns alle hatten wir sie zurückgelassen, und jetzt, wir mochten sie überzählen, so oft wir wollten, immer waren deren zwei zu wenig. Starr vor Entsetzen blickten wir verstummend einander an; daß zwei von uns für ihre Freundinnen sich opfern und im einsamen Zimmer zurückbleiben mußten, war klar wie der Tag. Es war ein furchtbarer, großer Moment, die Zeit drängte, jede von uns fühlte in ihrem Herzen das Erhabene einer solchen unerhört edelmüthigen That; aber jede war auch geneigt, die Ehre der Ausführung derselben der geliebten Freundin zu überlassen. Vergebens wurde jeder Winkel des Zimmers durchsucht, die Billets waren und blieben verschwunden; vermuthlich hatte, mit Hülfe eines Hauptschlüssels, einer der Aufwärter im Hause sich ihrer bemächtigt, um sie unter der Hand zu verkaufen, denn es wurde damals ein bedeutender Handel mit solchen Billets getrieben, und Fremde, die ganz ohne alle Connexionen nach Erfurt kamen, bezahlten sie oft mit mehr als einem Louisdor. »Hätten wir nur ein Paar Officiere!« seufzte endlich die jüngste unter uns, die während des Congresses schon einmal in Erfurt gewesen war: »ein Officier mit einem Orden ist hier im Theater eben so gut als ein Billet!« Ein hellleuchtender Hoffnungsstrahl drang mit diesen Worten in unsre sorgenerfüllten Gemüther; ein Paar Ritter, wie wir sie bedurften, um uns bedrängte Damen aus dieser Noth zu erlösen, waren unter unsern in Erfurt eben anwesenden Bekannten bald aufzufinden, und so zogen wir denn mit erleichtertem Herzen und fröhlichen Muthes, mit und ohne Billet, amArm unserer Beschützer dem Theater zu, kamen ziemlich wohlbehalten durch das es umwogende Gedränge, wurden oben an der Treppe von grimmigaussehenden Gardisten empfangen und ohne Weiteres in mehrere Logen des noch fast ganz leeren Hauses vertheilt.

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