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Anastasja und das Schachspiel – Wilhelm Heinse

Folgende Briefe wurden aus Italien an einen Freund geschrieben. Dieser hat sie aufbewahrt und zeigte sie jüngst dem Verfasser. Er las dieselben als etwas Fremdes; so viel Jahre sind seitdem verflossen. Beide hielten sie jedoch nicht für unwerth, noch jetzt erst bekannt gemacht zu werden, da die Italiener und vielleicht andre Nationen nichts Besseres über das Schachspiel haben, als was darin von einem ihrer größten Meister enthalten ist; und besonders, da man wahrscheinlich ähnlichen Begebenheiten, als wir die letztere Zeit erlebten, dessen Ursprung zu verdanken hat. Billig sollt‘ ihm dies für Krieger, Fürsten und Gelehrte, Überhaupt für die Gebildeten einen frischen Reiz geben. Buonaparte gewann die Schlacht bei Marengo, die schon verloren schien, durch eine vortreffliche italienische Rochirung (deren Mannigfaltigkeit man darin kennen lernen wird), die nichts Andres ist, als eine in Sicherheit gestellte auserlesene Schaar, welche nicht eher losbricht, als bis der Feldherr den Vortheil gewiß ersieht, oder wenn Noth an Mann geht. [Cäsar in der Beschreibung gegen das Ende der Pharsalischen Schlacht, die über die römische Republik entschied: Tertiam aciem Caesar, quae quieta fuerat, et se ad id tempus loco tenuerat procurrere jussit. Cäsar ließ den Hinterhalt hervorbrechen, der bis zu dieser Zeit ruhig gestanden hatte. – Die Nachrichten über den Ausgang der Schlacht von Marengo sind übrigens für den Verfasser noch nicht entschieden bestimmt, da mündliche von den öf entlichen abweichen.] Die Schlacht bei Hohenlinden ward verloren, weil ein Haupttheil der Armee sich in der Nacht verirrt hatte, was man nicht vorhersehen konnte, am Morgen hinter dem andern still stehen mußte, wie im Schachspiel ein gesperrter Thurm, Springer und Läufer, und mehr hinderte, als handeln konnte, da alle Kraft des Feindes in höchster Bewegung war. Augenzeugen sagen, daß Buonaparte und Massena Meister im Schachspiel sind, und oft darin, bei dem ersten Feldzug in Italien, Erholung, vielleicht neue Pläne schöpften. Ein Spiel, worin man sich dazu vorbereiten, lernen, sich angewöhnen kann, was über die Schicksale von Nationen entscheidet, ist wohl der Mühe werth, studirt zu werden. Es ist damit nicht gesagt, daß wer ein großer Schachspieler ist, auch ein großer General sein werde. Menschenkenner, aber keine, oder nur sehr mittelmäßige Schachspieler, versichern, Klötze gesehen zu haben, die stark in diesem Spiele gewesen wären. Dem Verfasser ist Keiner so vorgekommen. Es sei. Blos das Spiel, die Puppen waren diesen Alles, ohne weitere Gedanken. Sie lernten es gerade deswegen leichter, weil sie durch nichts zerstreut wurden; ihre Aufmerksamkeit ward durch nichts in der Welt gestört. Und doch, wer weiß, was geschähe, wenn Dieser und Jener auf die Probe gestellt würde. Die Eigenliebe urtheilt oft rasch. Das Genie richtet sich zuweilen blos nach Norden oder Süden, wie die Magnetnadel, und blickt auf Andres, wie am Tag eine Nachteule. Die größten Feldherren, die größten Männer in verschiedenen Künsten und Wissenschaften sind nicht selten so beurtheilt worden. Millionen wußten, daß Wasser einen Strick zusammenzieht; aber nur ein Transtiberiner hob damit den Obelisk vor die Peterskirche auf dessen Gestell, als der Architekt verzweifelte. Es ist wie mit dem Apfel Newtons; nur ist bei dem Spiel schon sinnlich die Anwendung, die sich leicht überträgt auf die Wirklichkeit; so wie noch erfreulicher für einen Helden aus der Wirklichkeit ins Spiel. Wer keine Lust daran hat, soll es nicht lernen.


Vielleicht kommt sie ihm zu spät, wenn er es nicht mehr kann. Erster Brief. Padua im April 1781. Von der mir ungewohnten Seelust bin ich den Winter in Venedig fast eingepökelt worden. Ich würde schon längst meine Reise weiter fortgesetzt haben, wenn ich nicht dabei eine Arbeit, nach meinem Versprechen, zu Anfang des Frühlings hätte vollenden und einigen Nationalfesten noch beiwohnen wollen. Ich fühle nun wirklich die frische, süße Landlust das Salz in meinen Gliedern auflösen; und das thut mir ungemein wohl und stärkt mich von neuem. Die vorige Woche bin ich aus den Lagunen aus der Brenta hierher gefahren. O, wie weideten sich meine Augen an dem jungen Grün der Bäume, der Wiesen und an den Blüthen der Gärten, die ihre Ufer schmücken! und an ihrem schönen Wasser, das reiner und heller ist, als das des Po und der Etsch! den Namen gab ihr wahrscheinlich ein Ausflug Griechen von Brendyomai: Ich wandle stolz einher; denn stolz ist oft ihr Lauf und lauter Auge. Der Himmel war heiter, wie hier zu dieser Zeit immer. In der Jacht befand sich eine gute Gesellschaft meistens junger Leute, die sich lebhaft unterhielten. Nirgendwo auf der Welt gibt es, glaub‘ ich, ein so gesprächiges Volk, als das zu Venedig. Ich hatte mich auf das Verdeck gestellt, und sah nur und hörte wenig, außer einigen Sentenzen, die etwas derb an meine Ohren schlugen: als Giudizio è una b****. Ci vuol fortuna in sto mondo! giudizio senza fortuna è niente. Es war eben das Gespräch über Rußland und dessen Klima, besonders bei Moskau, Petersburg und weiter hin gegen Norden, wo man sich vor Kälte das Gesicht und die Nase bekleiden müßte und schon im November das Quecksilber hämmern könnte; und über Maria Theresia compagna dell‘ altra u.s.w. Ein junger Arzt und Schüler des Morgagni, wie ich nachher erfuhr, machte mich dann doch aufmerksam. Er hielt bei dieser Gelegenheit eine Standrede, die ein gediegner Auszug war des Meisterstücks des Hippokrates von der Lust, den Wassern und Gegenden; und wendete das Treffliche des Vaters der Aerzte auf unsre Zeiten an, und endigte mit einer schönen Hymne zum Lobe Italiens, Des Nachmittags, als wir bei einer Schleuße angehalten und da in einem Wirthshause gespeist hatten, hörte ich, eben wieder auf dem Verdecke, mehrmals Suer Krut, und bemerkte, daß man über die Nationalgerichte verschiedener Völker sprach, und daß das Beste, was die Deutschen hätten, ihr Sauerkraut wäre. Einer unterhielt dann die in einem Zimmer Abgesonderten von andern Dingen in Deutschland, wo er gewesen war. Ich stieg inzwischen mit einem Andern wie von ohngefähr hinunter. Die Rede war von unsrer Literatur, und er sagte Verschiedenes zum Lobe unsrer Schriftsteller, besonders Dichter. Der Schluß war jedoch: Ma anno sempre qualche cosa di pesante; aber sie haben immer etwas Schwerfälliges. Der Sprecher war ein Mann in den Dreißigen, und Gutherzigkeit und heiteres Wesen leuchtete auf seinem wohlgebildeten Gesicht hervor; kurz, er trug ganz das Gepräge von einem ächten Venetianer, und sie nannten ihn Hauptmann. Ich fand wahrscheinlich, daß er vielleicht, oder ein Anderer von der Gesellschaft, wissen möchte, was für ein Landsmann ich sei, und wollte dies nicht so stillschweigend hingehen lassen, mischte mich ins Gespräch und wendete dagegen ein: es gehöre viel Kenntniß dazu, wenn man von einer Anzahl Menschen, auch aus derselben Classe, etwas Bestimmtes im Allgemeinen sagen wolle, ohne ungerecht zu sein. So hab‘ ich immer widersprochen, wenn Dieser und Jener einer andern Nation von den Italienern behauptet hätte: anno sempre qualche cosa di fantastico.

Der Geschmack sei verschieden nach den Himmelsstrichen. Er betrachtete mich dabei aufmerksamer und versetzte dann: Es ist wahr, man kann so im Gespräche leicht irren. Aufgeklärte Menschen, die in einem gewissen Reichthume von Natur leben und gelebt haben und Sprache und Kunst hinlänglich verstehen, werden entscheiden. Für die Nachwelt, das mag sein! fuhr ich fort, aber nicht für die Gegenwart; da entscheiden Umstände, und die Macht und die Menge. Zuweilen wirkt gerade das am Meisten, was eine Nation bei der andern für einen Fehler achtet. Lassen Sie uns nicht zu streng sein, wenn ein Volk sich dankbar für das Vergnügen erzeigt, das ihm seine Künstler gewähren. Wir wurden hier durch einen Zufall bei den Schiffleuten unterbrochen und ich ging wieder auf das Verdeck. Der Hauptmann folgte bald nach. Bei neuer, gefälliger Unterredung gestand ich ihm gern, was für ein Landsmann ich sei; und er mir, daß er nur bis Wien gekommen wäre, zwar geläufig Deutsch lese, aber, bei der Schwierigkeit der Sprache für einen Italiener, sich bescheide, nicht den gehörigen Richter, besonders über unsre Dichter, machen zu können. Um ihm etwas Angenehmes darauf zu erwiedern, sagte ich: Die Italiener ruhen immer in Ehren, wenn sie keine neuen sammeln wollen, auf den Lorbeern ihrer Väter, gleichsam wie reiche Fürsten und Edelleute; unser classisches Zeitalter scheint erst zu beginnen. Wir können freilich auf unserm Parnasse nicht in das schöne griechische Meer schauen und die reizenden Küsten und Inseln. Homer, Virgil, Ariost hatten einen ungeheuern Vortheil; schon dadurch, daß sie vor uns waren und den Rahm abschöpften. Er fragte mich dann, in welchem Wirthshause zu Padua ich einkehre? er möchte mich mit einem der besten Köpfe im Lande bekannt machen. Ich nannte ihm eins, das mir angerathen worden war, welches ich aber nicht kenne, da ich zum Erstenmal hinkomme. Er sagte mir darauf: er kehre immer in einem Kaffeehause bei einem guten Freunde ein; und so dieser bei ihm zu Venedig. Dieses habe die schönste Lage am Prato. Neben an stünde ein Zimmer ledig, wovon er hoffe, daß es mir mit dem billigen Preise gefallen würde, wenn ich mich einige Zeit zu Padua aufzuhalten gedächte. Für gutes Essen und Trinken wolle er ebenso sorgen. Es verstünde sich, Alles nach meinem Gutbefinden. Ohne viel Bedenken überließ ich mich seiner Führung. Wir kamen an. Ich ging mit ihm nach dem Kaffeehause; fand daneben im ersten Stock ein schönes, gewölbtes Zimmer mit drei Fenstern nach dem Prato, gutem Bette und Hausgeräthe, wöchentlich um einen wohlfeilen Preis, und quartierte mich gleich ein. Die Hausfrau schien eine gute Matrone. Ich richtete mich bald ein, so bequem war Alles. Nach der ersten Stunde der Nacht kam der Hauptmann wieder.

Er hatte mich schon bei dem Gelehrten angekündigt; meldete mir nun den Namen von ihm, und ich freute mich, daß es derselbe war, dessen berühmtes Buch — — — ich erst kürzlich gelesen hatte. Er schilderte mir mit Kenntniß und Geist die vorzüglichsten Männer der Universität und machte bei dieser Gelegenheit einige mich überraschende Bemerkungen über Pavia, Mailand, Turin und überhaupt den gegenwärtigen Zustand der Wissenschaften und Künste in der Lombardei.

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